; •■';■■'■■

ins

101111

nnOWfni

WGH«wirflH

■-■■.■■•:'

TEXTE UND UNTERSUCHUNGEN

ZUR GESCHICHTE DER

\ ALTCHRISTLICHEN LITERATUR

ARCHIV FÜR DIE VON DER KIRCHENVÄTER-COMMISSION

DER KGL. PREOSSISCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN UNTERNOMMENE

AUSGABE DER ÄLTEREN CHRISTLICHEN SCHRIFTSTELLER

HERAUSGEGEBEN VON

ADOLF HAßKACK und CAUL SCHMIDT

DRITTE REIHE SIEBENTER BAND

DER GANZEN REIHE XXXVII. BAND

LEIPZIG

J. C. HINRICHS'sche BUCHHANDLUNG 1911

INHALT DES 7. BANDES DER DRITTEN REIHE

(DER GANZEN REIHE XXXVII. BAND)

Schmidtke, Alfred, Neue Fragmente und Untersuchungen zu den j

judenchristlichen Evangelien. Ein Beitrag zur Literatur und > Heft 1

Geschichte der Juden Christen. VIII, 302 Seiten. 1911. J

von Gebhardt, Oscar, Die Akten der edessenischen Bekenner j

Gurjas, Samonas und Abibos. Aus dem Nachlaß von 0. v. G. > Heft 2

hrsgeg. von Ernst von Dobschütz. LXVIII, 264 S. 1911. J

Barth, Carola, Die Interpretation des Neuen Testaments in der \

Valentinianischen Gnosis. IV, 118 Seiten. 1911. j

Harnack, Adolf, Kritik des Neuen Testaments von einem grie- 1

chischen Philosophen des 3. Jahrhunderts [die im Apocriticus > Heft 4

des( Macarius Magnes enthaltene Streitschrift]. IV, 150 S. 1911. j

NEUE

FRAGMENTE UND UNTERSUCHUNGEN

ZU DEN

JUDENCHRISTLICHEN EVANGELIEN

EIN BEITRAG ZUR LITERATUR UND GESCHICHTE DER JUDENCHRISTEN

VON

ALFRED SCHMIDTKE

fm?

LEIPZIG

J. C HINRICHS'sche BUCHHANDLUNG 1911

Texte u. Untersuchungen etc. Band 36 Heft 3 erscheint später.

Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig. DIE GRIECHISCHEN

CHRISTLICHEN SCHRIFTSTELLER

DER ERSTEN DREI JAHRHUNDERTE

Herausg. von der Kircbenväter-Commission der K. Preuss. Akademie d. Wissenschaften.

Nicht nur die Werke der Väter im kirchliclum Sinne des Wortes, sondern alle in griechischer Sprache ffeschriebenen Urkunden des ältesten Christentums {einschließlich der gnostischen, der zuverlässigen Märtyrer- acten usw.) sollen in kritischen, nach einem einheitlichen Plane gearbeiteten Ausgaben vorgelegt, werden. Wo die Originale nicht mehr vorhanden sind, treten die alten Übersetzungen ein. Die Ausgaben erhalten außer einem roll ständigen Apparat historisch or ienlierende Einleitungen und Register und. sie sollen sowohl in philologischer als in historisch-theologischer Hinsicht den Anforderungen entsprechen, die heute mit Recht an solche Ver- öffentlichungen gestellt werden. Der Umfang dieser monumentalen Ausgabe ist auf etwa 50 Bände berechnet.

Jährlich noch nicht 20 Mark hat die Anschaffung der ganxen Reihe bisher durchschnittlich beansprucht, ein Betrag, der gewiß auch jeder Meinen Bibliothek die Subskription möglich macht, um sich die so wertvolle Sammlung vollständig xu sichern.

Soeben erschien:

Theodorets Kirchengeschichte. Herausgegeben von Leon Parmentier.

(335,8 Bogen:. 1911. M. 17— ; geb. M. 19.50

Früher erschienen :

AuamantlUS. Der Dialog tieqI Tr}q elq &edv ÖQ&fjq nioremg. Herausg. v. W. H. van de Sande Bakhuyzen. Mit Einleitung u. dreifachem Register. (193/8 Bogen). 1901. H. 10

Clemens Alexandrinus. Protrepticus und Paedagogus. Herausgegeben von Otto Stählin. Mit Einleitung und dreifachem Register zu den Scholien. ■^T1 4 Bogen). 1905. [Clemens Alexandrinus Bd. I] M. 13.50

Stromata Buch I VI. Herausgegeben von Otto Stähi.in. Mit Ein- leitung. , 333;8 Bogen). 190G. [ClemensAlexandrinusBd.il] M. 1*3.50

Stromata Buch VII und VIII Excerpta ex Theodoto Eclogae Propheticae Quis dives salvetur Fragmente. Herausgegeben von Otto Stählin. Mit Einleitung und drei Handschriftenprobeu in Lichtdruck. (20 Vs Bogen). 1909. [Clemens Alexandrinus Bd. III] M. 11

Ein vierter (Schluss-J Band wird Register, Nachträge und Berichtigungen enthalten. Die Esra- Apokalypse (IV. Esra). I. Teil: Die Überlieferung. Heraus- gegeben von Bbl'no Violet. (317s Bogen). 1910. M. 17.50

Eusebius. Über Constantins Leben. C's Rede an die Heilige Ver- Mujimlnng. Tricennatsrede an Constantin. Hrsg. v. J. A. Heikel. Mit Eiuleitg. u. dreif. Reg. (29 Vs Bogen). 1902,. [Eusebius Bd. I] M. 14.50

Die Kirchengeschichte mit der lateinischen Übersetzung des Rdtinus. Herausgegeben von Ed. Schwartz und Th. MommsenT I. Teil: Die Bücher I— V. (31"/8 Bogen). 1903. [Eusebius Werke Bd. II, l] M. 16

IL Teil. Die Bücher VI— X. Über die Märtyrer in Palästina.

;4 Bogen). 190S. [Eusebius Werke Bd. II, 2] M. 17

III. Teil. Einleitungen (zum griechischen Text von Ed. Schwartz,

zu Rufiu von Th. Mo.mmsent), Übersichten (Kaiserliste, Bischofslisten,

' die Oekonomie der Kirchengeschichte) und fünffaches Register.

(30 7a Bogen). 1909. [Eusebius Werke Bd. II, »] M. 12

(Fortsetzung dritte ümscblagseite.)

NEUE

FRAGMENTE UND UNTERSUCHUNGEN

ZU DEN

JUDENCHRISTLICHEN EVANGELIEN

EIN BEITRAG ZUR LITERATUR UND GESCHICHTE DER JUDENCHRISTEN

VON

ALFRED SCHMIDTKE

LEIPZIG

J. C HINRICHS'sche BUCHHANDLUNG 1911

OCT i 4 1937

TEXTE UND UNTERSUCHUNGEN

ZUR GESCHICHTE DER ALTCHRISTLICHEN LITERATUR

ARCHIV FÜR DIE VON DER KIRCHENVÄTER-COMMISSION

DER KGL. PREUSSISCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN UNTERNOMMENE

AUSGABE DER ÄLTEREN CHRISTLICHEN SCHRIFTSTELLER

HERAUSGEGEBEN VON

ADOLF HARNACK und CARL SCHMIDT

3. REIHE 7. BAND HEFT 1

37. BAND HEFT 1

Druck vou August Pries in Leipzig.

Vorwort.

Die Untersuchungen, die ich im Anschluß an die Mitteilung der neuen Fragmente und ihrer tlberlieferungsgeschichte vor- zulegen mir gestatte, bemühen sich vornehmlich um den Nach- weis folgender Sätze.

Das HebräerevaDgelium und die aramäische Matthäusbear- beitung der Nazaräer, seit Hieronymus für eine und dieselbe Größe gehalten, sind zwei völlig verschiedene Schriftwerke ge- wesen. Der nazaräische Matthäustext hat den Anlaß zur Ent- stehung der falschen Tradition vom hebräischen Urmatthäus gegeben, und auch Väter wie Euseb und Apollinaris von Lao- dicea haben ihn als das matthäische Original anerkannt und verwertet. Seine Urheber und Besitzer, die Nazaräer, bestanden lediglich aus dem späterhin abgesonderten judenchristlichen Teil der ursprünglich gemischten Gemeinde von Beröa in Cölesyrien.

Das Hebräerevangelium war allem nach wirklich identisch mit dem Sonderevangelium der Ebionäer, auf das Epiphanius den Titel xa&' 'Eßgaiovc, bezogen hat. Auf jeden Fall ist die übliche Verselbigung der ebionäischen Evangeliencomposition mit dem Evangelium der zwölf Apostel unhaltbar. Aber das Bild, das Epiphanius von den Inhabern des Hebräerevangeliums entworfen hat, beruht in den meisten und eindrucksvollsten Zügen nur auf Mißverständnissen und nichtigen Combinationen. Ebionäergemeinden, die eine Geschichte, ein Lehrsystem und eine Literatur besessen hätten, wie der Häresiologe sie ihnen zuschreibt, haben nie existiert.

Eine mechanische Registrierung der Personen, Sachen und Stellen mit allen Seiten, auf denen sie Erwähnung gefunden haben, schien mir ohne Nutzen zu sein. Wo die Hauptprobleme behandelt sind, ersieht man aus dem Inhaltsverzeichnis. Da auch

IV Vorwort.

die Nebenfragen zum größten Teil nur im Zusammenhang des ganzen Beweisganges recht gewürdigt werden können, glaubte ich nach mehrfachen unbefriedigenden Versuchen von der Bei- gabe eines Registers absehen zu dürfen. Kurze Zusammen- fassungen am Anfang der wichtigsten Abschnitte und häufige Rückverweise suchen die Übersicht zu erleichtern.

Möge der Wert des Buches einigermaßen den Opfern ent- sprechen, die seine ungeahnt langwierige Vollendung von mir gefordert hat.

Berlin, im Juli 1911.

Alfred Sckniidtke.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Vorwort III

Verzeichnis der benutzten Väterausgaben VII

Verbesserungen VIII

Erster Abschnitt.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte 1

I. Festlegung der Evangelienausgabe Zion 1

II. Die d&s'lovöa'ixöv berücksichtigenden textkritischen Schoben

zum Matthäustext der Ausgabe Zion ........ 21

Zweiter Abschnitt.

Zusammenstellung der auf die judenchristlichen Evangelien

bezüglichen Angaben 32

Dritter Abschnitt.

Die aramäische Matthänsbearbeitung der Nazaräer im Urteil

und Gebrauch der griechischen Väter 41

1. Die Auskunft des Papias 42

II. Hegesippus 51

III. Eusebius von Cäsarea 54

IV. Apollinaris von Laodicea 63

V. Epiphanius 95

Tierter Abschnitt.

Das Hebräerevangelium bei den griechischen Vätern bis

Euseb 126

I. Kritik der auf das HE bezüglichen Nachrichten .... 127

II. Die Hauptgründe für die Verschiedenheit des Hebräer- evangeliums von dem aramäischen Matthäus der Nazaräer 161

ßQ

IS

TB

yi Inhaltsverzeichnis.

Fünfter Abschnitt.

Seite

Epiphanias über das Hebräerevaugelium und seine Leser 166

I. Das Ebionäerevangelium und das Evangelium der Zwölf 170 II. Das Verhältnis des Ebionäerevangeliuins zu dem Matthäus

der irenäischen Ebionäer, erörtert auf Grund einer Unter- suchung über die Quellen und die Vorgeschichte der

Ebionäerbeschreibung bei Epiphanius 175

III. Ebionäer- und Hebräerevangelium 242

Sechster Abschnitt.

Die Yerselbigung der nazaräischen Matthäusausgabe mit

dem Hebräerevangelium durch Hieronymus .... 246

I. Hieronymus und die Nazaräer 246

II. Voraussetzungen, Anlaß und Folgen der Gleichsetzung . . 256

III. Nicht zur Sache gehörige Aussagen des Hieronymus . . . 274

IV. Die späteren Abendländer 281

Siebenter Abschnitt. Die Varianten des nazaräischen Matthäustextes 287 302

VII

Verzeichnis der benutzten Väterausgaben.

1. Ohne Nennung des Herausgebers, des Bandes und der Seiten sind citiert die Schriften, die bis jetzt in der von der Kgl. Preuß. Akademie der Wissenschaften veranstalteten Ausgabe der griechischen christlichen Schriftsteller erschienen sind, ferner folgende Werke:

Clementina (die pseudoclementinischen Homilien) ed. La gar de 1S65

Clementis Romani Recognitiones Rufino interprete ed. Gersdorf 1S38

Clementis Romani Epistulae ed. v. Gebhardt-Harnack 1S75

dmstitutiones apostolomm ed. Funk 1900

Epiphanii Opera ed. Dindorf 1859 1802

Eusebii Demonstratio evangelica ed. Dindorf 1807

Hieronymus Liber de viris inlustribus ed. Richardson 1890 (TU XIV 1)

Hippolyti Refutatio omnium haeresium (»Philos.«) ed. Duncker und

Schneidewin 1S59. Ignatii Epistulae ed. Zahn 1870.

2. Die übrigen Schriften werden in der Regel unter Angabe des Bandes und der Spalten nach den Abdrucken von Migne citiert. Für die griechische Reihe ist als Siglum MG, für die lateinische Reihe ML ge- braucht. Nur im zweiten Abschnitt sind die Stellen bei Migne der Übersichtlichkeit halber absichtlich nicht angegeben. Leider habe ich erst ganz nachträglich bemerkt, daß die Sammlungen Mignes öfters mit Neudrucken einzelner Bände durchsetzt sind, deren Paginierung zuweilen von der des ersten Abdruckes abweicht. Ich habe mich der Exemplare bedient, die im Lesesaal der Kgl. Bibliothek zu Berlin auf- gestellt sind.

3. In den anderen Fällen ist der Herausgeber, Band und Seite namhaft gemacht.

VIII

Verbesserungen.

S. 9 Z. 16 v. o. lies:

der statt den.

S. 18 Z. 3 v. u.

V

Archeologii Kaukaza.

S. 22 Z. 20 v. o.,

S. 39 Z. 13 v. u., S. 72 Z. 5

S. 23 Z. 2 v. u.

lies

: navevcpfj/xov.

S. 25 Z. 5 v. u.

eiq statt Eiq.

S. 27 Z. 8 v. u.

;>

in n.

S. 29 Z. 2 v. o.

j>

lieferten.

S. 33 Z. 14 v. u.

>)

(;).

S. 84 Z. 16 v. o.

,,

9*"\\

S. 143 Z. 6 v. o.

V

judenchristlichen.

lies: elxy.

Erster Abschnitt.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte.

I. Festlegung der Evangelienausgabe Zion.

1. In 36 Evangelienhandschriften finden sich, teils unter allen, teils nur noch unter einzelnen Büchern erhalten, folgende Unterschriften:

EvayysZiov xara Mar&alov eygdcp?] y.ccl dvreßXrj&T] ex tcuv tv'lsQoöoÄvfioig JtaXaiäv avrtygdcpwv rcöv ev reo ccyicp oget droxeiuevcov ev örlyoig ßcpiö (al. ßvjcö). xecpa/.aioig ?vs (rvQ.

EvayyeXiov xara MccqxoV eygdcp j] xal dvreßXqd-i) ofioimq ex rcöv eüJtovöaöfievcov ev öriyoig acp^ {acpv), xecpaXaioig

o).; iülö).

EvayyeXiov xara Aovxav eygdcpi] xal dvreßXrjQ-t] oiioicog (add. ex rcöv avrcov dvriygdcpcov) ev örlxoig ßy_o^ (ß*p£), xecpaXaioig rtuß.

EvayyeXiov xara *lcodvvi]v' eygdcpr] xal dvreßXrjßrj ouolcog ex rcöv avrcov avnygdcpoiv ev Griyoig ßöi (atfriX), xe- cpaXaioig oXß.

Der erste Versuch, diese Vermerke für die Geschichte des evangelischen Textes auszunützen, ist von Bousset in seinen höchst bedeutsamen Textkritischen Studien zum Neuen Testament 1894 (TU XI 4) S. 132— 135 gemacht worden. Mußte sich Bousset mit den zehn damals bekannten Zeugen begnügen, so konnte Lake, Texts from Mount Athos 1902 (Studia biblica et eccle- siastica V 2) S. 137 139 die Frage nach der ursprünglichen Zugehörigkeit jener Angaben mit Hilfe von zwei zu jenen noch neu hinzugekommenen Handschriften wieder aufnehmen. Das zu schmale Material hat es beiden Forschern verwehrt, zu einer all- seitig befriedigenden Lösung zu gelangen.

T. u. U. '11 : Sehmidtke. 1

2 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Im Besitz der Beschreibungen und von Collationen der weit- aus meisten erhaltenen Evangelienabschriften hat sich zuletzt von Soden, Die Schriften des Neuen Testaments 1902 ff der Aufgabe unterzogen, die mitgeteilten Aussagen an einer festen Stelle unterzubringen. Da die Subscriptionen zur Ausstattung des Typs Ir, eines stark nach dem Vulgärtext K oder dessen Spielart K1 abcorrigierten Ausläufers der Recension I, gehört haben und sich ferner in etlichen Vertretern des Commentar- werkes Aa zeigen, dessen Text gelegentliche (freilich keineswegs typische) Berührungen mit Ir aufweist, so dürfe man. führt von Soden S. 1176 aus, den Schluß wagen, daß Ir und Aa der- selben textkritischen Arbeit ihre Entstehung verdanken, die Notiz über die letztere also in beiden authentisch ist. Nur daß das Er- gebnis jener Arbeit nur in zwei, in verschiedenem Maße von K beeinflußten späteren Stadien uns erhalten sei. Zweifellos sei der Textkritiker des vielleicht fünften oder sechsten Jahrhunderts mit einem K^-Text, wie er in Antiochien herrschend gewesen sein dürfte, nach Jerusalem gekommen und habe dort, in der Heimat von I; an I-Lesarten in seinem Texte aufgenommen, so viele oder wenige derselben ihm dies zu verdienen schienen. In einem späteren Zusammenhang bietet von Soden eine andere Erklärung. Er stellt S. 1261 die Unterschriften auch für den Archetyp der I-Familie 0 fest und vermutet, daß sie vielleicht bei dieser Gruppe ihren ui'sprün glichen Ort haben. »Denn Ir könnte recht wohl wie die meisten seiner I-Lesarten, so auch diese Notiz von dem Typ 0 bezogen haben.« In bestimmtester Form wird diese Ansicht S. 1272 ausgesprochen: »Ir stellt sich hier (in Mark. Luk. Joh.) als eine nach K verwässerte Ab- schwächung von 0 dar. Diese Abkunft macht nun die für Ir so rätselhafte ävTsßZrjd-rj-sxihscY. verständlich. Sie ist Erbstück von 0, wo sie ihren ursprünglichen Platz und ihre Berechtigung hat.« Allein, die Ableitung von Ir aus 0 muß auf einer Ver- wechslung von Variantenauszüsjen fußen*. Das Urteil ist viel-

*) Ich verweise auf die zahlreichen Listen bei von Soden, in denen die Ir-Lesarten nicht von 0 begleitet sind, und auf den aufteilenden Apparat. Bei der Herausarbeitung der I-Typen habe ich niemals irgend- welche besonderen Beziehungen zwischen Ir und O bemerkt. Übriger das gegenseitige Verhältnis beider Textgrößen nicht von ausschlaggebender Bedeutung für die Frage nach dem Ursitze der Unterschriften. Wir Würden

Die neuen Fragmente und ihre (berlieferungsgeschichte. ;{

mehr dahin zurechtzustellen, daß der Mustercodex von I1' und die Stanimhandschrift der Gruppe 0, welch letztere überhaupt keine besondere Bearbeitung oder Ausgabe darstellt, sondern nur einige auf das stärkste auseinandergelaufene Nachkömmlinge eines ein- zelnen älteren Codex umfaßt, zwar aus der nämlichen Textwelt stammen,- untereinander jedoch gar nicht näher verwandt sind. Bereits diese Feststellung weist hin, wo die Lösung zu suchen ist. Wir zählen die Zeugen der Unterschriften nach ihrer text- lichen Zugehörigkeit auf1 und zeigen die Vertreter der oben durch Einklammerung unterschiedenen zweiten Fassung durch Fettdruck an:

a) I-Gruppe Ia: f 03.

b) I-Zweig 2: £ 207.

c) 1 -Gruppe <£, Familie 6 162 ff: 6 162 e 2046 402 4007 506.

d) I-Codex e 1338 d 477 mit Resten aus dem Textkreise <I>.

e) I-Codex e 1246 mit Textresten aus einem Kreise 2 + <I>.

f) I-Codex e 1341 mit stückweise noch bedeutenden Resten aus einer dem Archetyp I viel näherstehenden Vorstufe des Stammcodex von lr.

g) I-Gruppe I*: e 77 1020 1083 100 116 175 1203 L298 2045 432.

h) I-Zweig O: £ 1222 1279. i) I-Codex e 352 mit sporadischen Resten aus I, die nach

Stichproben jedoch keine intimere Verwandtschaft mit

einer der vorgenannten Größen verraten.

k) I-Typ B: s 220.

1) Vulgärtexte: 6 200 = e 1490 2036 1487 4010, die Theo-

phylaktcommentare Oe S3 41'2, die Antiochenercommentare l _>:} / 134 = 138= 14 1

zu demselben Endergebnis kommen müssen, aucb wenn, was aber durchaus zu bestreiten ist, die Vorlage von lr nur als ein Ausläufer von O zu kenn- zeichnen wäre.

1) Die Handschriften führe ich nach dem Benennungssystem von Soden's an. Die entsprechenden Nummern Gregory's findet man in dessen Textkritik des NT III (1909) S. 1418 ff. Von Soden gibt S. 2162— 217G ein Verzeichnis, in welchen Paragraphen die einzelnen Codices von ihm be- handelt worden sind. Wie die oben aufgezählten Texte miteinander und ihren Verwandten, so sind auch ihre Subscriptionen für den vorliegenden Zweck sämtlich von mir nochmals auf das genaueste verglichen worden;

1*

4 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Was zunächst die unter 1 vereinten Codices mit Vulgär- texten betrifft, so haben sie die Unterschriften nachweislich aus einer der vorangehenden Gruppen sich widerrechtlich als Schmuck angeeignet. So copiert s 2036 die Angaben vollständiger als £ 1279 (h) aus einem verlorenen Vorgänger von £ 1279, gleich dem er auch in Süditalien in zwei Halbzeilen geschrieben ist; £ 2036 bietet nämlich ebenso wie £ 1279 unter Matth. die Ditto- graphie ävzifQct(p6vTcov rmv, die Abrundung der Stichenzahl ßcpiö zu ßcp, den Ausfall der xscpaXaia. Die Vorlage der Du- bletten A 134 = 138= 141 hat die Vermerke 1 aus einem Codex von g zugleich mit einer dieser Gruppe Ir eigentümlichen text- kritischen Notiz zu Joh. 7 53 8 n entlehnt, auf die im dritten Abschnitt zurückzukommen ist. Aus der gleichen Quelle schöpfte £ 4010, der zusammen mit jener ^4-Commentarvorlage unter Matth. die Worte zcäv sv tcö ayico oqsi anoxu^ivcov ausläßt. Der Schreiber von 0£33 ist offenbar von einem Bruder oder näheren Vorfahren von £ 93 (a) abhängig, da bei ihm unter Matth. der in £ 93 unter Mark, erscheinende Wortlaut eyQatprj xal ävxt- ßXrj&rj Ix xcöv IsgoöoXvficov xalaicöv avriyQag>cov genau wieder- kehrt; deshalb ist auch £ 93, in dem die Zahlenangaben ab- gestoßen sind, gleich 0e33. wo sie noch erhalten sind, oben zu den Zeugen der zweiten Fassung gezählt worden. A 23 hat die Unterschriften in Gemeinschaft mit einer Reihe von patristischen Excerpten aus einer Handschrift der Gruppe b e entnommen. Die Codices 6 200 = £ 1490 mit glattem Vulgärtext werden gemeinsam auf eiuen auf dem Athos geschriebenen Vorgänger zurückgehen, der wie ö£412 die Anleihe bei g oder h gemacht hatte, während £ 1487, ein Vertreter der sehr verbreiteten vul- gären Spielart üTa, nur die Notizen zu Mark. Luk. als vermeint-

doch muß hier darauf verzichtet werden, die textlichen Charakterisierungen durch Variantenlisten zu rechtfertigen, die zahlreichen falschen Stichen- und Capitelziffern in den früheren Veröffentlichungen hervorzuheben, sowie die offenbaren Verschreibungen, Verkürzungen und sonstigen Willkürlich- keiten in der handschriftlichen Überlieferung der Notizen ausführlich zu besprechen. Einige Abänderungen der Unterschriften werden späterhin noch erwähnt werden.

1) Die Unterschriften in A 13s sind nicht, wie Gregory, Textkritik I S. 133 anmerkt, erst von einer späteren Hand angebracht worden, sondern ursprünglich. Dagegen ist bei von Soden S. 537 Zeile 5 v. o. .4 ,33 unter den Vertretern der Subscriptionen ganz zu tilgen.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte. 5

liehe Kunde über die Urausgabe dieser Evangelien unter die Capitellisten eingestellt bat, vielleicht aus e 2046 (c) sich ver- sorgend, der wie t 1487 im Athoskloster Philotheu liegt.

Von den übrigen Tradenten der Unterschriften rücken die Gruppen b e schon dadurch zusammen, daß sie den Hand- schriftenzweigen -w und <P angehören, die beide aus einem selben Aste des Stammbaumes von I entsprungen sind. Die Zeugen b e teilen ferner nicht nur die zweite Fassung der Vermerke, sondern auch, hier und da in verschiedener Verminderung des Urbestandes, eine Sammlung einleitender Abhandlungen, nämlich die dem Euseb zugeschriebenen Hypothesen, Auszüge aus Origenes, Hippolyt von Theben, Theodor von Mopsueste, Chrysostomus, Titas von Bostra, Kyrill von Alexandrien, Kosmas Indikopleustes, endlich zwei Epigramme vor jedem Evangelium, deren zweites jeweils NixtJtov tov (pUooocpov überschrieben ist1. Die Hand- schriften b e ergeben sich hiernach als ganz verschieden nach K abcorrigierte Nachkömmlinge eines gemeinsamen, mit jenen gelehrten Beigaben versehenen I- Stammcodex, dessen Herstel- lungszeit wegen der Verse des Philosophen Nikitas von Paphla- gonien (f 880) frühestens in die zweite Hälfte des neunten Jahr- hunderts fällt. Man braucht bloß die in den Ausstrahlungen b e noch durchgeretteten, besonders in £ 207 sehr wertvollen I-Elemente, die auch vereint den I- Gehalt des Ausgangscodex noch lange nicht zu erschöpfen vermögen, zusammenzurechnen, um in dieser Vorlage einen Text zu erkennen, der nicht viel von der gemeinsamen Basis der I- Formen abgewichen sein kann. Wie mehrere der zufällig erhaltenen Ausläufer, so müssen nun aber auch die uns verlorenen, vom Anpassungsprozeß an den byzantinischen Normaltext unmittelbar betroffenen Zwischen- glieder und jener Stammcodex selber die Unterschriften auf- gewiesen haben, welche den heiligen Berg zu Jerusalem, d. h. den Berg Zion'2, erwähnen.

1) Die genannten Stücke sind mitgeteilt aus e 207 bei Cosimus Stornajolo, Codices Urbinates Graeci Bibliothecae Vaticanae (1S95) S. 4 S, aus e 1246 bei Papadopulos Kerameus, %Qoao).vtuaix^ Bcßkiod-Zjxt] III (1897) S. 165 167, aus A-3 kurz aufgezählt bei Pap. Kerameus im Parartema zum 17. Bande des 'E?.?.t]vixö<; <Pi).o).oyixoq —v'/loyoq (1886) S. 40.

2) Vgl. Ehrhard, Römische Quartals chriffc V (1891) S. 264. Die Deutung von aytov OQoq auf den Sinai, die Lake, Studia bibl. et

6 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Die Subscription hat sich aber auch in der Purpurhand- schrift £ 93 (a) erhalten, dem ältesten und häufig besten Ver- treter der wichtigsten I-Familie la, in die ich freilich keines- falls wie von Soden S. 1276 ff auch den Codex D einordnen kann. Bezeichnenderweise ist die Unterschrift in s 93 gerade unter dem Mark.-Evangelium stehen geblieben, das in diesem Zeugen am wenigsten durch den Vulgärtext vom Archetyp la ab- gedrängt worden ist. Da der Handschriftenzweig 2, wie zu dem Kreise <?, so auch zu der Gruppe Ia in näheren Beziehungen steht1, und alle diese drei Wortführer von I die Unterschriften aufzeigen, so werden wir über diese Linien auf einen ganz erstklassigen, den Untergruppen als höhere Einheit voranstehenden I-Text zu- rückverwiesen, dessen Vertreter die Subscriptionen in der zweiten Fassung mit sich führten.

Nach f und g gehörten die Zion-Notizen ferner auch zum Erbe jener Entwickelungslinie von I; die unter der stärksten Beein- flussung durch den vulgären Text schließlich in den Mustercodex der Familie lr eingemündet ist. Daß die Abschrift, welche im Gabelungspunkte der als letzte Sprößlinge e 1341 (f) und lr (g) heraustreibenden Zweige lag, noch sehr bedeutende I- Trümmer enthalten hat, ergibt sich wieder aus der Zusammenschau der Überbleibsel in den Endgliedern2.

Die gleichen Angaben finden sich weiter in zwei Angehörigen

eccl. V 2 S. 138 f mit dem inzwischen ermordeten Lawrioten Chrysostomos vertritt, wird durch h> ^l£QOoo).vfxocQ die Präposition iv fehlt übrigens in Handschriften verschiedener Gruppen ausgeschlossen. Allerdings war die alttestamentliche Umschreibung des Zion nicht in den christlichen Sprachgebrauch übergegangen; uqoq de ayiov ^ü.Xai /ihv xb —iojv ixaletto, merkte Euseb zu Psal. 99 (MG 23i2:s?) an. War es jedoch Brauch ge- blieben, Jerusalem als // ayla nö/.iq zu benennen, so konnte der Verfasser der Unterschriften auch einmal auf die biblische Bezeichnung des Zion zurückgreifen, um die Fandstelle seiner Musterexemplare in hohem Tone anzupreisen. Spätere Abschreiber haben den Ausdruck dyiov uqoq als ' stehend für den Athos gekannt und zur Beseitigung des nun ent- standenen Widerspruches zuweilen den Wortlaut der Notiz abgeändert. So strich die gemeinsame Vorlage von A 134 = 138 = U1 und von e 4010 die Worte r&v iv xü> ayla) oqsi änoxeifisvwv, und e 352 ließ ayiio aus.

1) Vgl. von Soden S. 1339.

2) In e 1341 sind beispielsweise noch so wichtige I-Lesarten vorhanden wie Mark. 1 1 ora. vlov &eoi>. Der Annahme vonSoden's S. 123Sf, e 1341 sei nur in den Geltungsbereich von lr geraten, ist nicht zuzustimmen.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte. 7

des I-Zweiges 0, in e 1222 und in e 1279 (h). Beide Hand- schriften stehen sich nicht näher, sondern sind nur sporadisch eben noch mühsam als Ausläufer aus einer gemeinsamen Wurzel zu erkennen. Sie teilen auch nicht dieselbe Heimat, denn e 1279 ist im zwölften Jahrhundert in Süditalien geschrieben, und £ 1222 im Jahre 1148 vom Logotheten Johannes zu Konstantinopel ge- stiftet worden. Desto sicherer haben sie die Ursprungsvermerke von ihren Ascendenten empfangen, die, nach der streckenweise hohen Güte des Textes von s 1222 und ganz besonders von s 1279 zu urteilen, vollendete Vertreter von I gewesen sind. Wiederum gelangt eine Anzahl älterer und vorzüglicher I-Zeugen in Sicht, die sich in Selbständigkeit neben den bisher erwähnten Wanderwegen von 1 mit der byzantinischen Recepta bis hin zu e 1222 und e 1279 auseinandersetzten: und auch sie haben die Zion-Notizen mit sich getragen und auf jene zwei Nachkommen vererbt.

Die Vermerke gehören endlich zu den Beigaben des Codex i :'.52 (i), gleichfalls eines Abkömmlings von I, der nach den verbliebenen I- Lesarten in keinem engeren Verhältnis zu einer andern I-Grruppe steht, obwohl er sich mit dem älteren O-Codex £ 129, in dem die Unterschriften jedoch schon verschwunden sind, in der Aufnahme eines eigentümlichen Distichons begegnet1.

Die Zion-Zeugnisse treten uns also in den verschiedensten Asten des genealogischen Baumes von I entgegen, neben den erhaltenen noch in einer beträchtlichen Schar untergegangener I- Angehöriger von bester Note. Als die Entstehungsurkunden der Recension I selber dürfen wir die Unterschriften aber schon darum nicht einschätzen, weil sie ausdrücklich von einer Co- pierung2 nach den alten und sorgfältig angefertigten 3, d.h. von Fehlern und willkürlichen Entstellungen verschonten und deshalb nicht erst der kritischen Bearbeitung bedürftigen Handschriften berichten. Die Unterschriften verbürgen somit die Existenz von I

1) Vgl. von Soden S. 1260.

2) Der Zusatz y.cd avxsßh'föi] will nur besagen, daß die genommene Abschrift nochmals mit den Originalen verglichen wurde, also zuverlässig ist; vgl. Irenäus bei Euseb h. e. V 20 2: h>a ävxißäbjq o /nexsygüipa) xcd xaxoQd-woyg abio TiQog xo ävxiyQcccfOv rovxo ü&ev ^txeygäxvco ini/.ie?.t7jq.

3) Zum Ausdruck vgl. Irenäus adv. haer. V 30 l er näai xolq anoi- Salotc seal UQ/aloiq ävxtyQiufoiz.

8 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

schon für die frühere Zeit, und es ist entsprechend zu unter- scheiden zwischen den älteren Stadien der Textredigierung I und der Neuausgabe, die nach der Lagerstätte ihrer Musterexemplare kurz als Zion-Text mit dem Siglum Z bezeichnet werden mag. Nun bestehen jedoch zwischen den erhaltenen Überlieferern der Z-Beischriften, ihrem engsten Anhang und den erschlossenen Vorläufern einerseits und der übrigen Masse der bei von Soden S. 1041 1358 als I-Zeugen versammelten Textgestalten1 ander- seits so weitverzweigte nähere Verwandtschaftsverhältnisse, daß die Scheidung wohl nur in folgender Weise vollzogen werden kann. Der früheren Entwickelungsperiode von I gehören an die griechischen Vorlagen der altsyrischen und der beiden altlateiui- schen Versionen; die Texte, die dem Justin, Tatian und Marcion zur Verfügung standen und in späteren Abwandlungen von Vätern wie Irenäus, Hippolyt von Rom, Klemens von Alexandrien und Euseb befolgt wurden; ferner die alten und sorgfältigen Hand- schriften auf dem Zion, Codex D und der mit D eng verwandte Vorfahre des abendländischen s 600 (vgl. von Soden S. 1281 und 1293), der gleichfalls aus der Familie Ia zu lösen ist. Sämtliche übrigen Handschriften mit I-Charakter werden dagegen als Überbleibsel der Neuausgabe Z zu betrachten sein, für die sich auch graphische und grammatische Eigentümlichkeiten wie die nach meinen Erfahrungen in Z-Zeugen äußerst häufige ita- cistische Variante Matth. 10 16 cooel ocptiq 1. coq ol og:eig 2, Matth. 22 39 = Mark. 12 31 = Luk. 10 27 cog uwzov, Luk. 3 27 'icovdv3, Bevorzugung der Verbformen auf -av und des Indicativs nach Xva und ähnlichen Conjunctionen4 beobachten lassen. In ver-

1) Vollständig aus dem Verbände der I- bezw. Z-Texte löse ich den mit seinen Spielarten in Byzanz massenhaft vertretenen Ka-Typ, den ja auch von Soden bereits früher S. 850 ff als Abwandlung des Vulgärtextes behandelt hat. Ka ist in allem Wesentlichen Vulgärtext, häufig seitenlang ohne Variante, wahrscheinlich die besondere Nuance, in der die Koin) zuerst nach Konstantinopel gekommen ist.

2) '&oel o<ftiq findet sich beispielsweise in e 133 (Z-Typ 1»), in dem Z-Zweige O 129 1222 551), in den unmittelbaren Z-Nachkommen 6 260 e 1385 1416 1443.

3) 'Icoväv lesen z. B. e 133 (Gruppe Ia), e 207 1226 (Gruppe 2), £ 90 (Familie O), s 1416 (freier Z-Zeuge).

4) Man vergleiche die Variantenlisten bei von Soden S. 1102 1135 1156 1194 f 1199 1203 1205 1209 f 1217 f 1222 1227 f 1233 f 1247 1249 1263 ff 1273.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte. 9

schiedenen Entwickelungslinien von Z sind, wie gezeigt, die empfehlenden Ursprungsbescheinigungen der ersten Abschriften mechanisch1 durch die Jahrhunderte geführt, in anderen jedoch begreiflicherweise allmählich aufgegeben worden, ein Proceß. der sich ja innerhalb der auf einen Codex mit den Z- Beischriften gegründeten jüngeren Familien wie Ir (vgl. von Soden S. 1170 ff) wiederholt. Und zwar zeigt sich, daß diejenigen Schreiber, die am wenigsten an dem abnormen Z -Wortlaut Anstoß nahmen, auch am ehesten bereit waren, das alte Beiwerk mit zu über- nehmen. Die Subscriptionen der im Orient angefertigten Hand- schriften £ 93 207 1222 1341 6 162 ff verdanken ihre Rettung derselben conservativen Neigung oder Gedankenlosigkeit wie die starken Z-Bestandteile dieser Zeugen.

2. Wir fragen nach der Entstehungszeit der Ausgabe Z. Die ersten zur Vervielfältigung bestimmten Exemplare waren laut den Unterschriften in Stichen geschrieben, und zwar betrugen in dem einen die Einzelevangelien nacheinander 2514 1590 2677 2210, in einem andern 2484 1550 2760 1930 Stichen. Vergleicht man diese Zahlen mit den Posten, die Zahn GK II S. 395 nach dem Maßstab des klassischen Normalstichos für die Evangelien ausgerechnet hat 2480 1543 2714 1950 , so erhellt, daß in den Vermerken von Raumzeilen und nicht von Sinnabschnitten die Rede ist, die öfters gleichfalls als gt'c/ol bezeichnet wurden. Die Ausgabe Z reicht mithin in eine Zeit zurück, in der noch der Brauch herrschte, die Textlinien mit durchschnittlich 36 Un- cialbuchstaben in scriptio continua aufzufüllen. Entsprechend finden sich in den verschiedensten Z-Nachkommen zahlreiche Verlesungen von Majuskelbuchstaben2, die zum Teil, wie die

1) In dem Z-Codex, aus dem der gemeinsame Vorfahr von ö 200 und e 1490 die Unterschriften entlehnt hat, waren wenigstens überall die Hin- weise auf die alten Vorlagen und den heiligen Berg in Jerusalem getilgt und außer den Worten iygdqnj xal ävTeß/.rj&ij nur die Ziffern der Stichen und Capitel beibehalten.

2) Vgl. z. B. in e 337 Mark. 14 3 fivazixfjq, in e 167 und £ 1444 Matth. 20 1 änö 1. aua, in e 129 Luk. 16 4 i%vkr]9-ä> 1. (xitaaza^ib, in e 1354 Mark. 83 IxavBr'joovxai, Luk. 4 13 ?Jyei t# 1. aTttoxr}, Luk. 10 36 Xsycov tlvai 1. ys yovivai, Luk. 11 37 ahijoai 1. ?.a?.?laai, in e 050 Matth. 23 18 xal sarai 1. xkeiere, Joh. 4 41 7i?.ijd-og 1. nXeiovq, in s 133 Mark. 4 37 rjh] 1. ?j6t], in e 286 Mark. 4 10 exTtoQ-, in s 93 Luk. 19 27 nauv 1. n?Jjv, in s 551 Luk.

10 A- Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Verwechslungen von fi und jc, x und v, deutlich die ältere Un- cialform voraussetzen. So dürfen wir denn nicht überrascht sein, in der aus dem sechsten Jahrhundert stammenden Familie der Purpurcodices £ 17 18 19 20 21 schon Z- Zeugen zu begegnen, die mit Ausnahme der wertvollen Stücke aus dem Johannes- evangelium wieder auf das stärkste nach dem Vulgärtext ab- geändert worden sind, und in e 2 und s 4 Z-Texte zu besitzen, die noch dem fünften Jahrhundert angehören1. Mithin ist der terminus post quem non für Z rund um 500 anzusetzen.

2263 /.tyovxzo, 1. öegovreq, in s 1279 Joh. 10 35 avS-rjv(u 1. /u#/Jvcr/, in s 351 Joh. 7 8 /."/JiQoq 1. y.aiQÖ;.

1) Daß e 17 ff und e 2 s 4 zu Z, und nicht zu I im allgemeinen zu rechnen sind, behaupte ich auf Grund meiner mehrfachen Zusammen- arbeitungen der Collationen, muß aber im übrigen wiederum nur auf die Yariantenlisten und den künftigen Apparat bei von Soden verweisen. Die wichtigste Vorarbeit der ntl. Textkritik ist m. E. folgende: es müssen sämtliche Evangelienhandschriften, welche Z- bezw. I-Reste bewahrt haben, nicht bloß sprungweise, in Stichcapiteln oder einzelnen Teilen, sondern vollständig verglichen und zur Reconstruetion von Z und von I ausgenützt werden. Da die textlichen Beschreibungen bei von Soden in sehr vielen Fällen nur auf Collationen von Probecapiteln fußen, diese aber häufig gerade nach dem byzantinischen Kirchentext durchcorri gierte Strecken sonst wertvoller Texte betroffen haben können, so sind auch diejenigen Zeugen, die bei von Soden den Vulgärtexten oder anderen nun zur Genüge herausgearbeiteten minderwertigen Tj'pen zugewiesen sind, nochmals gründ- lich auf etwaigen Z- oder I-Gehalt durchzuprüfen. Diese Aufgabe wird freilich nur ein solcher leisten können, der die Recensionen, Typen und Familien so gründlich beherrscht, daß er schon beim Durchblättern eines Codex gewahr wird, ob dieser interessant ist. Reisende erlaube ich mir darauf hinzuweisen, daß der auf Kephallinia liegende e 2048, der zu den von Soden textlich unbekannt gebliebenen HSS gehört, nach mir zuge- gangenen Nachrichten einen vom Vulgärtext durchgängig abweichenden Wortlaut bietet. Der Codex ist zweispaltig, also höchstwahrscheinlich (siehe unten S. 13 Anm. 1) süditalischer Herkunft und ein wertvoller Zeuge für Z oder I. Auch ist es dringend nötig, den Palimpsest Athos-Esphig- menu Nr. 27 lesbar zu machen, der einen vollständigen Evangelientext des 0. Jahrhunderts enthält. Einige orientalische Bibliotheken, z. B. die auf dem Sinai, sind nur zum Teil, andere, wie die der Meteoren, des Dionysiu-Klosters auf dem Olymp. Sumela's bei Trapezunt und vieler Klöster und Kirchen Rumeliens und der Inseln noch gar nicht durchforscht. Un- aufhörlich gehen aber ganze Sammlungen durch Brände und Unruhen zu- grunde. So fand ich die ehedem sehr großen Handschriftenbestände des Panasjiaklosters zu Elasson und der Kirche von Beröa durch den Krieg

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte. 1 1

Nach ölten hin ist eine Grenze dadurch gegeben, daß in den Unterschriften die eusebianischen Sectionen als y.trpa/.cua aufge- zählt sind. Wann Euseb sein synoptisches Einteilungssystem ' veröffentlicht hat, ist unbekannt. Da es jedoch nur vermittelst vollständiger, am Rande fortlaufend von den Ziffern der Sectionen und Canones begleiteter Texte eingeführt werden konnte und sich rasch allerorts durchgesetzt hat, so dürfte die Annahme geboten sein, daß es mit Hilfe jener 50 Exemplare der heiligen Schriften verbreitet worden ist, die Euseb auf kaiserlichen Befehl für die Kirchen der Reichshauptstadt im Jahre 331 hatte schreiben lassen2. Doch geht es nicht an, die Ausgabe Z mit dieser Lie- ferung in Zusammenhang zu bringen, obschon Euseb selber nach einem I-Text zu citieren pflegte'5. Euseb hätte den Zion nicht als den heiligen Berg bezeichnet4. Er spricht sich auch an ver- schiedenen Orten seiner Schriften gegen Lesarten aus, die in Z recipiert sind, beispielsweise Quaest. I ad Marinuni (MG 22 - gegen die unechte Schlußperikope von Mark., die er deshalb auch in seiner synoptischen Tabelle ignoriert hatte :', wogegen sie in Z nach der zweiten Fassung der Unterschriften als Section 234 gezählt, nach der ersten Form der Vermerke sogar noch weiter in die Sectionen 234 237 zergliedert war. Endlich gab es noch im Jahre 333 keine christliche Baulichkeit auf dem Zion6. in

von 1S97 auf einige Dutzend zusammengeschmolzen, von den Codices zu Larissa überhaupt keinen mehr vor. Es ist höchste Zeit, daß man die noch erhaltenen Handschriften planmäßig aufsucht und ausheutet. Welch wich- tiges Material, von alten Textformen ganz abgesehen, in den Evangelien- abschriften des Orients noch gefunden werden kann, wird sich in der zweiten Unterabteilung dieses Abschnittes zeigen.

1) Das auf Matthäus gegründete synoptische Fachwerk des ammonia- nischen Diatessarons, von welchem Euseb nach eigener Angabe ausging, ist uns noch erhalten in den vor mir niemals beachteten Subdivisionen nicht etwa, wie man mich mißverstanden hat, in den Capiteln der hesy- chianischen Ausgabe; vgl. Schmidtke, Die Evangelien eines alten Uncial- codex Bs-Text) 1903 S. XXIX ff und Theologisches Literaturblatt 1903 Sp. 52S. Eusebs Sectionen sind zum Teil geradezu Copie der sehr feinen, häufig unserer Verseinteilung gleichkommenden Textzerlegung des Ammoniu~.

2) De vita Constantini IV 36 f. 3) Vgl. von Soden S. 1404—1497.

4) Siehe oben S. 5 Anm. 2.

5) Gregory, Textkritik II S. S»J9 ff.

6) Vgl. die Beschreibung des Zion im Itinerarium Burdigalense vom Jahre 333 bei Geyer. Itinera Hierosolymitana (1S9S) S. 22.

12 A. Schmidtke, Judenchristlicke Evangelien.

der die alten Handschriften, wie die Notizen vermelden, hätten aufbewahrt sein können. Jedoch schon um das Jahr 348 ver- weist Kyrill von Jerusalem Catech. XVI 4 (MG 33 924) auf die obere Apostelkirche, die, auf dem Zionberge errichtet, in den folgenden Zeiten häufig als r\ ayia 2icav erwähnt, als die Stätte der Abendmahlsstiftung, der Geistesausgießung und als die Mutter aller Kirchen gefeiert l und zu einem Museum christlicher Alter- tümer ausgestaltet wurde, wo man selbst den von den Bauleuten verworfenen Eckstein zu schauen bekam2. In dieser Basilika, die nach orientalischer Sitte ohnehin mit einer christlichen Biblio- thek versehen sein mußte, wTerden wir mit Ehrhard, Römische Quartalschrift V (1891) S. 264 die Lagerstätte der in der Unter- schrift von Z bezeichneten Vorlagen sehen dürfen. Ergibt sich also als terminus ante quem non etwa das Jahr 335, so ist er noch um ein Menschenalter abwärts zu rücken, wenn unsere späteren Untersuchungen ergeben sollten, daß der Herausgeber von Z die schriftstellerische Tätigkeit des Apollinaris vonLaodicea voraussetzt. Die Entstehung von Z fiele demnach etwa zwischen die Jahre 370 und 500.

3. Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Ausgabe Z läßt sich durch folgende Berechnung ermitteln. Für fast sämtliche

13 Vertreter des als Ferrar-Text bekannten, m. E. nicht von Z zu trennenden Typs, die bei von Soden S. 1066 ff unter dem Siglum J zusammengestellt sind, steht Kalabrien als Heimat fest. Wie massenhafte Gemeinsamkeiten in bezeichnenden graphischen Eigentümlichkeiten beweisen, liegt allen J-Zeugen eine und die- selbe Minuskelcopie zugrunde. Diese Gruppe ist also dadurch entstanden, daß, vielleicht erst um das Jahr 1000, in einem ge- wissen Sprengel Süditaliens eine Handschrift mit Z-Text zur Vervielfältigung bestimmt worden und vermittelst ihrer Nach- kommen dort längere Zeit der landläufige Evangelientext geblieben ist. In ähnlicher Weise bildete den Localtext eines anderen kala- brischen Gemeinde- oder Klosterverbandes derjenige Z-Typ. der bei von Soden S. 1170 ff als Ir behandelt ist. Denn Schriftductus, Zeichnung und Farben der Ornamente und Miniaturen sowie son- stige Kennzeichen, Beigaben, Vermerke und Schicksale machen

1) S. Zahn, Einleitung in das NT IP S. 217 f.

2) S. die Schilderung des Antoninus (um 570) bei Geyer a.a.O. S. 173f.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte. 13

noch ersichtlich, daß mindestens folgende Glieder der Ir -Familie in Unteritalien entstanden sind1: s 11 1005 (mit der Variante des 'PtofiaXxbv tvayyehov zu Joh. 7 2<>2) 1020 1083 100 116 1254 2045 306, endlich das bei Gregory, Textkritik III S. 1196 als Nr. 2149 gebuchte Fragment. Zu dieser örtlichen Festlegung von Ir stimmt, daß die Dubletten A 134 ,3S 141, deren Stammcodex aus einer Ir -Handschrift seiner Umwelt die Z-Subscriptionen und die für Ir eigentümliche textkritische Notiz zu Joh. 7 53 8 11 sich angeeignet hatte 3, daß ferner die aus einem textlichen Vorläufer von Ir entsprungenen Brudercodices c 370 und 371 4 süditalieni- scher Herkunft sind.

Aber noch ein dritter Localtyp Unteritaliens liegt offenbar in der Z-Gruppe ß (von Soden S. 1147 ff) vor. Von den 12 er- haltenen besseren Vertretern dieser Familie weist nämlich £ 1043, später wie so viele abendländische Copien nach dem Orient ver- schlagen, noch aus dem Jahre 1337 eine lateinische Eintragung auf: der zweireihige £ 121 ist im Jahre 1022 in Kalabrien geschrieben; der gleichfalls zwei Textsäulen bietende £ 220 zeigt vollendeten abendländischen Schreibstil und hat aus einem lr -Codex seiner Umgebung die Zion-Notiz unter der Capitelliste von Mark, eingestellt5; £ 449 enthält neben dem griechischen Wortlaut die lateinische Übersetzung; der doppelreihige £ 312. ein nächster Verwandter des fraglos kalabrischen £ 220, ist nach Florenz gekommen. Aus Unteritalien stammen ferner £ 1290,

1) Ich ergänze hier und im folgenden die Heimatsbestimmungen bei Gregory und von Soden aus eigenen Untersuchungen und Erfragungen, die sich aber um des Raumes willen nicht ausführlicher mitteilen lassen. Ein fast untrügliches Kennzeichen für die süditalische Herkunft einer evangelischen Minuskelhandschrift ist nach meinen Beobachtungen auch die Teilung des Textkörpers in zwei Columnen, die von echt byzantinischen Evangelienschreibern fast niemals angewandt wurde, im Abendland aber die Regel war.

2) Vgl. Bir ch, Variae lectiones ad textum IVevangel. (1801) S.XXXIX.

3) Siehe oben S. 4.

4) Das textliche Verhältnis ist wieder nicht ganz richtig bestimmt, wenn von Soden S. 1240 urteilt, daß Ir über e 370 371 die schützende Hand gehalten habe.

5) Vielleicht ist die Zion-Notiz in e 220 (s. oben S. 3 unter k) aber auch vom Ahnherrn des Z-Typs B vererbt. Es empfiehlt sich, die übrigen B-Zeugen nochmals auf Spuren der Z-Subscriptionen zu untersuchen.

14 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

ein Nachkömmling des Typs B, und die textlich ebenso zu be- stimmenden s 233 (Venedig) und ö 202 (Palermo).

Wir sehen also, daß in verschiedenen kirchlichen Kreisen Großgriechenlands drei aus Z stammende Handschriften die für die Verbreitung gegebenen waren. Wie schon bemerkt, lagen in demselben Gebiete aber auch Ascendenten eines dieser Grund- exemplare, welche der Urform von Z noch näher standen, als Vorlagen zur Hand. Diese Feststellungen sind nun dahin zu er- weitern, daß ein großer Bruchteil der ausgezeichnetsten übrigen Z -Vertreter, seien es Glieder anderer Gruppen oder freie Einzel- zeugen, in Süditalien abgeschrieben worden sind. Hier ist £ 1279, der wertvollste Sproß des Z-Zweiges 0, entstanden; hier lag auch sein Vorgänger, von welchem der kalabrische Codex s 2036 die Zion-Subscriptionen entlehnen konnte *; hier ist anscheinend auch die früheste O-Handschrift £ 90 zu Hause. Aus Kalabrien stammt ferner £ 286, ein Vetter des zur besten Z- Klasse gehörigen la -Codex £94. Ebendort ist ö 30 (s. X) angefertigt worden2, der älteste und bedeutsamste Zeuge der hervorragenden Z-Gruppe </>a ; vielleicht ist sein Schreiber, der Mönch Sabas, identisch mit dem um 990 gestorbenen Mönche gleichen Namens, der mit seinem Vater und Bruder aus Sizilien nach Kalabrien über- gesiedelt war3. Dieselbe Heimat haben endlich die den ver- schiedensten Linien auf der Stammtafel von Z zugebörenden Codices £ 96 114 119 1183 212 279 286 295 300 1354 und andere mehr. Hält man nun neben diese ganz vorläufige Überschau die andere Tatsache, daß die aufgezählten Größen den weitaus größten Teil der nachweislich aus der Westkirche noch erhaltenen Evan- gelientexte ausmachen, und nur wenige abendländische Codices nicht als Vertreter und Ausläufer der Z- Ausgabe zu erkennen sind, so entsteht das feste Resultat, daß der Z-Text in den Ge- meinden Unteritaliens das Feld beherrscht und ein Stück ihrer Sondertraditionen gebildet hat.

Der Süden der italienischen Halbinsel war jedoch, wie allge-

1) Siehe oben S. 4.

2) Auch Lake (bei Gregory, Textkritik III S. 1145 f) hat die kalli- graphische Verwandtschaft von 6 30 mit den Handschriften bemerkt, die dem Nilus und seiner Schule zugewiesen werden.

3) Vgl. Krumbacher, Geschichte der byzantinischen Litteratur 2 (1897) S. 195.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte. 15

mein anerkannt ist, bis zur Mitte des siebenten Jahrhunderts in Cultur und Sprache wieder ein stocklateinisches Land l. Der beträchtlich ältere Z-Text muß mithin von auswärts dorthin ge- bracht worden sein. Beispiele solcher importierten älteren Z- Vor- lagen sind uns auch noch erhalten. Von der Z-Gruppe der Purpur- uncialen, die im sechsten Jahrhundert im Osten geschrieben sind, liegt s 18 bis auf den heutigen Tag in Rossano, befand sich einer Eintragung zufolge e 17 vor seiner Überführung nach Albanien in Kampanien. Die um 650 beginnende Hellenisierung Kalabriens ist nun aber vor allem das Werk der griechischen Gemeinden und Mönche Siziliens, welche vor den Angriffen und Eroberungen der Araber die Insel in immer neuen Zügen verlassen und sich auf dem benachbarten Festlande eine neue Heimat geschaffen haben-. Die sizilische Kirche lebt mitsamt ihren besonderen Einrichtungen auf kalabrischem Boden weiter; von selber ergibt sich der Schluß, daß die Vorfahren der in Unteritalien vorherr- schenden Z-Handschriften aus Sizilien mit herübergekommen sind. Aus diesem Zusammenhang erklärt sich auch die Berücksichti- gung sizilischer Lokalheiliger in den Lectionslisten einer Sippe des Ferrar-Typs. Zu erwähnen ist auch, daß der dänische Theo- loge Munter im Jahre 1785 noch bei Landolina in Syrakus eine inzwischen verschollene Handschrift vorgefunden hat, welche unter Matth. die Stichenzahl ßv, also eine Abrundung der Ziffer ßojcö aus der zweiten Form der Z -Vermerke, aufwies3.

Allein, als eine Unternehmung des Erzbistums Syrakus dürfen wir die Ausgabe Z auch nicht ansehen. Denn, mag auch das griechische Element auf der Insel nie vollständig ausgestorben gewesen sein, so ist doch gewiß, daß die compacte Masse der Gemeinden und Mönche Siziliens, die späterhin die Gräcisierung Kalabriens ausgeführt haben, nicht seit jeher auf Sizilien an- sässig war, sondern sich erst aus den Christen Syriens gebildet hat, die auf der Flucht vor den Persern und besonders vor dem siegreichen Islam seit Beginn des siebenten Jahrhunderts in

1) Jules Gay, L'Italie meridionale et l'Ernpire byzantin (1904) S. 10 f.

2) Vgl. Gay a. a. 0. S. 184—200 254—286.

3) Scholz, Novum Test. gr. 1 (1830) S. XXIX Nr. 421. Reste der Stichenziflern aus der ersten Fassung der Z-Subscriptionen haben sieb ferner erhalten in dem nach abendländiscber Sitte in 2 Columnen ge-

16 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

großen Scharen auf die Insel übersiedelten1. Haben nun die Z-Texte zweifellos schon lange vor dieser Wanderung ihrer Be- nutzer bestanden, so legt sich wiederum die Folgerung nahe, daß sie von den letzteren, die ja doch am ehesten ihre heiligen Bücher mit sich gerettet haben müssen 2, aus Syrien nach Sizilien gebracht worden sind. In der Tat fehlt es nicht an mehrfachen bedeutsamen Spuren, welche die syrische Herkunft der Z-Texte veranschaulichen und so unsere Schlußkette sichern. In den meistens zu Z gehörenden Handschriften Süditaliens, neben an- deren auch in der zur Ferrar-Gruppe vervielfältigten, ist häufig eine bestimmte Redaction von Unterschriften überliefert, welche über Ursprache, Ort und Zeit der Abfassung der einzelnen Evan- gelien berichtet und mitteilt, daß diese 2522 1675 3803 1938 yrj flava und 2560 1616 2750 2024 öviyoi enthalten. Die ge- nannten Stichenzahlen entstammen wahrscheinlich einer dritten Fassung der Z-Subscriptionen. Die q?] flava decken sich aber, wie schon Martin3 festgestellt hat, mit den in syrischen Evan- geliencodices üblichen Stichenziffern, welche der Syrer wiederum aus griechischen Vorlagen copiert hatte4, wobei er die vorgefundene Bezeichnung avi^oi durch pitgäme wiedergab. Irrtümlich hat nun der griechische Verfasser des erwähnten Unterschriften- typs gemeint, in den pitgäme der syrischen Handschriften eine

1) Vgl. Ehrhard und Geizer bei Krumbacher a. a. 0. S. 195 u. 953.

2) Mit Recht bringt Batiffol, L'Abbaye de Rossano (1891) S. XI die Aufbewahrung der einzigen älteren Handschrift, welche die syrische Liturgie enthält, in Rossano mit der syrischen Herkunft der sizilisch- kalabrischen Griechen in Verbindung.

3) Martin, Introduction ä la critique textuelle du NT. Partie theorique (1883) S. 646 f.

4) Dieselben Ziffern der Qt'iuaza stehen schon, zu Luk. und Joh. etwas verschrieben, in der Berechnung der Verse (pitgäme) der heiligen Schriften, welche in einem syrischen Kanon aus der Zeit um 400 ent- halten ist (vgl. Studia Sinaitica I [1894] S. 13 und Zahn, Neue kirchliche Zeitschrift XI [1900] S. 794 ff). Die Zahl für Luk. 3S03 übersteigt um 1000 Stichen die normale Ziffer. In dieser auffallenden Zählung trifft die syrische Tradition jedoch überein mit einem alten lateinischen Kanon und mit Vulgatatexten (s. Zahn GK II S. 395 1009), die für Luk. 3800 Stichen notieren, ferner mit der abendländischen griechischen HS e 284, die für Luk. 3827 Stichen zählt. Gewiß liegt diesen Überlieferungen eine uralte Zählung von in Syrien verbreiteten griechischen HSS zugrunde, deren Luk. -Text durch Interpolationen um ein Viertel an Umfang vergrößert war.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte. 17

ganz neue Einteilungsart überliefert zu finden; er hat sie dann unter ganz wörtlicher Übersetzung von pitgame in Qrjf/aza l noch besonders neben den unmittelbar aus der griechischen Vorlage ge- schöpften Stichenziffern angemerkt. Wir sehen also, daß der Autor dieser namentlich von Z- und einigen anderen, zumeist kalabrischen Codices2 aufgenommenen Subscriptionen in einer Umgebung gelebt hat, in der syrische Evangelientexte cursierten und sich Beachtung erzwangen.

Noch mehr, der Verfasser dieser in der Heimat der Z-Texte beliebt gewordenen Schlußvermerke hat ihren hauptsächlichen Inhalt aus den Beigaben der Peschittha entlehnt3; man vergleiche:

Die (W^wara-Unterschriften ! Die Unterschriften der

Peschittha Matth.: eyQacft] hß^ctiori ev IIa- locutusestHebraiceinPalaestina.

Xcuoxiv)}. Mark.: gcofialöxl sv Ptopiß. Latine Romae.

Luk.: hXXijviörl sig AXs§av6glav Graece in Alexandria magna.

xi]v fisyaXt]v. Joh.: eXXvjviort elq "E<peoov. Graece Ephesi.

Mit den syrischen Handschriften treffen die Z-Texte auch darin zusammen, daß sie im Unterschied von der üblichen Ausstat- tung byzantinischer Exemplare häufig am oberen oder unteren Ende der Seiten eine Harmonie der eusebianischen Sectionen zu den vor Augen stehenden Textabschnitten bieten 4. Ein weiterer Beweis für die syrische Herkunft der Z-Handschriften ist darin zu erblicken, daß mehrere Codices mit Z-Text, so £ 81 351 und der Ahn der Ferrar-Familie, die bezeichnendsten Einschaltungen aus dem Diatessaron des Syrers Tatian erlitten haben; auf diese

1) Vgl. Rendel Harris, On the origin of the Ferrar-group (1893) S. 8 f.

2) Die älteste datierte griechische HS mit dieser Beigabe ist erhalten in e 173 vom Jahre 1013, dann folgt e 109 vom Jahre 1052.

3) Die Angaben der Peschittha schöpfen wiederum aus Ephraem Syrus, Evangelii concord. expos. ed. Mösinger (1876) S. 286: Matthäus Hebraice scripsit evangelium, Marcus Latine in urbe Roma, Lucas Graece, Joannes etiam Graece scripsit Antiochiae (1. Ephesi).

4) Diese Einrichtung, die sich sowohl in freien Z-Zeugen, z. B. in s 81. als auch in der O-Gruppe (s 1222) und in Ir findet, hat anscheinend auch zur Urausstattung von Z gehört und ist von hier aus in die syrischen und armenischen Handschriften übergegangen.

T. u. U. '11 : Schmidtke. 2

18 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Interpolationen hat schon Rendel Harris, The Diatessaron of Tatian (1890) S. 42 50 hingewiesen. Andere apokryphe Züge, von denen sich die byzantinischen Texte streng fernhielten, werden sich aus älteren I- Codices in Syrien gelegentlich in die Z-Texte eingeschlichen haben, beispielsweise Matth. 2o add. ejtavco zov GJtr\laiov p. Jtatöiov in s 337, Mark. 3 22 add. ijyovr <pUog öaifiovicov xal fiayog in £ 448, Luk. 11 2 sl&tza) zb jcvsvfta oov zb ayiov scp rj^äg xal xad-agiodzco r/ftäg in £ 133 und ähnlich (00 oov zb Jtrevfia, om. Iq? ^fjäg) in dem fast schon ganz Vulgärtext gewordenen, doch ursprünglich mit £ 133 den- selben Ahn teilenden £ 214 l.

Endlich fällt noch folgendes sehr ins Gewicht. Der Codex £ 93 (s. X) von der besten Z- Gruppe Ia, der auch einen Rest der Z-Unterschriften gerettet hat, wurde vor seiner Überführung nach Petersburg bis zum Jahre 1829 in einem Kloster bei Gy- mysch-Hane aufbewahrt, das etwa 73 km ssw. von Trapezunt an der von Syrien zum Schwarzen Meere führenden Straße liegt; vielleicht ist auch der gleichalterige Ia- Genosse £ 94 mit £ 93 zu- sammen aus derselben Gegend nach Petersburg gebracht worden. Von der nämlichen Familie Ia ist £ 050 nach zahlreichen georgi- schen und griechischen Beischriften nicht nur in Georgien in Gebrauch gewesen, sondern seinem kalligraphischen Stil zufolge 2 auch dort im 10. Jahrhundert geschrieben worden. Ebendaselbst sind nach Maßgabe ihres Schriftductus entstanden die Ia-Zeugen £ 1468 und das damit intim verwandte, in £ 1337 eingesetzte fremde Fragment Mark. 9 29— Luk. I40. E 167 (s. XI), ein Glied der ausgezeichneten Z- Gruppe ^a, lag bis zum Jahre 1437 in der Diöcese der Metropolis Zvxylaq xal Mavzgaxov, d. h. in dem die Krim einschließenden nördlichen Saumgebiet des Schwar- zen Meeres. Diese Spuren lassen zur Genüge erkennen, daß es in den Küstenländern des östlichen Schwarzen Meeres griechische Gemeinden gegeben hat, in denen sich der Z-Text in vorzüg- licher Gestalt fortpflanzte. Diese Gebiete waren aber die ge-

1) Ein Rest der letzteren Lesung hat sich noch erhalten in dem alten I-Kodex D, der nach övo/sä oov Luk. 11 2 sip* ij/xäq einschiebt.

2) Vgl. das Facsimile in der Veröffentlichung von e 050, welche er- schienen ist in den Materialy po Archeologi i Kaukaza XI (1907). Die wertvolle Handschrift wurde i. J. 1853 in dem an die Ostecke des Schwarzen Meeres anstoßenden Gouvernement Koutai's entdeckt.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferuugsgeschichte. 19

gebenen Zufluchtsstätten für denjenigen Teil der syrischen Christen, der die Flucht vor den Persern und dem Islam zu Lande be- werkstelligen mußte. So ist es denn auch kein Zufall, wenn wir die Brüder der über Sizilien nach Kalabrien und Kampanien gelangten Purpuruncialen s 18 und 17 (s. VI) mit Z-Text haupt- sächlich in jenen Gegenden des Ostens antreffen l. Der größte Teil von £ 19 wurde nämlich in einem Orte etwa 40 km nö. vom kappadozischen Cäsarea gefunden2, s 21 war teils nach Sinope, teils nach Mariupolis am Asowschen Meer gekommen, und es ist zu vermuten, daß das Petersburger Fragment s 20, das zur nämlichen Familie gehört, ehedem auch in den bezeich- neten Landstrichen gelagert hat.

Wir werden nach diesen Aufzeigungen den ursprünglichen Geltungsbereich und zugleich den Verlagsort der sich so scharf von der byzantinischen Vulgata abhebenden Z- Ausgabe im Patriarchat Antiochien suchen dürfen3. Als Gegenprobe kann gelten, daß der Presbyter Viktor von Antiochien (um 550) sich in seinem Commentare Mark. 1 2 mit dem auch für Z gesicherten Wortlaut sv 'Höäta reo jtQO(pi]rr] auseinandersetzte4, während der von By- zanz schon seit dem vierten Jahrhundert propagierte, wohl be- stimmt auf Lukian zurückgehende Vulgärtext5 die auch von dem Bearbeiter Viktors zunächst eingestellte Änderung sv rolg jiqo- cprjtaiq aufwies. Wahrscheinlich stellte die Einführung von Z eine bewußte Reaction gegen den, wie der Tatbestand bei Chry- sostomus zeigt, zunächst auch in Antiochien siegreichen lukiani- schen Text zugunsten des früheren Provinzialtextes I dar, der durch die in Jerusalem an heiliger Stätte aufbewahrten alten und genauen Handschriften so glänzend gerechtfertigt erschien.

1) Ebenso sind wir einigen Gliedern der am Schwarzen Meer weiter- lebenden Z-Familien la und <P a in Kalabrien begegnet; s. oben S. 14. Auch die Z-Gruppe O zerfällt in westliche und östliche Zeugen.

2) S. Gregory, Textkritik I S. 58.

3) Ein Palästinenser hätte den Zion gewiß nicht als ayiov uQoq be- zeichnet.

4) Vgl. Cr am er, Catenae in evangelia s. Matthaei et s. Marci (1840) S. 266.

5) Dem byzantinischen Receptus folgten schon der große Basilius und Gregor von Nazianz, und zwar citierten beide nach einer und derselben Spielart, die durch die Willkürlichkeiten des nach Cäsarea übersandten Grundexemplares entstanden war.

2*

20 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Erhalten ist uns die Ausgabe vor allem in Copien, deren in verschiedenem Maße mit dem Vulgärtext gemischte Vorlagen von der flüchtigen Bevölkerung Syriens teils nach Süditalien, teils in die nördlich an ihre Heimat anstoßenden Gebiete mit- geführt worden sind. Aus den östlichen Küstenländern des Schwarzen Meeres sind dann später eine Reihe von Z- Abschriften in die Athosklöster, die, wie Iwiron, Panteleimon und Philotheu, von jeher dort Güter und Filialen besaßen, übergesiedelt und hier gelegentlich als Vorlagen benutzt worden; ja die Z- Gruppe ^>r scheint sich in einem Kloster des Athos erst gebildet zu haben. Es läßt sich aber auch beobachten, daß einzelne Gelehrte im Zeitalter der byzantinischen Renaissance den nach ihrem Wort- laute, ja schon in Grammatik und Orthographie so altertümlichen Z-Handschriften besondere Beachtung geschenkt haben. Der oben S. 5 bezeichnete Z- Codex mit den Zion -Vermerken wurde da- mals mit zahlreichen gelehrten Beigaben und den Epigrammen des Philosophen Nikitas vielleicht von diesem selber ausgestattet und vervielfältigt1. Aus einer vielleicht um 1000 in Thessalien 2 erfolgten kritischen Zusammenarbeitung eines guten Z- Textes mit der gewöhnlichen Überlieferung und einer Copie des alten ägyptischen Landestextes (Hesychius) ist sodann jene Ausgabe entstanden, deren Vertreter von Soden S. 1042 ff unter dem Zeichen Hr behandelt hat3. Eine ausdrückliche Bezugnahme auf

1) Eine gleiche gelehrte Repristination liegt hinsichtlich der Paulinen vor in einer wertvollen Gruppe, über deren Hauptvertreter a 78 von der Goltz, Eine textkritische Arbeit des 10. bezw. 6. Jahrhunderts 1899 (TU XVII 4) berichtet hat. Ich habe diese Handschrift nochmals in der Lawra untersucht und möchte hier beiläufig anmerken, daß die roten Uncialbuchstaben, die sich auf einigen Seiten an ihrem Rande in Ab- ständen von etwa 4 5 Zeilen finden und in denen von der Goltz S. 5 f Reste einer alten Stichen Zählung zu vermuten geneigt ist, dm-ch Abfärbung von Sectionsziffern eines Evangeliencodes entstanden sind, dessen frisch beschriebene Ränder der Rubricator zum Trocknen zwischen die Blätter von « 78 geschoben hatte. So sind die bei von der Goltz S. 5 abge- bildeten rätselhaften Zeichen LÜ.T LOE die auf den Kopf gestellten Negative der eusebianischen Sectionen POS POE.

2) Wenigstens ist der älteste Hr-Zeuge e 1131 i. J. 1018 von einem Augustinos, Erzpriester in Thessalien, geschrieben worden.

3) Als Lake im Jahre 1902 die Familie Hr nach einigen jüngeren Vertretern herausgab (Codex 1 of the gospels and its allies, Texts and studies ed. Robinson VII 3), hatte ich längst (1899) in den Athosklöstern

Die neuen Fragmente und ihre Oberlieferungsgeschichte. 21

den Z-Typ findet sich in dem wohl im zehnten Jahrhundert her- gestellten Commentarwerk Ac (vgl. von Soden S. 542 ff), insofern es mir als gewiß erscheinen will, daß die vom Verfasser von Ac herrührende Rechtfertigung der Aufnahme von Mark. 16 9 20: »?][i£lQ de £§ axQißcöv avTiyQacpcov xaxa xo LfaXaiOrivaiov svayytliov Magxov coq lyu i) dhjüeia Ovvzedsixafisv* l unter den genauen Copien nach der palästinischen Textform des Mark.- Evangeliums eben die in den Z -Vermerken gekennzeichneten alten und sorgfältig hergestellten Abschriften aus jerusalemischen Vorlagen meint2. Doch auch die in den späteren byzantinischen Kirchenausgaben immer wieder angemerkten, mißverständlich auf die Uredition der Evangelien bezogenen Stichenzahlen 2600 1600 2800 2300 sind durch Abruudung aus den Zion-Unterschriften gewonnen worden.

IL Die das 'iovöa'ixöv berücksichtigenden textkritischen Scholien zum Matthäustext der Ausgabe Zion.

1. In der Evangelienhandschrift 77 bringen vier Marginal- scholien neben Matth. 4 5 16 17 18 22 2674 das 'lovöaixov zur Ver- gleichung. Tischendorf hat sie in der Notitia edit. cod. bibl. Sinaitici (1S60) S. 58 mitgeteilt. Die letzte dieser 'lovöcüxov- Lesarten begegnete mir auch in e 370 und 371 (beide in Paris), doch nicht am Rande, sondern im heiligen Text anstelle des kanonischen Wortlautes. Dagegen fand ich in e 175 (Upsala) die Randnotizen, welche in s 11 neben Matth. 18 22 26 n stehen,

Watopaedi und Iwiron die beiden ältesten und besten Hr -Zeugen, die dann bei von Soden als e 1S3 und 1131 verwertet sind, entdeckt und wortge- recht verglichen. So ist Lake 's fleißige und mühevolle Arbeit doch nur Stückwerk geblieben und eigentlich von neuem zu beginnen. Der Fall enthält eine Mahnung an die Textkritiker, das ihnen am Herzen liegende Gebiet unter gegenseitiger Fühlungnahme zu fördern.

1) Siehe von Soden S. 550.

2) Vorausgesetzt ist, daß die in Jerusalem liegenden Vorlagen auch dort entstanden waren und den palästinensischen Landestext boten, also TlaXaiaxivala avzlypcupa darstellten. Ähnlich bezeichnet Hieronymus praef. in Paralip. (ML 28 1393) die Abschriften der in Caesarea Palaestinae her- gestellten Septuaginta-Ausgabe als Palaestini Codices. Um abzuwechseln, wählt Ac den Ausdruck HaXaioxivalov eiayys?.ior, gleichwie der Schreiber von e 1005 die ^Pcafxcäy.ä avxiyQa<pa von Joh. als das Pwftectxdv evayyü.iov einführt.

22 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

in genau derselben Gestalt und am gleichen Orte wieder, dazu aber noch eine neue Variantenangabe aus dem 'iovöa'ixov zu Matth. 12 40b. Die wichtigste Entdeckung machte ich jedoch in dem Kloster xrjc Ilavayiag xrjq ElxoOig)OivLoöT]g, das hoch auf dem Bunar-Dagh im mazedonischen Sandschack Drama ge- legen ist. Denn der in der Bibliothek dieses Klosters als Nr. 1 24 bezeichnete ntl. Codex 6 30 (s. X) wies am Rande nicht nur die erwähnten Scholien zu Matth. 16 \i und 26 74 wieder auf. sondern enthielt auch die bisher unbekannten Varianten des 'iovöa'ixov zu Matth. 5 22 7 s 10 ig 11 12 11 25 15 5 16 2 f 27 es und bot außerdem noch textkritische Anmerkungen zu Matth. 2 21 6 13, welche ganz offensichtlich ebenfalls von dem Verfasser der das 'lovöa'ixov citierenden Scholien herrühren. Zusammengestellt, ergeben die aufgezählten Stücke folgende Liste:

Matth. 2 21 fin.: Tb i'va jtXrjQcoO-tj xb qij&ev vjio xvq'lov dta xov 3tQo<pi]TOv Xiyovxog' Alyvjtxov sxaXsoa xov vlbv uov Iv xioiv avxiyoag:oig evxav&a xelxai (6 30).

Matth. 4 5: Tb 'iovöa'ixbv ovx hyei dg xyv ayio.v xoXiv, aXX' iv clEQovöaXrjtu (s 77).

Matth. 5 22: Tb sixrj iv tlolv avxiyoa(poiq ov xüxai ovöe iv x<p 'iovöaixcö {6 30).

Matth. 613: Tb 6x1 öov ioxiv 1) ßaöiXsia tcoq xov aiti,r iv xiolv avxiyoa<poig ov xelxai (6 30).

Matth. 7 5: Tb 'iovöa'ixbv ivxav&a ovxcoc zyei' iav fjxe iv xcö xoXjico tuov xal xb &eXr][za xov Jtaxoög fiov xov ev ovoarolg [itj Jioirjxs, ix xov xoXjcov fiov ajtoQQirpco vtuäg 30).

Matth. 10 ig: Tb 'iovöa'ixov vjiIq otpeig 30).

Matth. 11 12: Tb '/ovöaixbv öiaojiaCexai lyei 30).

Matth. 11 25: Tb 'iovda'ixov evyaoiöxä) 001 30).

Matth. 12 40 b: Tb 'lovöaixbv ovx iyei TQ£?Q Jj\ߣQ<xq xal xgelg vvxxag] (e 175) ^

Matth. 15 5: 7o 'lovöaixov xooßäv o \\ueig coqpeXrj&qOEG&e tg rjfjcov (6 30).

1) Das Scholion ist durch neuerliches Beschneiden der Ränder von e 175 verstümmelt worden. In allen Zeugen weist der Text der Rand- varianten sehr starke Abkürzungen auf; so werden auch die oben ergänzten Worte in Abbreviaturen niedergeschrieben oder nur durch xzX. angedeutet gewesen sein.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte. 23

Matth. 16 af: Ta ösörjfisico/iiva öia xov aoxEQioxov iv

IXBQOIQ. OVX tflCpSQSTCU OVXS £V XO) lovÖaiXM (6 30).

Matth. 16 it: Tb IovdaTxoV vis 'loxxvvov (6 30 £ 77).

Matth. 18 22: Tb 'Iovöaixbv tS,7jq tyei ftexa xb lßöoturjxov- xdxiq tjcxa' xal yan sv xoig 7tQ0(pr)xaig fisxä xb yoiö&rjvai avxovg Iv jtvevt.iaxi ayico svqIoxsto1 Iv avxoiz Xoyoq auaQ- xiag (e 11 175).

Matth. 26 74: Tb Iovöaixov' xal fjQprjöccTO2 xal o\uoö£v xal xaxiiQccaaxo (6 30 e 77 175 370 371).

Matth. 27 65: Tb 'lovöaixov' xal Jtaosöayxev avxolg ävdgag tvöjtXovz, Iva xaQ-tCcovxai xax Ivavxiov xov öüi)]Xaiov xal xrjQcööiv avxbv fj^toac; xal vvxxoc 30).

Diese Sammlung bleibt noch hinter dem ehemaligen Um- fang des Apparates zurück. Wenn ö 30 von 5 Angaben, die in s 11 und 175 zusammen erhalten sind, bereits 3 vermissen läßt, so darf schon hieraus zurückgeschlossen werden, daß er noch andere Sätze des ursprünglichen Gesamtbestandes verloren hat. Aber ö 30 war auch von Haus aus reicher an derartigen Marginal- notizen zum Matthäustext; allein ein Schreiber, der im 13. Jahr- hundert die breiten Ränder des Codex mit Auszügen aus einem Commentare bedeckte 3, hat die Scholien leider öfters fortradiert,

1) E 77 zeigt die banale Verschreibung sv^löxecat.

2) E 370 und 371 bieten die durch Vermengung mit dem matthäi- schen Wortlaut xaxa&efxaxi'Ceiv entstandene Variante xaxi]ovi)aaxo.

3) Gregory, Textkritik III S. 1145 f teilt nach einem Bericht von Lake, der nach mir Eixooi<poiviaari<; auch besucht hat, unter Nr. 1424 folgendes über dSO mit: „Ew. mit Komm Chrys Apg Kath Apk Paul. Die breiten Ränder weisen hier und dort kurze Anmerkungen von einer Hand des 13. Jhdts. Geschrieben durch einen Mönch Saba, der in seiner Unter- schrift, Bl. 337 v, sonderbarerweise Apok nicht erwähnt". In diese Be- schreibung haben sich Mißverständnisse eingeschlichen. Der hl. Text und die textkritischen Scholien in 6 30 stammen von erster Hand (s. X). Ein Schreiber des 13. Jahrhunderts hat sodann die Ränder des von Haus aus also nicht als Commentar angefertigten Codex mit kürzeren oder größeren Auszügen aus den verbreitetsten Commentarwerken versehen, und zwar nicht nur zu den Ew., sondern auch zu AKP. Endlich nennt ja Sabas in der Unterschrift auch die Apk.: iygü(ft] xoivvv fj nagovaa ßlßkoq xü>v äylcov tsgouocjv svayyeXkov, xöjv xs ngägsojv xal xä>v xad-o?.ixä>v enxä tmoxoXCbv fxsxä xal t>]q änoxaXvipEwq, öfi.ov fxhv ovv xal xCjv Ssxr.- xeooaowv iniacoktöv xov ayiov xal ~ca\£u<pri(i.ov xal olxovfxevixov öiöaoxdXov HttiXov.

24 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

wo sie ihm hinderlich waren. Zu meinem Bedauern habe ich nicht sämtliche Stellen, an denen sich die Rasuren befinden, aufgezeichnet; doch vermag ich wenigstens zu berichten, daß d 30 solche größeren Scholien früher noch neben Matth. 1 6 und 1 20 f dargeboten hat1. Die ausgelöschten Glossen wieder les- bar zu machen, ist eine Aufgabe, die ich künftighin selber noch ausführen zu können hoffe.

2. Auf welchem Wege sind die Bruchstücke des text- kritischen Apparates zu Matth. nun in die aufgezählten Hand- schriften gekommen? Klar ist zunächst, daß £ 77 und 175, die sich in zwei von fünf Fällen decken, gemeinsam von einer Quelle abhängig sind, in der die Liste wohl noch vollständiger als in ihnen zusammen, aber augenscheinlich doch auch nur in Aus- wahl überliefert war. Da beide Zeugen der Z-Familie Ir ange- hören, ohne jedoch innerhalb dieser intimer zu einander zu stehen, so liegt es nahe, die gesichtete Vorlage mit dem Archetyp von Ir zu verselbigen. E 370 und 371 weiterhin, in denen die 'Jovdaixov-Lessut von Matth. 26 74 in den heiligen Text eingedrungen ist, sind selbständige Abschriften eines nach dem byzantinischen Kirchentext stark durchcorrigierten Codex, welcher näher dem Muttertexte Z zu auf der nach I.r absteigen- den Kette lag. Die offensichlich der Urform Z noch näher stehende Vorlage des Stammcodex von e 370 und 371 muß die in den Textkörper des letzteren übernommene Variante des lovöcüxov noch am Rande aufgewiesen haben, und sie oder ein noch älterer gemeinsamer Vorfahre der in s 370 f und Ir er- haltenen Ausläufer dieser Z-Linie hat die 'lovöcäxov- Varianten auf die aufgezählten vier Handschriften vererbt.

Das Neue Testament 6 30 sodann, das uns den größten Teil der Liste erhalten hat, ist von einem außergewöhnlich treuen Schreiber hergestellt worden, wie oben S. 14 erwähnt, vielleicht von dem bekannten nach Süditalien gekommenen Mönch Sabas. Sein Respect vor dem Tatbestand in seiner Vorlage ging so weit, daß er, obwohl die einzelnen Evangelien in der herrschenden Reihenfolge anordnend, dennoch unter Matth. mechanisch das vorgefundene Schlußwort rsXog txaxtQmv atu?'jv2 copierte. So

1) Sodann fehlt in 6 30 durch Ausfall eines Blattes Matth. 1 23 2 10.

2) Die Vorlage von 6 30 bestand also aus zwei Bänden, von denen der eine Joh. Matth. umfaßte. Auch der Conimentar A214 mit der Reihen-

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichtc 95

übernahm er auch in ungewöhnlich reichem Maße grammatische und orthographische Archaismen, ferner eine Reihe von Rand- vermerken, die wegen ihrer völlig andersartigen Einführung streng von dem oben zusammengestellten Apparat zu sondern sind und mit Ausnahme der Glossen zu Matth. 27 9 28 16 denn auch lediglich eine der beiden Lesarten betreffen, die bei ge- legentlichen Correcturen des Vorgängers von 6 30 nach der griechischen Vulgata zusammengekommen waren l. Daß dieser pedantische Abschreiber auch die das 'iovöcüxöv citierenden Scholien aus seiner unmittelbaren Vorlage herübergenommen hat, darf um so eher angenommen werden, als er sein Exemplar von vornherein für die größeren Marginalien eingerichtet hat, indem er am oberen und unteren Blattende einen Rand von 8,5 cm, an der Außenseite einen solchen von 10,4 cm Breite frei ließ.

Der Codex 6 30 ist nun das älteste und textlich unver- dorbenste Glied der kleinen Familie <Pa, die auf einen ausge- zeichneten, blutreinen Nachkommen von Z zurückgeht, der jedoch die Z-Subscriptionen gleich so vielen ganz sicheren Zeugen der Ausgabe Z schon verloren hatte, während andere Vertreter der ^-Gruppen sie noch durchgerettet haben. Zwischen der in Ir und £ 370 f mündenden Z-Linie und der Form von #a besteht gar kein näheres Verwandtschaftsverhältnis. Wir treffen also den fraglichen Apparat in den älteren Gliedern zweier Reihen an, die beide ganz selbständig von der gemeinschaftlichen Basis Ur-Z ausgegangen sind. Dürfen wir ihn nun ebenso wie die in Z-Zeugen mannigfacher Mischung hier und da noch auftretenden Zion -Unterschriften als ein vom Muttertext Z überkommenes

folge Job. Matth. Luk. Mark, enthält einen mit Resten aus Z durchsetzten besseren Text. Doch erhellt aus dem Wortlaut der Z-Unterschriften, daß die Ausgabe Z die gewöhnliche Ordnung aufwies.

1) Es handelt sich um folgende Anmerkungen: Matth. Si3 sv txV.oiq' xal vTtooZQSipccg ö sxazövzagyog vyialvovza, 10 4 sv a)Xoig' 6 xal TKcgaöovq avzüv, 10 19 sv cu.?.oig' napaSiStooiv, 10 23 sv aV.oig' ozav ix zavzrfe öiüxiooiv ifiäg, 11 17 ovx ixkavoazs, 19 17 xL fxs s7i£QV)Zäg tisqI zov äya&ov slg v uya&ög, 23 8 fiijösva xalsor/zs, 27 9 tjzi/xiboavzo, 28 16 elg zo Oaßcjo, Mark. 2 17 tiqoo&sc' elg fiezävoiav, 822 Btj&aviav, 1052 naQ1 aXXoiq' äväß?.expov, 12 41 tkxq a/.loig' xal sozuq, Luk. 8 15 ngoo&eg ' 6 sy/ov a>za xz?.., Joh. 7 30 ovtmd. Derartige durch Correcturen der Vor- lagen entstandene Randnoten sind in den Handschriften sehr häufig.

26 A. Schrnidtke, Judenchristliche Evangelien.

Ausstattungsstück einschätzen? Nur in der Überzeugung, daß diese Frage zu bejahen sei, hat unsere Arbeit mit der Festlegung der Evangelienausgabe Z begonnen. Folgende Erwägungen sind dabei für uns die bestimmenden gewesen. Zeigen sich in zwei Größen, deren Verwandtschaft lediglich durch dieselbe Abstam- mung ihrer Ahnen vermittelt ist, auffallende Gemeinsamkeiten, so ist es nach aller Erfahrung das gewiesene, die beiderseitig mitgeführten Züge als ein Erbgut vom Archetyp her zu be- trachten. Durch den Befund in den, von einem textlich vor 1 liegenden Codex abstammenden, Handschriften s 370 371 hat ja auch der Rückschluß, den Ir-Zeugen £ 77 und 175 seien die Scholien geradlinig vom Ausgangscodex für Ir überliefert worden? volle Bestätigung gefunden. Die Art ihrer Formulierung macht sodann zweitens durchaus den Eindruck, daß die Anmerkungen nicht als private Glossen gedacht, sondern zur Verbreitung mit Hilfe einer Textausgabe bestimmt waren. Mit Ir kann aber diese Ausgabe nicht gleichgesetzt werden, da I r den Apparat nur bruchstückweise übernommen hatte, und. sich überdies schon in seiner Vorfahrenreihe eine sichere Spur der Scholien zeigt. Eben- sowenig kommt <P& als die Erstatte der Sammlung in Frage, da die unter diesem Siglum bei von Soden S. 1109 ff ver- einigten Codices 6 30 (s. X) s 167 (s. XI) 413 (a. 1322) und die beiden Athoniten 1444 1454 (s. XIV) keine absichtliche Edition, sondern nur eine im Verlauf von fünf Jahrhunderten zusammen- gekommene Handschriftenfamilie darstellen, von welcher ö 30 in Süditalien copiert ist, wogegen der bis zum Jahre 1437 in der Krimgegend benützte s 167, s 1444 im russischen Athoskloster Pantelei'mon und s 1454 in dem von jeher mit dieser Stiftung im engen Verkehr stehenden Kinowion Dionysiu Abschriften fortzupflanzen scheinen, die nach Südrußland importiert waren. Als die vorsätzliche Ausgabe, für die der Apparat zusammen- gestellt sein konnte, tritt nur der Schnittpunkt der beiden in <P* und Ir mündenden Linien, also Z selber, in Sicht.

Drittens: dem Verfasser der Scholien lag es an, den Mat- thäustext, der als Übersetzung des für die Juden in hebräischer Sprache verfaßten Originals galt, mit aufklärenden Lesarten aus diesem Iovdatxov l und aus anderen griechischen Zeugen zu be-

1) Zu ^IovSaixöv neben einer Matth.-Stelle ist avayytXiov xaxa Max&aTov zu ergänzen; vgl. xo 'Püj/xcüxöv evayyeXtov sc. xaxa 'Iwarvt-v

Die neuen Fragmente und ihre Oberlieferungsgeschichte. 27

gleiten, wobei ihm die hexaplarischen Handschriften der Septua- ginta als Vorbild vor Augen standen, die ebenso am Rande sporadisch die Lesung des ^EßQaixöv und griechische Varianten zur Kenntnis brachten. Das hiermit bekundete gelehrte Interesse war auch dem Herausgeber von Z eigen, der laut der Subscrip- tionen Alter, sorgfältige Anfertigung und Uberlieferungsboden der Vorlagen bestimmend sein ließ, Umfang und Einteilung der Schriften anmerkte und, wie schon erwähnt, zugleich höchst wahrscheinlich die Einrichtung erfunden hat, Seite für Seite mit einer die Parallelen sofort zur Hand gebenden Harmonie der eusebianischen Sectionen zu versehen. Viertens wird durch die Überlieferung in den verschiedensten Gruppen und Einzelzeugen von Z über jeden Zweifel erhoben, daß die in dem Scholion zu Matth. 16 2 f angedeutete Kennzeichnung durch den Asteriscus bereits zur Urgestalt von Z gehörte. Man empfängt auch den Eindruck, daß der Verfasser der Notiz mit dem Urheber der Sternchen identisch gewesen ist. Jedenfalls begegnet er sich mit diesem in dem falschen Verständnis des Asteriscus als eines in Frage stellenden und ablehnenden Zeichens, für das richtiger- weise der Obelos zu wählen gewesen wäre, wogegen der Asteriscus im Gegenteil sonst immer die Aufgabe hatte, zu billigen und zu empfehlen l; Nicht minder ist fünftens der Wortlaut, auf den die Vermerke zu Matth. 5 22 6 13 16 2 f angelegt sind, der ursprüngliche von Z; nur wenige Zeugen haben später unter dem Einfluß des Scholions und anderer Texte Matth. 16 2 f aus- geschieden. Sogar die Darbietungsart der 'Jovöa'ixov-Lesung zu Matth. 10 16, vjieq öqeig ohne Artikel, scheint durch den für Z typischen Text coösl 6<peig statt cog 01 o<psig (s. oben S. S) mitbestimmt zu sein. Sechstens waren auch die größeren Text- abschnitte in den Scholien gleich der Z-Ausgabe stichometrisch abgesetzt; das läßt sich aus den Punkten erschließen, die ö 30 n der Randnote zu Matth. 27 gs hinter hvöjtXovg und OjtrjXaiov festgehalten hat. Dementsprechend weisen die noch ganz in Majuskeln geschriebenen Anmerkungen in e 77, aber sogar auch

in s 1005 (s. oben S. 13). Der kurze Ausdruck ist der üblicheren Bezeichnung to ^EßQa'ixöv für den hebräischen Grundtext nachgebildet.

1) Auf diese auffallende Verwendung des Asteriscus als Tilgungs- zeichen im Z-Codex s 18 hat schon von Gebhardt TU I 4 (1883) S. XXIII aufmerksam gemacht.

28 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

die schon in Minuskelschrift übertragenen Scholien von Ö 30 und £ 175 noch eine Reihe von alten Uncialformen auf1.

Die Zugehörigkeit des Apparates zu den Z-Texten kann man zu guter Letzt auch darin veranschaulicht finden, daß in der syrischen Heimat der letzteren die textkritische Anmerkung zu Matth. 6 13 von Petrus von Laodicea in folgender Gestalt seiner Erklärung des Matthäusevangeliums einverleibt worden ist: xb öe oxi oov loxiv 7} ßaoü.tia xal ?) övvafiig tv xiöiv ov xelxai utyot xov dfiTJv 2. Dagegen vermag der Hinweis auf die immer- hin spärliche Bezeugung der Scholien in den noch erhaltenen Z-Vertretern unsere Annahme keineswegs zu erschüttern. Zu- nächst ist es ja gar nicht ausgemacht, daß die Überbleibsel des Apparates sich auf die aufgezählten Z-Zeugen beschränken. Wohl sind jetzt die evangelischen Handschriften in Massen angesehen worden, und ich selber habe in jahrelanger Mitarbeit an dem Werke von Soden's den größten Teil des Gesamtbestandes in den Bibliotheken des Ostens und Westens in die Hände be- kommen. Allein die Prüfungen erstreckten sich bei der ge- waltigen Fülle des Materials nur in den allerseltensten Fällen auf Blatt für Blatt; da es sich vor allem um den Textcharakter handelte, wurde von einer systematischen Untersuchung der Codices auf Scholien und Randvarianten abgesehen3. Unter diesen Umständen darf man nicht behaupten, daß der Apparat nur in den genannten fünf Z-Handschriften Spuren hinterlassen hat. Es steht umgekehrt zu hoffen, daß eine besonders auf die gerade neben Matth. häufigen Marginalien gerichtete Durch- forschung der Z-Nachkommen weitere und neue Stücke der Liste an das Licht fördern wird. Lehrreich sind folgende Bei- spiele. Als ich das textliche Verhältnis von f. 77 (Ir) und s 370 f festgestellt hatte, geriet ich auf die Vermutung, die Scholien möchten von dem gemeinsamen Vorgänger auf diese Gabelzweige

1) E 175 schreibt beispielsweise im Vermerk zu Matth. 18 22 ?.6yoq noch in der Form , 6 30 in der Variante zu Matth. 27 65 H statt tj, 6 für &, A für ;.. M für /i.

2) Vgl. Heinrici, Des Petrus von Laodicea Erklärung des Matthäus- evangeliums 19C8 (Beiträge zur Geschichte u. Erklärung des NT V) S. 63.

3) So vermag ich beispielsweise nicht dafür einzustehen, daß die übrigen guten <P a -Vertreter s 1444 1453, die ich auf dem Athos fand und verglich, mit SSO nicht noch zum Teil wenigstens die Scholien gemein haben.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte. 29

derselben Z-Linie vererbt sein. Dann mußten die in £ 11 über- ieferten Stücke aber auch schon im Stammcodex von Ir ge- standen haben, was wieder zu der Erwartung führte, daß sich auch in anderen Ir-Gliedern Reste der Randausstattung erhalten hätten. Ich suchte darauf drei mir noch erreichbare ^-Hand- schriften eigens auf diese Beigaben durch und fand so die 'iovöalxov- Varianten in dem Upsalenser e 175, in einem Codex also, der schon früher von verschiedenen Seiten, auch für von Soden, beschrieben und verglichen war, ohne daß man die Scholien bemerkt hatte. Aber sogar die zahlreicheren und größeren Scholien in ö 30 sind von einem so erfahrenen Kenner der Evangelienhandschriften wie Lake, der, wie schon gesagt, nach mir ElxoOi(poivloor]q besucht und dort ö 30 geprüft und zum Teil photographiert hat, wohl unter dem Eindrucke einiger von den oben S. 25 Anm. 1 mitgeteilten belanglosen Randvarianten nicht weiter beachtet und gelesen worden; ich weiß es aus seinem eigenen Munde, daß ihm die 'iovdcüxov- Varianten völlig entgangen sind.

Hauptsächlich muß aber auf die außerordentlichen Erhaltungs - schwierigkeiten der Scholien hingewiesen werden. In Abschriften, die für den Gottesdienst bestimmt waren, werden sie von Anfang an als überflüssig und störend ausgelassen worden sein, wodurch zugleich die ganze Nachkommenschaft solcher einflußreichen Exemplare um die Beigabe gebracht wurde. Ferner war gerade das Matth.-Evangelium als das erste und am häufigsten gelesene am stärksten und fortgesetzt den Abänderungen nach dem byzan- tinischen Haupttexte ausgesetzt, so daß sehr viele Handschriften, die in den übrigen Evangelien noch guten Z-Text enthalten, in Matth. völlig zur Recepta geworden sind: dem Bestreben, die Texte dem Aussehen der verbreitetsten Evangelienbücher anzu- gleichen, mußten aber auch gewöhnlich die Randvarianten zum Opfer fallen. Dazu kam, daß der Mißkredit, in den die hebräischen Grundtexte des Alten Testamentes als verfälscht schließlich allge- mein geraten waren, leicht auch auf den hebräischen Matth. übergriff, und zwar um so eher, als nach Epiphanius haer. 29 ;> nur die häretische Gruppe der Nazoräer die matthäische Original- schrift noch überliefert hatte. So konnten denn viele Abschreiber und Besitzer es geradezu für ein verdienstvolles Unternehmen halten, den das 'lovöcäxov gegen die kirchliche Version aus-

30 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

spielenden Apparat in ihrem Exemplare und damit in dessen Descendenten auszulöschen. Zu vergleichen ist die rasche Aus- scheidung der Randliste in den Ir-Copien. Sehr zu beachten ist weiterhin, daß die auf uns gekommenen Z-Zeugen nur zum kleinsten Teile freie Nachkommen der älteren Abschriften sind. Die große Masse stammt vielmehr von späteren Neuauflagen ab, deren Herausgeber dann auch das Beiwerk nach ihrem Geschmacke einrichteten und die Marginalien, die sich vielleicht bis zu der erkorenen Musterhandschrift noch hindurchgerettet hatten, als unnötig oder gar schädlich ausmerzen konnten. Dagegen ist es höchst bezeichnend: der Herausgeber von Ir, der aus Achtung vor der erwählten Vorlage oder aus antiquarischem oder wirk- lich gelehrtem Interesse die alten Zion-Unterschriften beibehalten und eine auf die Textvorlagen des Apollinaris (von Laodicea) sowie die apostolischen Constitutionen hinweisende textkritische Bemerkung zu Joh. 7 53 8 11 aufgenommen hatte, die Schreiber- reihe ferner, die bis auf ö 30 so getreulich die archaistischen Wortformen und orthographischen Eigenheiten von Z weiter- geleitet hatte l, sie haben uns auch die Randscholien ihrer Vor- lagen weitergegeben. Ja, um die Erhaltung der 'iovöaixov- Lesungen in 6 30 Ir 370 f und ihren Vorgängern zu erklären, wird auch daran zu erinnern sein, daß diese Handschriften ihr Leben unter solchen Griechen geführt haben, die nacheinander die syrischen und lateinischen Versionen zu beachten gelernt hatten 2 und so dem griechischen Wortlaute unbefangener gegen- überstanden. Nimmt man endlich noch hinzu, daß der Übergang von der Majuskel zur Minuskel, der naturgemäß bald eine Be- vorzugung der Vorlagen mit der neuen Schriftart mit sich brachte, eine einseitige Auslese der fortzupflanzenden Z- Abschriften verschuldete, so wird man nach allen diesen Darlegungen die Spärlichkeit der bis jetzt bekannten Z-Linien, in denen die Scholien sichtbar werden, nicht mehr gegen die ursprüngliche Zugehörigkeit des Apparates zur Ausgabe Z entscheiden lassen wollen. Begründet ist vielmehr die Hoffnung, daß bei einer aufmerksamen Durchsuchung auch in noch anderen Zweigen der Z-Uberlieferung Bruchstücke der Randliste zu finden sein werden.

1) Auch der Matth.-Text von ö 30 ist vorzüglich Z geblieben.

2) Vgl. oben S. 16 ff und 13.

Die neuen Fragmente und ihre Überlieferungsgeschichte. 3]

Neben dem lr-Zeugen s 1083 und den tf>a-Codices £ 1444 1453 empfehle ich besonders die bei von Soden S. 1188 fl' behandelten unmittelbaren Zeugen von Z der Beachtung.

3. Es erübrigt noch, die Frage zu streifen, ob der Verfasser der Scholien deren Inhalt selbständig erarbeitet oder aus einer vermittelnden Quelle bezogen hat. An und für sich würde es gut zu dem Bilde des gelehrt interessierten, wohl in Antiochien einheimischen, jedenfalls aber nach Jerusalem gepilgerten Heraus- gebers von Z stimmen, wenn er seinem Texte nicht nur Varianten aus anderen griechischen Handschriften, sondern auch aus dem aramäischen, für das Original gehaltenen Matth. beigegeben hätte, der noch in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts sowohl bei den Nazaräern im cölesyrischen Beröa wie in der Bibliothek des palästinensischen Cäsarea vorhanden war1. Bei dieser Erklärung bliebe aber doch ganz unverständlich, warum sich die Anführung der griechischen Abweichungen in Z ledig- lich auf das Matth.-Evangelium beschränkt hat. Sodann springt es bei der Durchsicht des Apparates sofort ins Auge, daß für die Auswahl der im Vordergrunde stehenden 'iovdaixov-Les&nten fast stets nicht der Widerstreit der handschriftlichen "Über- lieferungen, sondern ausgesprochen exegetische Nöte und Lieb- habereien maßgebend gewesen sind. Diese ausschließliche Be- rücksichtigung des ersten Evangeliums und die unbedingte Vor- herrschaft des exegetischen Gesichtspunktes legen doch die Vermutung näher, daß es sich um Auszüge aus einem verloren gegangenen Commentar zu Matth. handelt, die der Herausgeber von Z für seine Zwecke in eine kurze Form gebracht hat. Im dritten Abschnitt werden wir die auf diese Lösung dringenden Verdachtsgründe erweitern und den Nachweis führen können, daß der Apparat aus der Matthäus-Auslegung des Apollinaris von Laodicea zusammengestellt ist.

1) Vgl. Epiphanius haer. 29? 9; Hieronymus de vir. ill. 3, dial. adv. Pelacr. HI 2.

32 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Zweiter Abschnitt.

Zusammenstellung der auf die judenchristlichen Evangelien bezüglichen Angaben.

Da in den folgenden Untersuchungen dieselben Zeugnisse häufig an verschiedenen Stellen zur Verwertung kommen, empfiehlt es sich, sie zunächst für sich in zeitlicher Folge aufzuzählen, um sie späterhin jeweils nur mit ihrer Stücknummer aufzurufen.

Mehrere nicht in die Sammlung gehörende Nachrichten sind in der dritten und vierten Unterabteilung des sechsten Ab- schnittes behandelt. Sind unsere Ergebnisse richtig, so werden künftighin auch die Citate Nr. 18 29 30 = 32 38 nicht mehr unter den Resten judenchristlicher Evangelienschriften zu buchen sein. Zu Beginn des siebenten Abschnittes findet sich eine zu- sammenfassende Übersicht über die Zugehörigkeit der einzelnen Fragmente.

I. Papias.

Nr. 1. Max&cdoq fiep ovv 'Eßgatöi öuO.txxco xa /.oyia ovve- xd^axo, r/Qfirjvevöev 6 avxa coc f)v övvaxbq ixaOxoq (bei Euseb h. e. HI 39 ig).

II. Irenaeus.

Nr. 2. Adv. haer. I 26 2: Solo autem eo quod est secundum Matthaeum evangelio utuntur (sc. Ebionaei) et apostolum Paulum recusant, apostatam eum legis dicentes.

Adv. haer. III. 11 - : Ebionaei etenim eo evangelio quod est secundum Matthaeum solo utentes ex illo ipso convincuntur non recte praesumentes de domino.

111. Klemens von Alexandrien.

Nr. 3. Strom. II 9 45: 7/i xav xm xa&' 'Eßgaiovq tvayye/.in »o ß-avfiaoag ßaOiZevöei, ytygajrxai, xal 0 ßaöiXsvoaq avaxarjösxaL<i.

Nr. 3a- Strom. V 14 <g: "Iöop yag xovxoiq kxelva övvaxai tov Jtavotxai o C,//xcöv, tcoq av evqi] ' tvgmv öe &a/ißr/- &TjOtxai, &afißi]fr£iq de ßaOtXsvött, ßaOilsvöaq 6s t7cavajiar)Otxa.L<i.

Zusammenstellung d. auf d. judenchristl. Evangelien bezügl. Angaben. 33

IV. Die Spruchsammlung von Oxyrhynchus l.

Nr. 3b- It'yti bfiovq'] >//?; Jtavoaöfrco 6 £rj[zc5v av] tvQt] y-cu orav evq% [ß-citiJtjd-riGSTat xal &ap]ßi]&elq jaoiltvoti xa I ßaOtXevoaq exavaxa]rjöeTai*.

V. Origenes.

Nr. 4. In Job. tom. II 12: Eav 6t xQOöiijrcu tiz to xa&-' TSßoaiovq svaryysXiov, evd-a anzog o (Sanyo ipijoiv *ccqti eXaße ue i) (tTjTfiQ ii ov to ayiov xvsvfta ev ftia zmv toc/öv uov xal axrjveyxi ue elq to oqoz to ut'yc. ßaßdtQ*, exaxoQfjöti, xmq ftytiJQ XntöTov to öia tov Xoyov yeysvijftivov xvsvpa ayiov tivai övrciTca. zavza öe xal tovtco ov jaXtxov £Q/iij- vevoai.

Nr. 5. In Jer. hom. XV 4: El 6t tiz xagaöexerat to eXaßt ue )) utjTijQ uov to ayiov xvsv/ia xal avfjveyxi tut tiz to ogoq to ut'yc vo Oaßmo* xal za ei^z. ovvazat avzov iötiv xrp> ur^eoa.

VI. Die Stichometrie bei Xikepborus 2.

Nr. 6. Kai öoc.i zrjq vt'cz avziXeyovzai' öJ Evay-

ye'Xiov xaxa Eßoaiovq OTiycov ßö .

VII. Eusebius.

Nr. 7. H. e. III 25 5: "Hör] ö3 ev zovzoiq sc. zolq avriXsyo- ut'voiz) zivhq xal to xa& Eßoaiovq evayyiXiov xarsXegav, m ftaXiOza Eßoaiatv 01 tov Xoiotov xaoaöegdfisvot yclnovoiv.

Nr. 8. H. e. III 27 4: Ovtol (sc. ol aXXoi 'Ejuovc.Tm) dt tov uev axoOxoXov xaßxav zaq sxtözoXaq aovrjxeaq rjyovvzo elvai ötiv. axoözazijv axoxaXovvTsq avzov tov vöuov. evayytXin de uovco TÖ> -/.cd- Eßgcdovq Xtyouevco yorouevoi zmv XoixSv OfitxQOV kxoiovvzo Xoyov.

Nr. 9. H. e. III 39 it: Exzsd-Eixai sc. 0 Haxiaq) de xal aXXtjv löTooiav xsgt ywcuxoq exl xoXXalq apaoziaiq öiaßXrj- d-eiörjq Lt'l tov xvqiov. tjv to xatf 'Eßoaiovq evayyiXiov .teoit/ti.

Nr. 10. H. e. IV 22 ~: "Ex Tt tov xad-' 'Eßoaiovq svayyeXtov xal tov SvQiaxov xal löicoz ex t7,z 'Eßoäidoq 6tcO.ix.Tov ziva

1) Grenfell und Hunt. New sayings of Jesus- I

2) Nicephori opusc. hist. ed. de Boor 1880, S. 134. T. u. U. '11 : Schmidtke. 3

34 Ä. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

zi&/]Giv (sc. 6 'HyrjöiJHtog), Ificpaiveov Eßgatmv lavzbv ji£M6TEVxh>ai, xal aXXa de coOav Ig 'iovöaixrjq aygätpov jiaga- öooscog [tvrjfjovevsi.

Nr. 11. Theoph., zu Matth. 25 uff1: Ejiu öe zb eig ?</fiäg fjxov Eßga'ixolq xaQay~TVQ0lv evayyeXiov z?]v aneiXi]v ov xaza rov ajzoxgvyavzoq ejtfjyev, aXXa xaza. zov aooozmq etyjxozoq zgelq yag öovXovg xegielxs, top (iev xaza<payovza zrjv vxag^iv zov öeöjtözov fieza jcogvcöv xal avXrjzgiöcov, rov 6e jioXXajtXaoiaoavza z?]v egyaoiav, zov öexaxa- xgvipavza zb zaXavzoV eiza zov fihv aJtoöex&r}vai, zov öe [i£(i<p&rjvcu [tovov, zbv öh övyxXeiö&TJvat öeö(ia>- zr\ gi cp e<piöz?]ni, [irjjtoze xaza zov Maz&aiov fieza zijv övfutX^gooOiv zov Xoyov zov xaza zov fi?]öev egyaöafievov ?) e£,rjg EJiiXeyofievr] äjteiXrj ov xegl avzov, aXXa. jcsgl zov xgo- zegov xaz exavaX?ppiv XeXexzai zov kod-iovzoq xal mvovzoq fieza zcov [is&vovzcov.

Nr. 12. Theoph. syr. IV 12, zu Matth. 10 34-36 : Er lehrte aber die Ursache der Seelenspaltung, die in den Häusern geschehen würde, wie wir irgendwo in dem Evangelium gefunden haben, das unter den Juden in hebräischer Sprache ist, in dem es heißt: »Ich wähle mir die guten aus, die mir mein Vater im Himmel gegeben hat«.

VIII. Epiphanius. A. Über den hebräischen Urmatthäus der Nazoräer.

Nr. 13. Haer. 29 9: vE%ovat öe zb xaza Maz&alov evayyeXiov jiX?]gsOzazov 'Eßga'iGzl. jtag avzoiq yag Ca(pä>q zovzo, xa&cbg eg agxrjg eygacp?], EßgaixoZq ygafif/aoiv ezi 0(6C,ezai. ovx olöa öe, ei xal zag yeveaXoyiag zag cctco zov 'AßgaafJ, axgi Xqigtov jregieiXov.

B. Über das Sonderevangelium der Ebionäer.

Nr. 14. Haer. 30 3: Kai öexovzai [isv xal avzol zb xaza Maz- üalov evayyeXiov. zovzop yag xal avzol mg xal olxaza K?]giv&ov xal Mrjgtv&ov ygmvzai (jovco. xaXovöi öe avzo xaza Eßgaiovq, coq za äXrj&TJ eöziv eljteiv, ozi Maz&aioq fiovoq Eßgaiozl xal

1) Mai, Nova patrum bibl. IV 1 S. 155.

Zusammenstellung d. auf d. judenchristl. Evangelien bezügl. Angaben. 35

'Eßgaixoiq ygdfifiaoiv sv xfj xatvij öialh'jxij sjton)oaxo xrjv xov iii'.yysliov txd-soiv xs xal xrJQvyfia.

Nr. 15. Haer. 30 13: 7/ ös dgy?) toü nag avxolq svayysXlov r/j 1 6x1 »'Eyt'vsxo sv xaiq rjfisgaiq Hqcoöov xov ßaot- Xscoq xTjq'lovöaiaq i'jX&sv 'icodvv ijq ßajtxi^a>v ßaxxiOfia fisxavoiaq sv xcö 'iogödv?] jzoxaficp, oq sXsysxo sivat sx ysvovq 'Aagcbv xov tsgswq, xalq Zay^agiov xal EXt- odßsx, xal e^tjgyovxo Jtgbq avxbv Jtdvxsq«.

Haer. 30 )4 frei wiederholt: Ilapaxüifjavxeg yag rag naga iw Maz&alo> yevta/.oyütg agyovxai x))v dgyj/v noteZo&at, ojg itgosiTiOftsv, ?.tyovxsg 6x1 > ;■; i exo, <pt]oiv, sv xalg tj/ntgaig HqvjSov ßaaiXtcog xijg 'iovSaiag inl ägytSQHog Kaiü<pa, i]).d-t ng 'Iioccvvrjg bvöiiaxi ßanxi£,u)V ßänxia/xa iiexavoiug £v vü> IoQÖürij tcoxu[j.v)<* xal s^/Jg.

Nr. 16. Haer. 30 13: Ev xä> yovv nag* avxolq svayysXico, xard Max&aZov ovoluaL,o{isvq), ov% öXco ös [xal] jrX?]gsöxazcp, aXXct vsvo&svfisvco xal i(xgo)x tigiaoiisvco Eßgaixbv ös xovxo xaXovöiv IfKpsgsxai oxi »Eysvsxo riq avrjg ovofiaxi IrjOovq, xal avxbq coq sxcöv xgidxovxa, bq s£,sXs£,axo rjfiäq. xal sXfroJV siq Kacpagvaovfi stüTjX&sv slq xijv oixiav 2i(imvoq xov sjzixX?]&evxoq Ilsxgov xal dvoi^aq xb oxofia avxov sljzs' xagsgxbfisvoq Jtagd x?]v X'l[Ivi]v Tißsgtdöoq s£sXs£,alu?]v la)dvvi)v xal 'idxojßov, vlovq Zsßsöaiov, xal JEi{ua>va xal Avögeav xal Qaödatov xal iucova xov ^/jXcoxtjV xal 'iovöav xbv'loxagicoxtjv, xal öh xov Max&alov xa&sZöiisvor erri xov xsXioviov sxdXsöa xal iixoXov&rfidq fioi. i\uäq ovv ßovXofiai sivat ösxaövo aJcoözoXovq siq fiagxvgiov xov 'logarjX. Kai sysvsxo Icoavvtjq ßajixi^atv, xal egrjX&ov Jtgbq avxbv <PagiöaZoi xal sßajixi6&?]Gav xal Jiäöa IsgoöoXvfia. xal si%sv o Ia)dvv?]q svövfza djtb xgiymv xatu?'/Xov xal £oivt]v ösg- ftaxivTjv Jtsgl xt]v oöcpvv avxov. xal xb ßgä)[ia avxov, (pt]öi, fisXc dygiov, ov 1] ysvoiq t)v xov fidvva, a)q syxglq sv sXaicp«.

Nr. 17. Haer. 30 13, angeschlossen an Nr. 15: Kai [isxd xb

tsixtlv jtoXXd EJtMpsgsi öxt »Tov Xaov ßaxxiod-svxoq ?)X&s xal 'ltjöovq xal sßajtxlod-?] vxb xov iIcadvvov. xal a>q dv?]X&£V dnb xov vöaxoq, ?}voiy?]6av 01 ovgavoi, xal siösv xb Jtvevfia xb äyiov sv slösi jtsgiöxsgäq xaxsX- d-ovorjq xal siosX&ovo?jq slq avxov. xal g>a)vt) sysvsxo 3*

36 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

ix rov ovgavov Xeyovoa' ov fiov si o vlbq 6 äyajtfjroq, hv Ool ?]v66x?]Oa. xal JtaXiV iycb OrjiiEQov ysytvvrjxd os. xal ev&vq jiEQieXufirps rov tojcov <pä>q (liya. ov (1. o) I6a>v, cprjoiv, o Io)avv?/q Xaysi avröy ov riq si, xvnte; xal xaXiv (pcovr\ sS, ovgavov jtgbq avrov' ovroq aonv 6 vloq fiov o ayaJi?]Toq, k<p ov 7}vö6x?]Oa. xal rote, g>7]0iv, 6 'imavvrjq jiQOGjiaGmv avrm eXeys' ötoßai oov, xvgie, ov [is ßaJinoov. o 6h axoiXvöav avrov Xaycov dcpeq, ort ovrmq korl jcqejcov 3iXr\gazd-l)vai Jtdvrat.

Nr. 18. Haer. 30 iß: <Paöxovoiv . . . avrov (sc. rov Xgiorov) . . . £?.9-6vra xal v<pj]y?]odiiarov, aq rb Jtag avrolq avayyiXtov xaXovftevov jieqU'/ei, ort rßd-EV xaraXvOac rdq ftvolaq, xai' »sccv fit) jcavO?]Od-£ rov &veiv, ov üiavoarai ag> v/iojv 7) ogyr)«.

Nr. 19. Haer. 30 22: Avxol de arpavioavraq a<$ iavrcov rijV r?jq aX?]&eiaq axoXovd-iav ?]XXat-av rb gtjröv . . . xal ijtoujoav rovq {ia&7]raq fihv Xäyovraq' »jiov &äXeiq troifidoojfit'v ool rb Jtdoxa (payalv,«- xal atrbv dijfrev Xäyovra' » p?) sjti&vfiia hütsd-vurjöa xgeaq rovro rb Jidoya gayalv

[IE&' V(ICÖV\ «

Nr. 20. Haer. 46 1: Aiyazai 6h rb 6ta reoodgoov evayysXiov vx avrov (sc. rov Tariavov) yayevijö&ai, öjcag xara Eßgaiov^ rivhq xaXovoiv.

IX. Hieronymus.

Nr. 21. Comm. in Eph. zu 5 4: Ut in Hebraico quoque evangelio legimus dominum ad discipulos loquentem: »et num- quam, inquit, laeti sitis, nisi cum fratrem vestrum vide- ritis in caritate«.

Nr. 22. Comm. in Mich, zu 7 6: Qui . . . crediderit evangelio, quod secundum Hebraeos editum nuper transtulimus, in quo ex persona salvatoris dicitur: »modo tulit me niater mea, sanc- tus spiritus, in uno capillorum meorum«, non dubitabit dicere sermonem dei ortum esse de spiritu.

Nr. 23. De vir. ill. 2: Evangelium quoque, quod appellatur secundum Hebraeos et ame nuper in Graecum sermonem Latinumque translatum est, quo et Origenes saepe utitur, post resurrectionem salvatoris refert: »dominus autem cum dedisset sindonem servo sacerdotis, ivit ad Jacobum et apparuit ei; jura-

Zusammenstellung d. auf d. judenchristl. Evangelien bezügl. Angaben. 37

verat enim Jacobus se non comesturum paneni ab illa hora, qua biberat calicem dominus1, donec videret eum resurgentem a dormientibus«. rursusque post paululuiu: »adferte, ait dominus, mensam et panem«. statimque additur: »tulit panem et benedixit et fregit et dedit Jacobo Justo et dixit ei: frater mi, comede panem tuum, quia resurrexit filius hominis a dormientibus«.

Nr. 24. De vir. ill. 3: Porro ipsum Hebraicum (sc. evan- gelium secundum Matthaeum) habetur usque hodie in Caesariensi bibliotheca, quam Pamphilus martyr studiosissime confecit. mihi quoque a Nazaraeis, qui in Beroea urbe Syriae hoc volumine utuntur. describendi facultas fuit.

Nr. 25. De vir. ill. 16: Ignatius . . . scripsit ... ad Poly- carpum, ... in qua et de evangelio, quod nuper a me trans- latum est, super persona Christi ponit testimonium dicens: »ego vero et post resurrectionem in carne eum vidi et credo quia sit. et quando venit ad Petrnm et ad eos, qui cum Petro erant, dixit eis: ecce palpate me et videte, quia non sum daemonium incorporale. et statim tetigerunt eum et crediderunt«.

Nr. 26. Conim. in Matth. zu 6n: In evangelio, quod appel- latur secundum Hebraeos, pro supersubstantiali pane reperi »mahar«, quod dicitur crastinum, ut sit sensus: panem nostrum crastinum, id est futurum, da nobis hodie.

Nr. 27. Comm. in Matth. zu 12 13: In evangelio, quo utuntur Nazaraeni et Ebionitae, quod nuper in Graecum de Hebraeo sermone transtulimus , et quod vocatur a plerisque Matthaei authenticum, homo iste, qui aridam habet manum, caementarius

1 Mit Lightfoot, Harnack, Handmann undBernoulli (Hiero- nymus und Gennadius de vir. inl. S. XXXV) setze ich für die vulgäre Lesart „domini" vielmehr „dominus" ein. Für „dominus" zeugen 1. der eine vorvulgäre Textgestalt bietende vortreffliche Cod. Tat. Reg. 2077 s. VIjVH, 2. die von Gregor von Tours, Pseudo-Abdias und Jacobus de Voragine (die Stellen s. bei Handmann, Das Hebräerevangelium TU Y3 S. 80f ) benützten Handschriften, 3. die alte griechische Übersetzung des Schriftstellerkataloges. Die Abänderung zu „biberat calicem domini" nach I Kor. 10 21 11 27 konnte insofern leicht Eingang finden, als man von der Identität des Nr. 23 erwähnten Herrenbruders mit dem Apostel Jakobus Alphäi, der am Abendmahl teilgenommen, überzeugt war, ja an sie von Hieronymus im selben Kapitel ausdrücklich erinnert wurde.

3g A. Schmidtke Judenchristliche Evangelien.

scribitur, istiusmodi vocibus auxiliurn precans: » caementarius eram, manibus victum quaeritans; precor te, Jesu, ut mihi restituas sanitatem, ne turpiter mendicem cibos«.

Nr. 28. Comm. in Matth. zu 23 35: In evangelio, quo utuntur Nazaraeni, pro filio Barachiae »filium Jojadae« reperimus scriptum.

Nr. 29. Comm. in Mattb. zu 27 16 f: Iste (sc. Barabbas) in evangelio, quod scribitur juxta Hebraeos, filius magistri eorum interpretatur.

Nr. 30. Comm. in Matth. zu 27 51: In evangelio, cuius saepe facimus mentionem, superliminare templi infinitae magnitudinis fractum esse atque divisum legimus.

Nr. 31. In Ps. 135 tract., zu Matth. 6111: In Hebraico evangelio secundum Matthaeum ita habet: »panem nostrum crastinum da nobis hodie«.

Nr. 32. Ep. 120 8 ad Hedibiam: In evangelio autem, quod Hebraicis litteris scriptum est, legimus non velum templi scissum, sed superliminare templi mirae magnitudinis corruisse.

Nr. 33. Comm. in Jes. zu 11 2: Juxta evangelium, quod Hebraeo sermone conscriptum legunt Nazaraei, descendet super

eum omnis fons Spiritus sancti. Porro in evangelio, cuius

supra fecimus mentionem, haec scripta reperimus: »factum est autem, cum ascendisset dominus de aqua, descendit fons omnis spiritus sancti et requievit super eum et dixit illi: fili mi, in omnibus prophetis exspectabam te, ut venires et requiescerem in te. tu es enim requies mea, tu es filius meus primogenitus, qui regnas in sempiternum«.

Nr. 34. Comm. in Jes. zu 40 9 ff: Sed et in evangelio, quod juxta Hebraeos scriptum Nazaraei lectitant, dominus loquitur: »modo me tulit mater mea, spiritus sanctus«.

Nr. 35. Comm. in Jes. praef. in libr. XVIII: Cum enim apostoli eum putarent spiritum vel juxta evangelium, quod Hebraeorum lectitant Nazaraei »incorporale daemonium«.

Nr. 36. Comm. in Ezech. zu 16 13: In evangelio quoque Hebraeorum, quod lectitant Nazaraei, salvator indncitur loquens: »modo me arripuit mater mea, spiritus sanctus«.

1) Anecdota Maredsolana III 2 S. 262.

Zusammenstellung d. auf d. judenchristl. Evangelien bezügl. Angaben. 39

Nr. 37. Comm. in Ezech. zu 18 7: In evangelio, quod iuxta Hebraeos Nazaraei legere consueverunt, inter maxima ponitur crimina: »qui fratris sui spiritum contristaverit«.

Nr. 38. Dial. adv. Pelag. III 2: In evangelio juxta Hebraeos, quod Chaldaico quidem Syroque sermone, sed Hebraicis litteris scriptum est, quo utuntur nsque hodie Nazareni, secundum apostolos, sive ut plerique autumant iuxta Matthaeum, quod et in Caesariensi habetur bibliotheca, narrat historia: »ecce mater domini et fratres eius dicebant ei: Joannes baptista baptizat in remissionem peccatorum, eamus et bapti- zemur ab eo. dixit autem eis: quid peccavi, ut vadam et baptizer ab eo? nisi forte hoc ipsum quod dixi igno- rantia est«.

Nr. 39. Sofort angeschlossen au Nr. 38: Et in eodem volu- mine: »si peccaverit, inquit, frater tuus in verbo et satis tibi fecerit, septies in die suscipe eum. dixit illi Simon discipulus eius: septies in die? respondit dominus et dixit ei: etiam ego dico tibi, usque septuagies septies. etenim in prophetis quoque, postquam uncti sunt spiritu sancto, inventus est sermo peccati«.

X. Die Bandvarianten zum Matthäustext in der Evan- gelienausgabe Zion '.

Nr. 40. Zu Matth, 4 s: Tb 'iovöatxbv ovx i^si y>uq zt/v cc/iav Jtolavt, alt »ev 'IeqovöccI?]^«.

Nr. 41. Zu Matth. 5 22: Tb »ax^« Iv tlolv clvriygacpoig ov XElrcu ovöe hv reo 'lovöcüxco.

Nr. 42. Zu Matth. 7 s (hier in d30, doGh ursprünglich wohl neben dem Anfang von Matth. 7 23 stehend): 7o 'lovöaixbv ivrav&a ovxcoq e'/el' »ectv i)te sv reo xÖXjico f/ov xcil rb d-skijfta rov TtaxQoq tuov rov kv ovoavolq firj jioi?]T£, ix rov xoljtov tuov ajioQQitpco vfiaqz.

Nr. 43. Zu Matth. 10 10: Tb 'iovöcüxbv *vjieq bpsiq*.

Nr. 44. Zu Matth. 11 12: Tb'lovöaixbv »öiciojidCErcu* ix*1-

Nr. 45. Zu Matth. 11 25: Tb 'iovöcüxbv » svyaQiorcö öot«.

Nr. 46. Zu Matth. 12 4ob: Tb 'iovöcüxbv ovx r/ji »roffc

7][{IEQCCQ XCU TQELQ VVXtaq]«.

1) Vgl. oben S. 21 ff.

40 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Nr. 47. Zu Matth. 15 5: Tb 'iovöaixov' »xooßäv o vfislg

COCp£l?l&T)68ö&t I| T/fiCÖV«.

Nr. 48. Zu Matth. 16 2f: Td asorjfieicofitva öid xov doxt-

QlGXOV tV tXtQOlg OVX tfMpSQSXai OVXS tV XCO 'iovdcÜXÖJ.

Nr. 49. Zu Matth. 16 17: Tb Iovöaixov »vlh 'icodvvov*.

Nr. 50. Zu Matth. 18 22: Tb Iovöaixov tt-rjg tyet fiexd rb Ißöofir/xovxaxtg tjcxa' »xal yao Iv xolg JcQO<pr(xaig fisrcc rb yQiC&?]vai avxovg iv Jtvevfiaxi dyico evqiöxsxo iv avxoig Xoyog afiagxLag*.

Nr. 51. Zu Matth. 2674: Tb Iovöaixov' »xal yovrjOaxo xal cof/ootv xal xaxrjgdoaxo«.

Nr. 52. Zu Matth. 27 65: Tb Iovöaixov »xal xaQtöcoxsv avxolg dvögaglvojtXovg, Iva xa&ti^covxat xax hvavxiov xov öxrjXaiov xal xtjqcööiv avxbv fjfi&gag xal vvxxog«.

XL Philippus von Side (?). Nr. 53. Cod. Barocc. 142 ed. de Boor TU V 2 S. 169: To öe xaß- 'Eßgaiovg evayyeXiov xal xb Xeybftevov IlexQov xal Ocofiä xeXeiaig anißaXXov (sc. 01 doyaloi), algertxmv xavxa ovyyodf/fjaxa Xeyovxeg.

XII. Theodoret von Cyrus.

A. Von den Ebionäern, welche die Geburt aus der Jungfrau

leugneten. Nr. 54. Haer. fab. II 1: Movov öe xb xaxd Eßgaiovq evayyeXiov ötyovxai, xov ös djtöoroXov djrooxdxrjv xaXovoiv.

B. Von den die wunderbare Geburt bekennenden Ebionäern. Nr. 55. Haer. fab. II 1 : EvayyeXlcp öe xcö xaxd Nax&älov xtyorjvxai (lovco.

C. Von den Nazoräern. Nr. 56. Haer. fab. II 2: Tcö xaXovfievcp xaxd üexoov evayyeXicp xeyoi][dvoi.

XIII. Die lateinische Bearbeitung des Matthäuscom - mentares des Origenes. Nr. 57. Zu Matth. 19 löff: Scriptum est in evangelio quo- dam. quod dicitur secundum Hebraeos, si tarnen placet alicui

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 41

suseipere illud, uon ad auetoritatern, sed ad manifestationein propositae quaestionis: »dixit, inquit, ad eum alter divitum: magister, quid bonum facieus vivam? dixit ei: homo, leges et prophetas fac. respondit ad eum: feci. dixit ei: vade, vende omnia quae possides et divide pauperibus et veni, sequere me. coepit autem dives scalpere caput suum et non placuit ei. et dixit ad eurn dominus: quo- modo dicis: legem feci et prophetas? quoniam scriptum est in lege: diliges proximum tuum sicut teipsum; et ecce multi fratres tui, filii Abrahae, amicti sunt stercore, morientes prae fame, et domus tua plena est multis bonis, et non egreditur omnino aliquid ex ea ad eos. et conversus dixit Simoni discipulo suo sedenti apud se: Simon, fili Joannae (cod.-ne), facilius est camelum intrare per foramen acus, quam divitem in regnum coelorum«.

Dritter Abschnitt.

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil und Gebrauch der griechischen Täter.

In diesem Abschnitt soll folgender Sachverhalt herausgestellt werden. Bei den Judenchristen im cölesyrischen Beröa, die, in der frühesten katholischen Kirche aufgewachsen, als späterhin abgesonderte Gemeinschaft unter dem ältesten Christennamen > Nazaräer« noch in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts fortexistierten, entstand vor 150 eine targumartige Übersetzung des Matthäus -Evangeliums in aramäischer (syrischer) Sprache und in hebräischen Schriftzügen, das NE. Diese Bearbeitung hatte das Glück, in den Ruf der Originalität dem griechischen Texte gegenüber zu kommen. Papias hat die damit gegebene Behauptung, der Zöllnerapostel habe sein Werk in »hebräischer« Sprache verfaßt, gläubig aufgenommen und vermittelst seiner Nachschreiber zum Gemeingut der alten Kirche gemacht.

Einige textliche Besonderheiten dieses syrischen Matthäus- evangeliums sind von Hegesipp verwertet worden. Dann aber blieb das NE anderthalb Jahrhundert lang völlig dem Gesichts-

42 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

kreise der Kirchenscbriftsteller entrückt, bis es in einem Exem- plare dem älteren Eusebius von Cäsarea überbracht und von diesem sofort als der schon verschollen geglaubte hebräische Urmatthäus der Tradition begrüßt und benützt wurde. Dem Vorbilde des Euseb folgte Apollinaris von Laodicea, der sich in Beröa selber eine Abschrift des NE verschafft, es häufig als die matthäische Urschrift citiert, aber auch dessen Tradenten ge- schildert und in der Erklärung zum Propheten Jesaja eine An- zahl nazaräischer Ausdeutungen mitgeteilt hat. Aus dem Matth.- Commentar des Laodiceners ist der Randapparat zum Matth.-Text der Evangelienausgabe Z zusammengestellt worden. Auf den Nachrichten, die Apollinaris über das NE und dessen Leser ver- öffentlicht hat, fußen ferner die einschlägigen Angaben des Epiphanius. Aber auch Hieronymus hat fast alle seine NE- Proben und die nazaräischen Auslegungen zu Jesaja dem Apollinaris entlehnt, aus dessen Erklärung zu Matth. endlich noch ein größeres NE-Fragment in die alte lateinische Be- arbeitung der von Origenes verfaßten Tomoi in Matthaeum ein- geschaltet worden ist.

Alle griechischen Schriftsteller, die das NE aus eigener Prüfung oder durch Vermittelung kannten, haben es konsequent nur unter solchen Bezeichnungen eingeführt, die ihnen vom alten Testamente her für hebräische Urtexte geläufig waren. Sie haben also diesen aramäischen (hebräischen) Matth. ebensowenig wie etwa das 'EßQcüxöv des Pentateuchs als ein selbständiges, durch die griechische Textform noch nicht gedecktes Schriftwerk be- handelt, das da eines eigenen Titels bedürfte, und dessen Stellung im Kanon noch besonders zu bestimmen wäre. Vor allem hat kein griechischer Vater das NE in irgend welche Beziehung zu dem xa&y 'Eßgalovg evayysXiov, dem HE, gebracht; alle griechischen Kenner haben beide Größen vielmehr vollständig auseinander gehalten.

I. Die Auskunft des Papias. 1. Zu Beginn des dritten Buches der Kirchengeschichte (h. e. III 3 3) verpflichtet sich Euseb, bei den alten Autoren anmerken zu wollen, welche Antilegomena sie etwa benützt und welche Nachrichten sie über die Entstehungsverhältnisse der unbestrittenen sowohl wie der nicht allgemein anerkannten

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 43

Schriften empfangen haben. Bei Papias genügt er seinem Ver- sprechen mit dem abschließenden Teil h. e. III 39 15 17. Er beginnt die Übersicht mit dem Zeugnis, das sich bei Papias über den zweiten Evangelisten fand; dann erst legt er die den Matthäus'betreffende Aussage vor. Diese auffallende Reihenfolge ist handgreiflich dadurch verursacht, daß die Aufklärung über Mark, zufälligerweise noch ein Stück der vom Presbyter Johannes stammenden Paradosen bildete, die unmittelbar vorher erwähnt worden waren. Was Papias alles von Johannes erfahren hat, so leitet Euseb zu dem geschuldeten kanongeschichtlichen Ab- satz über, mögen die wißbegierigen Leser im Quellenwerke selber nachlesen; es sei aber seine eigene zwingende Aufgabe, nunmehr noch die Überlieferung mitzuteilen, die Papias von dem ge- nannten Presbyter über den Evangelisten Mark, empfangen habe. Es folgt die betreffende Nachricht, von Papias eingeleitet mit: xcu xov&} 6 jrQsoßvrsQoc eXeysv. Euseb fährt nach dem Zitat folgendermaßen fort: xavxa tuev ovv löxoQrjxai xcö ria.-tia jieqI xov Mctgxov und geht zu der Angabe Nr. 1 mit der Ein- führung über: jcsqI de xov Max&cdov xavx uq?]xcu. Diese Worte sehen von den besonderen Quellen des Papias vollständig ab, beziehen sich dagegen ganz unverkennbar auf das dem ganzen Abschnitt h. e. 111 39 15 17 zugrunde liegende Pro- gramm h. e. III 3s zurück: vjioot]tu?]vao&ai . . . xiva xe jteqI xcov kvöia&TjXcov xcu ofioÄoyovftevcov ygacpcöv xcu 60a stegl xcov fi?j xolovxcov avxolz elq?]xcu. An dritter Stelle folgt dann der Vermerk, Papias habe aus dem ersten Johannes- und dem ersten Petrusbrief citiert; endlich wird viertens festgestellt, daß er aber auch noch eine akanonische Erzählung darbietet, die im Hebräerevangelium steht (Nr. 9) l.

1) Die vierte Notiz Nr. 9 erfüllt das Versprechen h. e. III 3 3, vnoorj- /iT]vcco9ai xiveq rü>v xaxa -/QÖvovq ixx?.)]Oiaoxixü>v Gvyypctfpscüv ortolaiq xe/Q>jvxcu züiv avxiXsyoutiLor. Das HE war ja nach der früheren Mit- teilung Nr. 7 von einigen Registraturen der Schriften zu den Antilego- menen gerechnet worden. Der Hinweis auf die Citierung von nur) I Joh. und

I Petr. will die unbestrittene Geltung dieser Briefe veranschaulichen und zugleich als argumentum ex silentio gegen die Echtheit der nichtcitierten

II Petr. und II III Joh. verstanden sein. Wie zu dem kanonhistorischen Schlußteil übergeleitet wird durch ärayxaicaq vvv ?iQoa&t)oouev xulq npoexvs- &sioaiq aixov (pcovalq naoäöooiv xx?.., so wird er hinter Nr. 9 abgeschlossen mit: xal xavxa 6'fjinlv ävayxaicoq Tigoq xolq ixxe&eioiv ImxexijQrja^ü). Daß

44 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Euseb sagt also mit dürren Worten, daß er nur die Nach- richt über Mark, noch den papianischen Erfragungen bei dem Presbyter Johannes entnommen habe. Die Meinung aber, daß die Auskunft über Matth. dessenungeachtet wegen ihres so- fortigen Anschlusses und der parallelen Einführungsformel xtQi dt xov Maxüaiov xavx uor/xca dennoch mit dem Mark.-Zeugnis und seinem Urheber in nächstem Zusammenhang stehen mfi ist durch die Klarlegung des Zweckes widerlegt, den Euseb in dem Schlußteil des dem Papias gewidmeten Capitels verfolgt. Wie schon die abschließende Wendung zu Mark., so nehmen die einleitenden Worte vor Nr. 1 vielmehr fraglos das b. e. III 3 b gestellte Thema xiva ti()?]xai avxolg Jisoi xüjv yQagxxip auf und sind entsprechend nur in diesem Sinne zu verstehen: »Was nun den Evangelisten Matthäus angeht, so findet sich bei Papias in irgend einem Zusammenhange folgende Mitteilung über ihn«. Es ist daher unter keinen Umständen statthaft, die An- gabe über Matth., wie es öfters geschieht, vermutungsweise oder gar mit Bestimmtheit als eine der Überlieferungen des Pres- byters Johannes zu bezeichnen und danach ihr hohes Alter zu berechnen. Die Möglichkeit muß vielmehr durchaus offen bleiben, daß Papias die Nachricht Nr. 1 erst kurz vor der um 150 an- zusetzenden1 Abfassung seines Werkes empfangen hat, ferner daß diese Tradition selber nicht viel älteren Datums ist.

Bis auf wenige Ausnahmen ist man heute von der überaus seltsamen Behauptung, Papias rede in Nr. 1 von einem vor- kanonischen Werke des Matth., zurückgekommen und bezieht die Notiz wieder richtig mit Irenäus. adv. haer. III 1 i (MG 7 844) und

die Beleuchtung, in die wir den Abschnitt h. e. III 39 15 17 gerückt haben, voll den Absichten Eusebs entspricht, ergibt -ich aucli aus der Vergleichung mit h. e. V S, wo Euseb unter ausdrücklicher ZurückbiTufung auf das Programm h. e. III 38 das gleiche Material aus Irenäus zusammenstellt, nämlich 1. die auf Irenäus gekommenen Traditionen über die Evangelisten und Apok., 2. die Benützung von I Job. and I Petr., 3. die Citate det [renäus aus Antilegomenen wie Pastor Hermae, Ignatius, Weisheit Salomo's und ähnlichen Quellen. Den Wendungen h. e. III 39 16 Tuix<- fskv ovv 'iozönr/rai xö> Hanta neol xov Mänxov niol 6e xov Mat&ttlm tcrtil elQrjtai entsprechen hier h. e. V 85 xavxa fikv ovv . . . xö> npo6r]Xu>&&VTt tiQijXai und V 87 xavxa xu). neol r//; uno/.a't.vxptwq, laxooTjXai x<]> faSqXw/iilHp. 1) Harnack, Chronologie I S. 357 und G93.

Die aramäische M.uthäusbearbeitu- :. N r im Urteil et

b auf unser erstes Evangelium '. Der Ausdruck - erklärt sieh leicht aus der besonderen Interessenrichuiug des papianisehen Werkes Aoyiur xt\ " _ _. vor der die

rein erzählenden Partien der matthäischen Evar.geliensehr: sehr in den Hintergrund traten. : :ere nur als Ver-

mittlerin der zu erklärenden Redestüeke erschien. Heib deshalb doch auch vorher in der Rechtfertigung der Lücken- haftigkeit des zweiten Evangeliums-, die besonderen Umstände hätten es verursacht, daß Petrus, der Gewährsmann des Mark., keine ovi-rciu nur xvQUaem» loftmv darbot, die dem M einen vollständigen Bericht über des Herren Worte oder Taten hätte ermöglichen können. Vermutlich ist "der ursprüngliche Zusammenhang von Xr. 1 aber überhaupt der. daß Papias. um die Differenz zwischen einem Herrenworte bei Matth. und zwischen dem Bericht bei Luk. oder Job. zu erklären, darauf aufmerksam machte, Matth. habe ja die betreffenden Sprüche auf hebräisch niedergeschrieben, die griechischen T \ s ten mithin Über- setzungen, bei denen es trotz allem guten Willen nicht Entstellungen des anfänglichen Wortlautes abgehen konnte3.

1) Das Wort awattw in Nr. 1 gebraucht h. e. VI 35 4 vom Matth. -Evangelium: ypififtc

'2 Die Kennzeichne et fievx - \ ezieht sich

nicht auf eine fals S .inordnung. sondern ist identisch mit dem

folgenden hna , -. Weil Petrus keine vollstär. Hg ~ ■■ i U . xvpiaxcjv Xoyiutv vortrug', darum konnte Mark, die Geschehnisse uicht , :.y. nicht Stück für Stück, wie jene '.t hatten,

wiedergeben.

3) Eine solche Feststellung bedeutet jedoch noch keine mißgünstige Herabsetzung des griechischen Matth.- Ev arge Munis. Bei dem AT man ja auch auf Übersetzungen angewiesen. Und warum sollte F die secundäre Natur des griechischen Mattr g -ommen haben

als die anderen Kirchenschriftsteller, die an die hei .ung

des ersten Evangeliums glaubten? Die Meinung des Fapias. es seien mehrere griechische Versionen entstanden, ist bloß der unwillkürliche Ausdruck dafür, daß er nichts über eine einzige offizielle Übersetzungsarbeit erfahren hatte, wie eine solche für griechische AT durch die Sentuaginta- Legende verbürgt war. Zum V laut von Nr. 1 vergleicht Zahn. Einleitung II3 S. 271 gut den Vermerk in der Berliner ägyptischen Urkunde Nr. 1008 vom Jahre 55 a. Chr. :

nttfov (.•! ; .1: nri'c,', ueS-SQu^i-f-voiürr^ xc:

övraror. Wenn Papias keinerlei Traditionen über die Evangelien des

46 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Nun steht aber die griechische Originalität des Matth.-Evan- geliums aus inneren Gründen unbedingt fest1. Folglich beruht das papianische Zeugnis auf einem Irrtum. Um dessen Erklärung brauchen wir nicht verlegen zu sein. Wenn, wie sich zeigen wird, kirchliche Gelehrte vom Range eines Euseb und Apolli- naris die aramäische Matth.-Bearbeitung der Nazaräer als das vonPapias angedeutete hebräische2 Original wiedererkannt haben, so ist es einfach geboten, das NE auch als den Ausgangspunkt und Erreger der falschen Tradition zu betrachten und die papianische Auskunft als die älteste uns erhaltene sichere Spur des NE zu bezeichnen, für das damit als terminus ad quem die Mitte des zweiten Jahrhunderts gegeben ist. Will man nicht ganz widerrechtlich die Frage der synoptischen Redecpielle in das Spiel mischen, so darf und muß die papianische Meldung vom hebräischen Urmatthäus ebenso verständnisvoll übergangen werden wie die Aussage des Hieronymus praef. in Tob. (ML 29-23), der ihm vorliegende aramäische Text des zweifellos urgriechischen Buches Tobit sei die ursprüngliche Niederschrift, wie der von Klemens Alexandrinus und Euseb geteilte Glaube an die hebräische Abfassung des Hebräerbriefes, wie endlich die Traditionen, Markus habe lateinisch3 und Lukas habe syrisch geschrieben4. In hebräischer Quadratschrift angefertigt (Nr. 38), sahen die Exemplare des NE äußerlich ganz wie die alttestamentlichen Urtexte aus; entsprechend konnte, zumal da ja Matthäus ein Hebräer gewesen und in seinem Evangelium auch das hebräische AT zitiert war, die Meinung von der Priorität der von den Judenchristen tradierten »hebräischen« Textform sehr leicht auf-

Luk. und Joh. mitteilte, so ist daraus nur zu schließen, daß sich ihm kein Anlaß geboten hat, irgend eine Besonderheit ihrer Berichte aus den Ent- stehungsverhältnissen zu erklären.

1) Jülicher, Einleitung in das NT 5 6 S. 260: »Matth. hat griechische Quellenschriften wesentlich gleichlautend reproduciert; für den gesunden Menschenverstand ist damit die Frage nach seiner Ursprache erledigt".

2) Die aramäische (syrische) Sprache des NE ließ sich als »hebräisch« bezeichnen, da sie das Landesidiom der Hebräer, die ^Eßfjaiq öiälexToq, war.

3) Siehe oben S. 17. In Prag und Venedig bat man bis in das 18. Jahr- hundert hinein das lateinische Original des Markus zu besitzen geglaubt (Julie her, Einleitung 5 6 S. 518).

4) Die syrische Entstehung des Luk.-Evangeliums ist beispielsweise in der Subscription des Theophylakt-Commentars 415 behauptet.

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 47

kommen und Eingang finden. Man wird zudem voraussetzen dürfen, daß die Nazaräer selber den secundären Charakter ihres Matth.-Evangeliums rasch vergessen und ihre Überlieferung als die selbstverständlich authentische Niederschrift des Zöllner- apostels ausgegeben haben l. Bekanntlich waren auch die Syrer überzeugt, in ihrem Matth. einen von der griechischen Über- setzung unabhängigen Text zu besitzen.

Es steht dahin, ob zu Papias nur die bloße Kunde von der hebräischen Abfassung des Matth. gedrungen ist, oder ob er von seinem Gewährsmann auch Nachricht über den fortdauernden Gebrauch des Originals bei Judenchristen erhalten, ja sogar etliche Stellen aus dem NE erfahren und verwertet hat. Ganz unzeitgemäß wäre jedoch die Forderung, er hätte, falls ihm der- artige bestimmte Angaben zugegangen wären, die griechische Christenheit mit aller Energie auf den Fortbestand des mat- thäischen Urtextes aufmerksam machen und womöglich selber eine genaue Revision der griechischen Übersetzung in die Wege leiten müssen. Man darf bei Papias nicht tiefergehende Inter- essen annehmen wie etwa bei Epiphanius, der hebräisch und syrisch verstand, nicht ohne textkritische Neigungen war, die sichersten Mitteilungen über die Erhaltung der matthäischen Urschrift bei den zeitgenössischen Nazaräern besaß (Nr. 13), und doch keinen Finger zu ihrer Erlangung rührte, obschon er obendrein noch eigene Beziehungen im nazaräischen Wohnort Beröa hatte 2.

2. Der dem Papias zugeflossenen Kunde hat Irenäusadv. haer. Ulli weitere Verbreitung verschafft. Auf Irenäus, der schon von Klemens Alexandrinus fleißig studiert wurde3, fußt unverkenn- bar auch die etwa in das Jahr 246 fallende Angabe des Origenes in Matth. tom. I (bei Euseb h. e. VI 25 -i), er habe sv Jtaga- öoost erfahren, daß von den vier Evangelisten Matth. als der erste und zwar für die Gläubigen aus dem Judentum in hebräischer

1) Die Annahme, die Nazaräer hätten das NE der matthäischen Autorenschaft entkleidet und es lediglich als »das Evangelium* bezeichnet, entbehrt jeder Berechtigung.

2) Vgl. den Brief am Anfang des Panarions.

3) Harnack, Chronologie I S. 671.

48 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Sprache geschrieben habe i. Schon daraus, daß, wie aus Euseb mit Sicherheit zu erschließen ist, die Hypotyposen des alexan- drinischen Kleraens sich über den hebräischen Ursprung des Matth. -Evangeliunis ausschwiegen, und Origenes nur auf Irenäus angewiesen war, läßt sich folgern, daß die in Alexandrien selber einheimische Schultradition nichts von einer hebräischen Authenti- cität des Matth. wußte. Die Art, in der Origenes den griechischen Text behandelt, stellt dieses vollends sicher. Denn nur dann, wenn Origenes von Jugend auf den griechischen Wortlaut auch als den ursprünglichen anzusehen gelernt hatte, läßt sich ver- stehen, daß er ihn trotz der Kenntnisnahme von jener Paradosis fortgesetzt als den für die Geschichte des matthäischen Textes einzig und allein in Betracht kommenden einschätzt und die semitische Grundlage ebenso wie die Möglichkeit einer Vielheit von Übersetzungen beharrlich ignoriert.

Einige Beispiele mögen die Verhaltungsweise des Alexan- driners veranschaulichen. Im Matth.-Commentar tom. XV 14 (MG 13 1289 ff) möchte Origenes , um die Schwierigkeit in Matth. 19 19 ff zu beseitigen, das Satzglied xcu dyajtrjöELg xbv jtZ?]öiov öov (Dg Csavxov als späteres Einschiebsel betrachtet wissen. Er rechtfertigt diese Conjectur auch durch den Hinweis auf die zahlreichen Textverderbnisse, die von Schreibern und Besitzern der Handschriften aus den verschiedensten Motiven in die evangelischen Texte hineingetragen worden sind; allein, ob- schon er sein ganzes Wissen, seine Phantasie und Combinations- gabe aufbietet, um den Vorschlag annehmbar zu machen, zieht er den secundären Charakter des griechischen Textes gar nicht in Rechnung. Bei der Auslegung von Jes. 7 u fragt der Exeget, wie Matth. 1 23 zu der gegen die alttestamentliche Grundstelle xai xalidug (LXX!) verstoßenden Lesart xcu xaXiöovoiv komme, und weiß für den Fall, daß die falsche Citierung nicht schon in der princeps editio des Evangeliums stand, wiederum nur auf die Willkür eines Copisten zu raten (MG 13 225). Um ein Schreibversehen des Matth. würde es sich handeln, wenn die im Text des Origenes Matth. 21 9 und 21 15 abwechselnden Les- arten reo vlm Aav'id und reo olxco Aavtö inhaltlich verschieden

1) Auch im Joh.-Commentar VI 32 hat Origenes den irenäischen Bericht über die Entstehung des Matth. -Evangeliums berücksichtigt, jedoch ohne eigens den hebräischen Sprachcharakter zu betonen.

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 49

wären (MG 12 um). Bei der Erklärung vonMatth. 21 9 (MG 13 i«n) kann Origenes nicht begreifen, warum der Evangelist, der doch Ps. 1 1 8 25 f zitieren will, mit den Worten cooavva xco vlm Aav'iö dieser seiner Vorlage untreu zu werden sich veranlaßt gesehen haben sollte. Er meint deshalb, Matth. selber habe zwar in Übereinstimmung mit der angegebenen Septuagintastelle co xvgis öcöoov öi] geschrieben, die späteren Copisten hätten jedoch anstelle dieser richtigen Citierung die Worte coöavva xco vlcp Javiö aus dem hebräischen Text des Psalms in den evan- gelischen, ursprünglich mit Septuaginta sich deckenden Text hineingepfuscht. Daß sie dabei den hebräischen Wortlaut ent- stellten, das erkläre sich, so schließt der Exeget, aus ihrer Sprach- unkenntnis; die Abschreiber der Evangelien seien nämlich ge- wöhnlich Hellenen gewesen.

Diese Proben stellen sicher, daß Origenes nicht in der Tradition vom hebräischen Urmatthäus aufgewachsen sein kann, daß er über die durch Irenäus vermittelte JtagaöoOiq wie über so viele andere, ihm hier und dort entgegentretende Überliefe- rungen lediglich weiterreferiert hat, ohne sie sich zu eigen zu machen und die Consequenzen zu ziehen K Unter diesen Um- ständen verliert jene Erzählung bei Euseb h. e. V 10 3, die Zahn an verschiedenen Stellen als Zeugnis für eine von Papias unabhängige, spätestens vor 180 von Pantänus nach Alexandrien gebrachte Kunde vom hebräischen Urmatthäus verwertet, vollends jede Beweiskraft. Der Bericht bei Euseb lautet: 6 üavxaivog xal £iq 'Ivöovg ll&eiv XsysTcu, sv&a Xoyog svgsiv avxbv xgo- (pdaöav xr]v ctvxov jcagovolav rb xaxa Max&alov evayyiXiov jtagd xioiv avxo&i rbv Xgioxbv ejtsyvcoxoöiv, oig BagfroZo- [ictiov xeov äjtoüxoZcov eva xi]gv§ai avzoie xs 'Eßgaicov ygdfi- tuaoi x)]v xov Max&aiov xaxalüxpai ygacprjv, rjv xal öco&o&ai £iq xbv örjXovfisvov xgovov. Unter dem Inderland versteht Euseb hier offenbar nicht das von Ägypten aus schnell erreich- bare glückliche Arabien, sondern das eigentliche Indien, das er schon vorher als äußerste Station der pantänischen Missions-

1) Es ist nicht begründet, wenn Gla, Die Originalsprache des Mat- thäus-Evangeliums (1887) S. 71 voraussetzt, Origenes habe in Alexandrien und anderswo eifrig nach einem Exemplar des hebräischen Matth. gesucht, ein solches aber nicht finden können. Die betreffende Tradition hat den Alexandriner im Gegenteil ganz kalt gelassen.

T. n. U. '11 : Schmidtke. 4

50 A-. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

tätigkeit unter den Völkern des Ostens bezeichnet hatte. Ebenso versteht er unter den Bewahrern der apostolischen Evangelien- handschrift zweifellos Heidenchristen indischen Volkstums, deren Voreltern durch Bartholomäus bekehrt worden seien. Man hat kein Recht, die Geschichte dadurch glaubhafter zu machen, daß man an die Stelle jener indischen Christen eine judenchristliche Gemeinde Südarabiens setzt. Es handelt sich vielmehr nur um eine Anekdote aus einem an den Namen des Pantänus gehängten Missionsroman, dessen Verfasser eiDe derartige Episode durchaus frei erfinden konnte. Hatte er seinen Helden einmal nach Indien gebracht, so folgte er nur einem in der Legendenliteratur häufig wiederkehrenden Zuge, wenn er ihn dort auf Spuren seines berühmten Vorgängers stoßen und insbesondere das von Bar- tholomäus mitgebrachte Evangelienbuch auffinden ließ1. Da nun Bartholomäus ein frühzeitig zur Mission hinausgezogener Hebräer war, so mußte das Evangelium, das er zu den Indern mitnahm, notwendig das älteste, für die Hebräer in hebräischer Sprache geschriebene Matthäusevangelium gewesen sein. War aber diese Berechnung bei der Märe im Spiel, so wird deutlich, daß der Erzähler mit den Angaben bei Irenäus, bzw. Origenes2 bekannt gewesen ist. Auf jeden Fall ist die Legende jünger als Pantänus, also auch jünger als Irenäus, und deshalb, wenn über- haupt alexandrinischen Ursprunges, nicht geeignet, als Beweis für eine selbständige Tradition vom hebräischen Urmatthäus in Alexandrien zu dienen.

Durch Irenäus und Origenes, namentlich aber durch den vielgelesenen Euseb, der in der Kirchengeschichte die älteren Nachrichten ausgeschrieben, späterhin aber auch, wie weiter

1) So fand man in Ephesus und Patmos das Autograph des vierten, in Venedig, wohin die Gebeine des Mark, überführt sein sollten, die lateinische Urschrift des zweiten Evangeliums. Im Jahre 480 wurde im Grabe des Barnabas auf Cypern das von Barnabas selber geschriebene und mitgebrachte Exemplar des Matth. entdeckt. Im macedonischen Beröa zeigte man mir einige Blätter des Originals des ersten Korintherbriefes, die Paulus dort zurückgelassen hatte, in Saloniki die Kanzel, auf der Paulus gepredigt hat.

2) Origenes bei Euseb h. e. VI 25 4: tiqöitov /lisv yeyQemxai y.axu . . . Maz&cäov, ixöedajxüza avtö xoTq änö 'lordcü(J/j.ov moxsvoaotv YQdfXfiaaiv cEßQoüxolq (die Pantänuslegende: lEßQ(ti<i>v ygäfifiaai) avvxe- xay/xevov.

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. ."> |

unten zu zeigen, selber Gelegenheit gefunden hat, das NE als das inatthäische Original kennen zu lernen und zu citieren, ist die von Papias aufgenommene Ansicht von der Ursprünglichkeit des hebräischen Textes in der ganzen alten Kirche zur Herr- schaft gelangt K Das papianische Zeugnis wirkte im einzelnen auch darin nach, daß selbst diejenigen, die sonst hebräisch und syrisch auseinanderzuhalten pflegten, die Sprache des in ihre Hände gelangten syrischen NE meist als »hebräisch« benannten, um eben die Identität des NE mit dem bei den älteren Schrift- stellern angedeuteten hebräischen Originalwerke zum Ausdruck zu bringen. Des Papias naive Annahme, es seien mehrere Über- setzungen zustande gekommen, hat es aber auch verschuldet, daß sich vorerst keine Tradition bildete, durch welche die kirch- liche Textgestalt sanctioniert wurde. Erst als die Stimme des phrygischen Bischofs nur eine unter vielen geworden oder ganz verhallt war, ging man daran, die griechische Version auf den Herrenbruder Jakobus, den Apostel Johannes, auf Bartholomäus, auf Paulus oder Lukas, auf Barnabas, zuletzt gar auch auf Matthäus selber zurückzuführen.

IL Hegesippus.

1. In der Ausführung Nr. 10 kommt es dem Euseb weniger darauf an, Hegesipp als einen noch innerhalb der Synagoge Geborenen, denn als Mitglied einer der aus Hebräern bestehenden, aber natürlich orthodoxen Christengemeinden zu kennzeichnen, wie solche h. e. II 17 und IV 5 geschildert sind. Aus der Zu- gehörigkeit zu einem derartigen Kreise mit seinen mancherlei nationalen Besonderheiten erklärt es sich für Euseb, daß Hege- sipp in den um 180 verfaßten Denkwürdigkeiten einiges aus dem xad-' ^Eßgaiovq svayytUov und aus dem 2vgiaxov sc. svayytXtov citiert sowie, was für ihn besonders typisch sei (xcu iöicog), sich hebräischer Ausdrücke bedient2.

1) Die patristischen Zeugnisse über den hebräischen Urmatth. sind gesammelt von Resch TU V 4 S. 42—45 u. S. 271, TU X 1 S. 84. Die berühmte Einstimmigkeit der alten Kirche reduciert sich auf eine Stimme.

2) Die Angabe ix x)~jq 'EßQatöoq öiakbxzov xivä rld-rjaiv zielt auf Stellen wie die h. e. II 23 7 wiedergegebene: (Iäxtoßoq) ixaXslxo 6 Sixaioq xal wß).iaz, ö saziv tXhjv lozI negar/jj zov ?.r:ov, xai öixatoocvr].

4*

52 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Was bedeutet das JSvgiaxbv evayyeXiov? Klar ist zunächst, daß es eine von dem vorher erwähnten HE verschiedene Größe darstellt, daß nicht etwa durch den Begriff rb 2vQiaxov der Sprachcharakter des HE oder durch den Titel xa&' Eßgalovc, svayysXiov der Leserkreis oder eine griechische Übersetzung des JSvgiaxov bestimmt wird. Weil Euseb nun doch ganz ge- wiß von seinen Lesern verstanden werden wollte, so muß das 2vQiaxbv ferner in den früheren Teilen der Kirchengeschichte bereits in ähnlicher Weise als ein Stück der specifisch juden- christlichen Literatur vorgeführt worden sein, wie es h. e. III 25 5 (Nr. 7) bezüglich des Nr. 10 zunächst genannten xa& lEßQcdovz tvayytliov geschehen war '. Erwägt man weiter, daß Ausdrücke wie rb EßQdixbv oder rb 2vqhxx6v technisch waren für die hebräische oder aramäische Urschrift bzw. die syrische Über- setzung eines bestimmten biblischen Buches, so muß das 2vQiaxbv svayytXiov drittens notwendigerweise den lediglich nach der Sprache noch unterscheidbaren und der Unterscheidung be- dürftigen syrischen Urtext oder die syrische Version eines Evangeliums betreffen, das in der griechischen Kirche in einer griechischen Ausgabe gelesen wurde2. Nun hatte Euseb die Leser im vorhergehenden Buche h. e. III 24 6 (vgl. auch h. e. III 39 16, V 82, V 10 3, VI 25d) darüber belehrt, daß das nach Matthäus benannte Evangelium für die Hebräer in ihrer jiatQioq ylcözra verfaßt worden sei. Unter der Landessprache der hebräischen Apostel verstand Euseb, und nach seiner Annahme auch sein Leserkreis, das Syrische 3. Das Svgiaxov des Matth.- Evangeliums, kurz gesagt das EvQiaxbv tvayysÄiov*, gehörte

1) Das erst h. e. IV 29 6 erwähnte Diatessaron Tatians kommt schon deshalb nicht in Frage, weil es nach keiner Seite hin zur Specialliteratur der Judenchristen gehörte. Außerdem scheint Euseb, der es nicht kennen gelernt hatte, vorausgesetzt zu haben, es sei in griechischer Spi-ache ab- gefaßt worden.

2) "Vgl. den Ausdruck xb cPcoiucc'ixdv evayythov für die lateinische Übersetzung des Joh.-Evangeliums in e 1005 oben S. 13.

3) Euseb demonstr. ev. III 4 44 rt]q Svgwv ov nlsov inaiöireg <pa)vrjq, ibid. III 7 10 avÖQEQ t% Svqojv ivTQa(ft'vreg fiövq (pcovfi und noch öfter.

4) In gleicher Weise ist von Hieronymus das Hebraicum evangelium secundum Matthaeum (Nr. 31) im ältesten Citat Nr. 21 kurz als das Hebraicum evangelium bezeichnet worden, weil es bekannterweise nur vom ersten Evangelium ein Hebraicum gab.

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 53

mithin zu dem literarischen Sonderbesitz und also zu den Kenn- zeichen der alten hebräischen Christen, unter denen nach der Vorstellung des Euseb Hegesipp ejcl xrjg JTQcoxtjg xü)V ajtooxb- Xcov ökxöo'/Jiq (h. e. II 23 3) gelebt hat. Nach allem diesen ist es gar nicht zu bezweifeln, daß Euseb Nr. 10 unter dem 2vgiax6v evayytXiov einzig und allein das für die gläubigen Hebräer geschriebene syrische Original des Matth.-Evangeliums 1 hat ver- stehen können, das wiederum mit dem NE identisch war, welches Euseb später selber bei der Besprechung von griechischen Matth.- Stellen unter den für den hebräischen Urtext gewiesenen Be- zeichnungen xb 'EßQaXxolg xctQaxxrjQGiv svayytXiov (Nr. 11) und xb xao 'Iovöaioig Iv 'Eßgcctöi öiaXexxco svayyiXiov (Nr. 12) eingeführt, Hieronymus aber Nr. 38 näher als »Chaldaico qui- dem Syroque sermone2, sed Hebraicis litteris scriptum, quo utuntur usque hodie Nazareni, . . ut plerique autumant iuxta Matthaeum, quod et in Caesariensi habetur bibliotheca« be- schrieben hat.

2. Doch es bleibt die Frage zu beantworten, warum denn Eusebius, der unter der Einwirkung des papianischen Zeugnisses die Ursprache des Matth.-Evangeliums sonst stets, sogar bei der Citierung des syrischen NE, als hebräisch benannte, gerade in Nr. 10 dafür die correctere Bezeichnung syrisch angewandt hat. Folgende Lösung drängt sich auf. Wie sich später ergeben wird, hatte Euseb zur Zeit der Kirchengeschichte das NE noch nicht persönlich kennen gelernt. Er war also damals auch noch nicht in der Lage, die 2vQiaxöv-7tika.te Hegesipp's von sich aus zu identificieren. Mithin muß Hegesipp selber die Quelle nam- haft gemacht haben. Da Euseb gewohnt war, in seinen Aus- zügen sich sklavisch an die Ausdrucksweise der Vorlage anzu- schließen, so ist zu folgern, daß er die von ihm sonst für den matthäischen Urtext nicht gebrauchte Bezeichnung xb 2vQiax6v bei Hegesipp vorgefunden hat. Wenn dieser die griechische

1; Daß die alten christlichen Hebräer etwa das ursprüngliche ^vqiuxöv des Matth. zugunsten einer Neubearbeitung durch fremde Hand preis- gegeben hätten, war den Lesern der Kirchengeschichte nicht bekannt gegeben.

2) Hieronymus hielt syrisch und chaldäisch für dieselbe Mundart; vgl. prol. galeatus (M L 28 593) »Syrorum quoque et Chaldaeorum lingua testatur, quae Hebraeae magna ex parte confinis est*.

54 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Überlieferung des Matth. zuweilen in der Art etwa von Nr. 11 aus dem 2vgiaxov ergänzt und ausgedeutet hätte, so wäre die knappe Ausdrucksweise, die Euseb dann mechanisch übernommen hat, vollends erklärt.

Nach dem Verhalten des Euseb ist es am wahrscheinlichsten, daß auch Hegesipp dem NE die Priorität vor dem griechischen Text eingeräumt hat. Diese Stellungnahme wäre hinreichend durch die Auskunft des Papias erklärt, könnte jedoch auch selbständig auf den Ansprüchen der Nazaräer beruhen, von denen Hegesipp den Text selber erhalten haben wird. Vielleicht ist endlich auch die an sich richtige, doch in ihrer Isolierung und angesichts von Act. 21 40 22 2 immerhin befremdende Angabe Eusebs, der Apostel Sprache sei die syrische gewesen, von der Behandlung des Hvgiaxov bei Hegesipp abhängig.

III. Eusebius von Cäsarea.

1. Es ist mit Recht öfters aufgefallen, daß Euseb und die anderen griechischen Väter, so oft auch bei ihnen die Rede auf das HE oder den hebräischen Urraatthäus kommt, diese beiden Größen niemals zu einander in Beziehung gestellt haben, während doch Hieronymus Nr. 27 und 38 ausdrücklich betont, daß die meisten das HE als das matthäische Authenticum bezeichnen K Es hätte vor allem stutzig machen sollen, daß Euseb, der in der Kirchengeschichte Nr. 7 10 auf das HE regelmäßig mit dem auch bei Klemens und Origenes konstanten Titel rb y.a& 'EßQcdovq tvayyiXiov Bezug nimmt, bei den Citaten Nr. 11 und 12 diese feste Benennung vollständig ignoriert und die hier citierte Quelle von sich aus durch die Bestimmungen rb slg f][täg lf/.ov 'EßQa'i'KOiQ yagaxxrjQGiv tvajjtliov und rb xclq lovöaioig hv 'Eßgaiöt, öialtxvq) svayytXtov den Lesern kenntlich zu macheD sucht. Ohne die irrige Verselbigung des NE mit dem HE durch Hieronymus und den von Hieronymus beeinflußten lateinischen Bearbeiter des Origenes (Nr. 57) 2 wäre wohl kein moderner Forscher auf den Einfall gekommen, Euseb citiere in der Theo-

1) Schon hieraus folgt, daß Hieronymus eine ganz andere Schrift meint als Klemens, Origenes und Euseb Nr. 7 10.

2) Das Fragment Nr. 57, das im griechischen Matth. -Commentar des Origenes fehlt, entstammt sicher dem NE, nicht dem HE ; näheres darüber weiter unten.

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 53

phanie aus dem evayytXwv xaft* Eßgaiovg, dessen nichtgriechischer Sprachcharakter von keinem Schriftsteller vor Hieronymus an- gezeigt worden ist, und das Euseb Nr. 10 deutlichst von dem nur auf den syrischen Matth. der nazaräischen Judenchristen deutbaren 2ZvQiaxbv ivayytXiov unterscheidet. Unter der Ein- wirkung jener falschen Gleichsetzung hat man es dann auch übersehen, daß Euseb bei den Anführungen in der Theophani»' nicht mehr und nicht weniger als das echte Original des ersten Evangeliums vor sich zu haben meint.

Auf den ersten Blick scheinen zwar in Nr. 11 das hebräisch geschriebene Evangelium und 0 Mard-cüoc, sogar im Gegenteil als zwei sich gänzlich fremde Größen behandelt zu sein. Man muß sich jedoch daran erinnern, daß es auch Sitte war, den be- kannten griechischen Kirchentext eines alttestamentlichen Buches kurz unter dem Namen des Autors dem 'EßQcäxov derselben Schrift gegenüberzustellen. Diesem Brauche entsprechend hatte Euseb schon quaest. II ad Marinum (MG 22 wo f) eine griechische Matth.-Stelle, in der er eine freie Bearbeitung des hebräischen Urtextes vermutete, vom vorausgesetzten hebräischen Original als 6 Maz&alog unterschieden. In dem genannten Tractat be- faßt sich der Kirchenvater mit dem scheinbaren Widerspruche zwischen Matth. 28 1 und Joh. 20 1 und löst ihn folgendermaßen auf. Er meint, der Evangelist habe bei der hebräischen Nieder- schrift von Matth. 28 1 eine Wendung gebraucht, die genauer- weise durch ßgaöiov xcöv Oaßßaxcov hätte übersetzt werden müssen. Der griechische Hermeneut habe indessen den freilich das selbe besagenden, aber doch zweideutigen. Ausdruck otyh oaßßaxcov gewählt i und darauf, um ein Mißverständnis abzu- wehren, die erläuternden Worte xf] sjtirpcooxovöf] dg fiiav oaßßa- xcov von sich aus frei hinzugefügt. In dieser Erörteruno; nun

1) Mit der üblichen Verdrehung ist diese Erklärung von Hieronymus ep. 120 4 ad Hedibiam abgeschrieben: mihique (!) videtur evangelisra Matthaeus, qui evangelium Hebraico sermone conscripsit, non tarn vespere dixisse quam sero et eum, qui interpretatus est, verbi ambiguitate de- ceptum non sero interpretatum esse sed vespere (M L 22 988). Die oft aufgeworfene Frage, welches gemeinsame hebräische oder aramäische Quellwort für vespere und sero dem Hieronymus hier vorgeschwebt habe, ist ganz müßig; er hat wie gewöhnlich nur oberflächlich copiert, ohne selber zu denken.

56 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

wird der jedermann als matthäisch geläufige griechische Text fortgesetzt als o Maxfrcüog von dem hebräischen Urtext unter- schieden: oiöjzeq ÖLEQfirjVSvow avxbg tavxbv 6 Max&aZog fjsxa xb orps öaßßäxmv ejrrjyaya x(] EJiupcaGxovöJ], . . . ojOxe fir/öhv dia<~f£Q£iv Max&aiov £ior)x6xa, . . . o5g xcu 6 MaxQ-aiog reo orphoaßßaxcov, Iva ,«?} xrjv eOjceqivtjv oioav vofiiöEie xig Ztyeo&cu, JTQoosd-rjxs xb rfj kütKpcoöxovoi] sig fiiav oaßßaxov, . . . rjv Mc.x&aZog avxbg jraQtorrjoev eIjccov xr\ EJtupcoGxovG?] dg tuiav oaßßaxcov. Ganz ebenso bedeutet in Nr. 11 6 Max&aZoc die allbekannte, auch von Euseb in der Theophanie zugrunde ge- legte griechische Textgestalt des Matth., wie sie der Übersetzer gebildet hatte; von ihr war wieder der hebräische Wortlaut des Evangeliums zu unterscheiden, der unmittelbar aus der Feder des Zöllnerapostels geflossen war.

Daß Euseb in der Theophanie nun wirklich das matthaische Original heranzuziehen geglaubt hat, ergibt sich aus folgenden Erwägungen. In beiden Fällen steht ein matthäischer Text zur Verhandlung, in Nr. 11 Matth. 25 u— 30, in Xr. 12 Matth. 10 34 36 i. Da das Matthäusevangelium, wie alle wußten, von Haus aus für die änb ' Iovöa'COfiov JtiöXEVöavxEg (h. e. VI 25 4) in hebräischer Sprache verfaßt war, dem griechischen Texte der griechischen Gemeinden also ein unter den christlichen Jaden verbreitetes ^Eßoa'Lxbv oder, wie man die einzelnen Grundschriften des AT auch häufig benannte, eine Jiag 'Eßgcdoig s. 'iovöccioig s. Eßgcüx?] yQacprj2 zugrunde lag, so kann das in Verbindung mit dem griechischen Matth.-Text berücksichtigte Evangelium, das da in hebräischer Schrift und Sprache unter den Juden vor- handen ist, schlechterdings nur die hebräische Urschrift des citierten Buches bezeichnen. Bedenken darf auch nicht der Ausdruck EvayytXiov erregen. Er betrifft in einem solchen Zu- sammenhange ebenso wenig ein fremdes Schriftwerk wie die

1) Die Überschrift des Nr. 12 enthaltenden Abschnittes theoph. IV 12 lautet: »Über die Spaltungen, die in den Häusern und Familien bis jetzt wegen seiner Lehre stattfinden. Aus dem Evangelium des Matthäus.«

2) Vgl. z. B. Euseb onomast. (ed. Klostermann S. 154 Z. 3): tj rra^' ^EßQttloiq yQoupi}, a?X ov%l < r) > x&v 0', h. e. VI 16 1: al naQa xoZq 'iovöaloiq yspö/Ltevai TtQuitöxvnoi ccvxolq 'Eßgaiwv atOLy^ioiz yQa<f<xi.

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazarüer im Urteil etc. 57

mit tu EßQätxov identische Bezeichnung ?} jrag' 'EßQctiotg fQCup% das Pco/täücov tvayykXiov oder das IlaXaioxtvalov £vayyü.iov\ sondern ist vielmehr analog der Erweiterung von Hebraicum evangelium (Nr. 21) zu Hebraicum evangelium secundum Mat- thaeum (Nr. 31) in xo ev 'Eßgatöi öiaXtxxo) evayytXiov (Nr. 12) xaxa Jfax&aiov zu ergänzen. Ganz besonderes Gewicht ist noch darauf zu legen, daß Euseb die Sprache seiner Quelle, deren Identität mit der noch später in der Bibliothek von Cäsarea aufbewahrten aramäischen Schrift Nr. 38 niemand be- streiten wird, in Nr. 12 nicht als syrisch, sondern als die 'Eßncug diaX&xxog bezeichnet, in der nach Papias Nr. 1 Matthäus ge- schrieben hatte. Das ist doch ganz offensichtlich geschehen, um an der Selbigkeit mit dem »hebräischen« Urmatthäus der Tradition keinen Zweifel entstehen zu lassen. Auch in Nr. 11 liegt der Ton keineswegs auf den Schriftzügen, sondern auf »hebräisch«; "wie der matthäische Originaltext hier als xb 'Eßoai- xoic x(cQaxTVQ0LV svayythov sc. xaxa Max&alov, so war er auch h. e. V 10 s als r\ xov Max&aiov yQ<x<pi] avxolg Eßgalcov ygd/.ituaoi gekennzeichnet. Zieht man alle diese Momente in Rechnung, so wird man schon jetzt sagen müssen, daß Euseb kaum imstande war. die matthäische Urschrift noch deutlicher und correcter einzuführen. Nur an diese konnten seine an die entsprechende Gegenüberstellung einer alttestament- lichen Grundschrift und deren Version gewöhnten Leser denken; allein auf sie sehen sich, wie ich erprobt habe, noch heute die mit der alten exegetischen Literatur und Terminologie ihrer Kirche wohl vertrauten griechischen Theologen gewiesen, deren Urteil nicht durch Hieronymus verwirrt ist.

Nur von einem so bedeutsamen Document, wie es das Original war, hatte es ferner Sinn hervorzuheben, es habe sich noch bis zur Gegenwart erhalten. Denn dieses, die Forterhaltung der Urkunde bei den Juden christlichen Glaubens (Nr. 12), und nicht etwa nur der Übergang eines Exemplars in den Besitz Eusebs oder das Vorhandensein in der Cäsariensis2 soll ausge-

1) Siehe oben S. 13 und 21. Übrigens bedeutete to evayye).LOv auch die einzelne evangelische Handschrift; vgl. Origenes tom. XVI 19 in Matth. (MG 131440) sha öoxei hol vnb 'E?.?.rtv<ov ovvv/üz, ygucpöutva za evay- yefaa xzh, Hieronymus coniin. in Matth. zu 11 19 in quibusdam evangeliis legitur (ML 26 76), ep. 120 3 in raris fertur evangeliis (ML 22 987).

2) So Zahn GK II S. 656.

58 A. Scbmidtke, Judenchristliche Evangelien.

sagt werden, wenn das jicxq 'lovöaioig iv EßQälöc öialexzm ovayyü.iov (Xr. 12) in Xr. 11 als eiq rj/iä? fptov betont wird. Als den Prototyp dem kanonischen Wortlaut gegenüber zeichnet Euseb sodann das XE auch durch die Setzung der Präterita ijcrjyev und jiSQialytv (Xr. 11) aus. Wenn die hebräische Über- lieferung im Unterschied von der griechischen bezog und ent- hielt, so stellt sie eben die primäre Größe dar; vgl. die ähnlichen Wendungen Euseb demonstr. ev. V 4 5 ersQtog tiyt xb 'Eßgctixäv, Origenes zu Ps. 4 s (MG 12 ii6s) iv xcö Eßgalxm »anb xcuqoü* etyt, tom. XVI 19 in Matth. (MG 13 i«o) ovxco öl y.cd elyev t) EßQa'ixrj Xsi~iq. Bei der Identifizierung der apokryphen Er- zählung des Papias Xr. 9 heißt es dagegen von dem HE, das nicht als Urschrift eines kanonischen Textes in Frage kam: ?}v xb xa&' EßQaiovq tvayyeXiov jitQLtyat.

Ferner, hätte Euseb in dem Xr. 12 citierten Schriftwerk etwa nur eine notorische Fortwucherung des Urmatthäus oder gar ein selbständiges akanonisches Schriftwerk gesehen, so wäre es dem gegen die außerkirchliche evangelische Tradition auf das ängstlichste verschlossenen Kirchenvater in keinem Falle bei- gekommen, das Apokryphon Xr. 12 zur Erläuterung von Matth. lOsöf einzustellen. Ausdrücklich wird der Spruch jedoch durch » er lehrte« als ein maßgebendes Herrenwort eingeleitet und auf ihn mit »hieraus kann man lernen« zurückgewiesen. Kurz nach Xr. 12 heißt es nochmals: »so erkennt man, . . daß er auch die Tat fügte zu seinem Worte, hauptsächlich zu dem, was geschrieben steht: Ich wähle mir usw«. Indem Euseb des Herrn »Wort, das geschrieben steht,« zur näheren Erklärung des kanonischen Textes heranzog, ohne es in seiner Geltung irgendwie zu bedingen und von dem hl. Texte im Werte zu unterscheiden, erkannte er auch dessen Quelle als inspirierte Offenbarungsurkunde an. Eine solche vermochte das NE für ihn jedoch nur dann zu sein, wenn es wirklich mit der matthäischen Urform übereinstimmte.

Endlich steht auch unverkennbar in Xr. 11 Original und Übersetzung sich inhaltlich zur Yergleichung gegenüber. Man meint zwar gewöhnlich, Euseb habe das Verdict über den faulen Knecht Matth. 25 30 zu hart gefunden und das hebräische Ev. bloß aufgerufen, um durch dessen Beispiel eine ihm mehr zusagende Ausdeutung des matthäischen Berichtes zu belegen; in ein Ali-

Die aramäische MatthäuBbearbeitung der Nazarftex im Urteil etc 59

hängigkeitsverhältnis habe er die Texte dagegen nicht gestellt, sondern Nr. 11 so verwendet, wie man jedes andere Evangelium, das eine parallele Perikope enthielt, hätte heranziehen können. Aber dieses Verständnis wird dem Zusammenhange nicht gerecht. Euseb wäre an sich mit der schwersten Strafe, die der Herr über den Trägen ausspricht, vielmehr ganz einverstanden: r(j jiQOOf]xovö?j jiccQaöcoösi öixt], . . . öixcuozavTjv t^oioec rrjv xur avxov iptjyov (MG 24 68s). Wenn er trotzdem, im Gegensatze zu der praktischen Abzweckung seiner Abhandlung, eine andere Beziehung von Matth. 25 30 erwägt, so tut er dieses, wie er ja auch mit klaren Worten aussagt, weil die hebräische Ausgabe des Evangeliums dazu anleitete. Es handelt sich um eine An- merkung textkritischer Natur.

Der hebräische und der reeipierte Kirchentext von Matth. verhalten sich, so will Euseb darlegen, folgendermaßen. Im hebräischen werden drei Knechte vorgeführt: der erste verviel- fältigt das Gut und erntet Anerkennung, der zweite vergräbt es und wird getadelt, der dritte verpraßt es in schlechter Gesell- schaft und verfällt harter Strafe. Auch im griechischen Mat- thäus erscheint zuerst der treue Arbeiter die zwei Fälle Matth. 25 ig und 17 legt Euseb zu einem einzigen zusammen , dem Belobigung zuteil wird; darauf kommt ein fauler Knecht, der das Talent versteckt hatte und dafür Matth. 25 26 29 eine Scheltrede davonträgt. Soweit decken sich also beide Relationen. Im griechischen Text ist nun Matth. 25 30 an die Scheltrede noch eine Strafverkündigung angeschlossen, die aber im hebräischen Wortlaut nicht dem Faulen, sondern einer dritten Figur, dem unredlichen Prasser, gilt. Dieser Sachverhalt im hebräischen Text führt zu der Vermutung, daß auch im griechischen Mat- thäus das Verdict Matth. 25 30 auf eine dritte, das Gut ver- schwendende Person zielt, so nämlich, daß es nochmals die Strafe angeben will, die den schon in der vorhergehenden Peri- kope Matth. 24 48 ff geschilderten ungetreuen und liederlichen Knecht trifft. Auf Grund des traditionellen Textes würde frei- lich niemand darauf kommen, Matth. 25 30 anders als auch auf den faulen Knecht zu beziehen K

1) Jö§si (jlsv ovv änegiägycoz ooov inl xy axo'/.oiSi« tisq! xov firti£v sgyaaaftsvov ä).).a aTioxgvyavxoc: xb xäXaviov xoix' slgrjo&at. Diese Be- merkung bildet den Übergang zu der Ausführung Nr. 11.

60 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Diese Darlegung setzt nun doch ganz augenscheinlich voraus, daß der griechische Hermeneut die Absicht gehabt habe, sich der erwähnten hebräischen Ausgabe in allem Wesentlichen an- zuschließen, und daß man deshalb in solchen Fällen, in denen beide Größen zu divergieren scheinen, die Frage aufwerfen müsse, ob das Verständnis, das man herkömmlicherweise als einzig möglich mit dem griechischen Text verbinde, überhaupt richtig oder nicht vielmehr nach dem hebräischen Bericht zu revidieren sei. In solcher Weise läßt sich nur Nachbild und Urschrift mit einander vergleichen. Fragt man nun aber, warum denn Euseb, wenn er im NE den matthäischen Urtext zu besitzen meinte, diesen nicht einfach an die Stelle der griechischen Version ge- setzt habe, so ist zu antworten, daß ein solches Radicalverfahren nicht in den Gepflogenheiten der griechischen Väter lag. Wie bei der Gegenüberstellung der Grundtexte und Übersetzungen des AT, so kam es dem Euseb auch hier namentlich nur auf eine scharfe Erfassung der öiavoia des kirchlicherseits recipierten, mithin gottgewollten Textes an; der hebräische Grundtext diente bloß als Hilfsmittel zu diesem Zwecke. Allerdings befestigte Euseb mit den von ihm vorgelegten Proben eine beträchtliche Kluft zwischen dem matthäischen Originale und der kanonischen Textüberlieferung. Aber wir sehen ihn auch am Werke, sie durch seine Auslegekunst zu überbrücken l. Vor allem war man ja vom AT her an oft ungeheure Abweichungen der Version von der Urschrift gewöhnt2. Wenn derartige Discrepanzen bei der auf wunderbare Weise zustande gekommenen Septuaginta sich einstellen und gerechtfertigt werden konnten, so mußten sie auch in der Übertragungsarbeit des ersten Evangeliums nicht verwunderlich erscheinen. Wir haben oben S. 55 gesehen,

1) Euseb nimmt an, der griechische Übersetzer habe sich die Zeich- nung des dritten, zuchtlosen Knechtes erspart, weil ein solcher bereits kurz zuvor geschildert war, und es dann genügte, mit Matth. 25 30 einfach auf den Fall Matth. 24 48 ff zurückzuweisen; unter dem ä/peioq öoiXog 25 so sei ein Knecht von der Verhaltungsart des xaxbq öovkoq 24 48 gemeint.

2) Es ist auch in Rücksicht zu ziehen, daß der kirchliche Text der Evangelien keineswegs feststand und die Handschriften sogar in bedeutenden Stücken wie Matth. 16 8f Mark. 16 9— 20 Luk. 22 43f 23 34 Joh. 5 3 f 753—8 11 auseinandergingen. Daher ließen sich zahlreiche Unterschiede des griechischen Matth. vom NE auch als Willkürlichkeiten und Fehler der Copisten erklären.

Die aramäische Matthüusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. Q\

welche Freiheiten Euseb von vorneherein dem Hermeneuten des Matth. zugestand. Dieser war nach dem Muster der Septuaginta vollauf berechtigt zu Umstellungen, Auslassungen und Ein- schieben, zu Zusammenziehungen und Erweiterungen, zu ganz neuen Einkleidungen eines Gedankens seiner Vorlage. Es war sogar in seinen Willen gestellt, aus irgend welchen ihm als maßgebend erscheinenden Gründen inhaltliche Abänderungen vorzunehmen, mehrere Perikopen zu verschmelzen, diese Stücke völlig auszuscheiden und jene nur dem ihm einleuchtenden Sinne nach wiederzuerzählen. Aufgabe der kirchlichen Exegeten war es dann, die Abwandluugsmotive zu erspüren und zu recht- fertigen. Unter diesen Umständen brauchte Euseb, ganz ebenso wTie die übrigen Schriftsteller, die im NE das matthäische Original sahen, keinen Anstoß an so eingreifenden Differenzen zu nehmen, wie sie uns in den Beispielen Nr. 11 27 33 39 57 vorliegen. Die Varianten des NE lösten dafür so manche Schwierigkeiten der griechischen Überlieferung1 (vgl. Nr. 28 39 40 43 45 4l> 49 52 57), seine Lesarten stimmten gegen verdächtige Texte (Nr. 41 48) und schienen so ihre Quelle als die ursprüngliche zu bestätigen. Natürlich mußten alle diese Unterschiede zwischen dem NE und der kanonischen Form nur als Ausnahmen er- scheinen können, die die Regel bestätigten, d. h. sie konnten nicht so stark sein, daß man irgend daran denken dürfte, das NE als ein nur in den Quellen mit Matthäus verwandtes, aber sonst selbständiges Evangelien werk zu begreifen. Eine hebräische oder aramäische Schrift, in der etwa wie in dem von Epiphanius Nr. 14 ff beschriebenen griechischen Evangelienbuche derEbionäer gleich die beiden wichtigen Eingan gscapitel gefehlt hätten, würde von Euseb gewiß nicht als die matthäische Urschrift anerkannt worden sein.

2. Hat nun aber Euseb Nr. 11 f das NE ohne Einschränkung als das von Papias, Irenäus und Origenes angedeutete, von Hegesipp citierte Original des Matth. eingeschätzt, es ganz genau so benannt und ausgenützt wie die ütag 'iovöcuoig EßQCüx?] yQ<xcp?j eines alttestamentlichen Buches, so sind wir zunächst zu dem Schlüsse genötigt, daß er es nur wenige Zeit vor der um 333 erfolgten2 Abfassung der Theophanie kennen gelernt haben

1) Die oben S. 55 erwähnte Erörterung quaest. II ad Marinuni zeigt, daß Euseb vom Urtexte des Matthäus derartige Leistungen erwartete.

2) S. Greßmann, Eusebius Theophanie 1904 S. XX*.

62 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

kann. Denn als er die Kirchengeschichte schrieb, hielt er offen- bar die matthäische Urschrift für nicht mehr erreichbar und hob h. e. V 10 3 als besonders bemerkenswert hervor, daß sich ein Urexemplar bis zur Zeit des Pantänus erhalten hatte l. Daher war er h. e. III 36 n auch nicht imstande, das Citat bei Ignatius ep. ad Smyrn. 3 zu identificieren 2, welches doch nach der Fest- stellung des Hieronymus, der sicher den aramäischen Matth. Euseb's in der Caesariensis gesehen hatte (Nr. 24 38), im NE zu lesen war (Nr. 25). Ebensowenig findet sich in den anderen früheren Schriften Eusebs, die sich wiederholt mit dem mat- thäischen Text befassen, eine Anspielung oder eine Verwendung des NE. Die oben S. 55 mitgeteilte Reconstruction des Urtextes von Matth. 2S i in der um 313 anzusetzenden3 quaest. II ad Marinuni beruht nur auf einer Vermutung des Kirchenvaters, nicht aber auf der diplomatischen Unterlage des aramäischen Textes. Anderseits sind in der Theophanie einige Spuren an- zutreffen, die für die Neuheit des Fundes zeugen. Mit der Be- merkung ac r/ftäg ?)xov (Nr. 11) werden die Leser belehrt, daß das Original doch noch erhalten sei, nämlich bei den Juden Nr. 12), für die es ja auch eigens geschrieben war; in ähnlicher Weise versichert Epiphanius Nr. 13 seinen Leserkreis, der mat- thäische Grundtext werde wahrhaftig noch bei den nazaräischen Juden aufbewahrt. Solche Aufschlüsse hat man bei der Er- wähnung der in ihrer Fortexistenz bekannten Urtexte des AT nicht hinzugefügt. Auch darin spricht sich die erst kürzlich vermittelte Bekanntschaft aus, daß Euseb das NE in der Theo- phanie gleich zweimal, in beiden Fällen eigentlich ohne rechte Not, verwertet, und daß er endlich noch in der Lage ist, das Herrenwort Nr. 12 aus dem Gedächtnis zu citieren, wenn ihm

1) Zahn GK II S. 680, Einleitung IP S. 267. Hegesipp, der noch das matthäische Original citieren konnte (Nr. 10), erschien dem Euseb bedeutend älter als Pantänus; s. oben S. 53.

2) Euseb h. e. III 36 ll: ö 6' avzu; —fxvpialoiq yQÜ<pu>v, ovx otd' önöö-fv QTjzoXq Giyxtyoijzai, xoiuixü xwa ittgl xov Xgiozof öie^ivjv »iyoj de xal fiezä xijv äväozaoiv iv aapxl avzöv oiöa xal moztiw uvza. xal ozs ■xqoq zovz Tieol IIi'zpov ikqXv&ev, l'cf?] avioiq' /.äßezs. yrj"/.a<p7Joaxe (te xal l'öeze üxi ovx el/j.1 öaiuöviov aaäj/j.azov xal tv&ig aizov ijipavzo xal eniazevaav *.

3) S. Harnack, Chronologie II S. 124.

Die aramäische Matthiiusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. Gij

auch der eigentliche Zusammenhang des Logions im NE bei der Niederschrift nicht gegenwärtig ist.

War das NE nun in den Jahren der Kirchengeschichte noch nicht in die Hände Euseb's gekommen, so folgt weiter, daß es nicht mit dem xafr Eßgaiovg evayysXtov benannten Schrift- werke zusammenfallen kann, aus dem er Nr. 9 eine akanonische evangelische Erzählung des Papias zu identificieren wußte, wo- gegen er zu gleicher Zeit der erwähnten apokryphen Stelle bei Ignatius ep. ad Smyrn. 3, die auch im NE enthalten war, ganz ratlos gegenüberstand. Daß in dem letzten Falle kein Gedächtnis- fehler Euseb's vorliegt, beweist der Umstand, daß Origenes, der ebenso wie der jüngere Eusebius zwar das HE, aber nicht das NE kannte, dasselbe Herrenwort nur auf die doctrina Petri zurückzuführen vermochte *. Die Verschiedenheit des NE und des HE ergibt sich übrigens schon daraus, daß Euseb an allen jenen Stellen, an denen er auf Grund der Tradition oder seiner eigenen Kenntnisnahme vom hebräischen Matth. einerseits und von dem xaQ- 'Eßgalorq evayytliov anderseits spricht, niemals die leiseste Andeutung über die mögliche Identität oder nächste Verwandtschaft dieser beiden Größen, ja nicht einmal einen Hinweis auf einen nichtgriechischen Sprachcharakter des HE einfließen läßt, vielmehr die Citate Hegesipps auf das fraglos das NE bedeutende J-VQtaxov und auf das y.ad-' 'Eßgaiovc tvayyDuov verteilt.

Das von Euseb erlangte NE-Exemplar wurde der bischöf- lichen Bibliothek als das matthäische Original einverleibt und hier noch dem Hieronymus als solches vorgewiesen (Nr. 24 38).

IV. Apollinaris von Laodicea.

1. Euseb hatte nicht vergebens auf die Erhaltung des he- bräischen Urmatthäus bei Christen jüdischen Stammes hingewiesen. In der ihm folgenden Generation muß ein griechischer Kirchen- schriftsteller von großem Einfluß das NE sich bei den juden- christlichen Nazaräern von Beröa verschafft und es als den Ur-

1) Origenes, de princ. prooem. 8 (MG 11 ii9f) : Si vero quis velit nobis proferre ex illo libello, qui Petri doctrina appellatur, ubi salvator videtur ad discipulos dicere: »non sum daemonium incorporeum«, primo respon- dendum est ei, quoniam ille über inter libros ecclesiasticos non habetur, et ostendendum quia neque Petri est ipsa scriptura neque alterius cuius- quam, qui spiritu dei fuerit inspiratus.

6-J: A. Schrnidtke, Judenchristliche Evangelien.

text des ersten Evangeliums reichlicher verwertet, aber auch dessen Besitzerkreis nach eigener Beobachtung näher geschildert haben. Hierauf führen folgende Überlegungen, die zum Teil freilich von Ergebnissen ausgehen müssen, die erst in den späteren Unter- suchungen herausgearbeitet werden können.

In dem um das Jahr 377 abgeschlossenen Panarion weiß Epiphanius Nr. 13 mitzuteilen, daß das matthäische Original in der hebräischen Ursprache noch bei den Nazoräern. als deren Wohn- gebiet er haer. 29 7 an erster Stelle Beröa in Cölesyrien nennen kann, aufbewahrt und in vollständiger Gestalt gebraucht werde. Er ist seiner Sache so sicher, daß er die interessante Nachricht noch besonders durch Gacpcog, gewiß und wahrhaftig, unterstreicht. Er ist aber auch in der Lage, manche Einzelheiten über die sonstigen Einrichtungen und Glaubensvorstellungen dieser Juden- christen vorzulegen (haer. 29 7 9). Aus eigener Anschauung oder aus mündlicher Belehrung durch einen Sachverständigen kann er jedoch seine Kenntnisse über das Buch und die Benutzer nicht gewonnen haben, da er nicht einmal über die ihm wich- tigste Frage unterrichtet zu sein bekennt, ob die Nazoräer eben- so "wie die vorher haer. 28 geschilderten Kerinthianer Christum für einen bloßen Menschen halten, und ob sie möglicherweise auch gleich den Ebionäern von haer. 30 (vgl. Nr. 15) die Genea- logien abgetrennt haben.

Nun wird sich weiter unten zeigen, daß Epiphanius eine Anzahl seiner positiven Angaben über die Nazoräer, so ihre Ver- kündigung von dem einen Gott und seinem Knechte Jesus Christus, die Verwerfung der pharisäischen Extraforderungen, den Gebrauch des vollständigen AT, aus der nazaräischen Aus- legung zu einigen Jesajastellen herausgesponnen hat, welche etwa 30 Jahre später, um 410, auch von Hieronymus aus einer der Vorlagen seines Jesaja- Kommentars wortgerecht mitgeteilt wor- den ist1. Hieraus folgt, daß ein vor dem Jahre 377 schreiben-

1) Diese exegetischen Stücke sind unten im selben Abschnitt Teil V, Absatz 3 abgedruckt. Hieronymus behauptet niemals, er habe sie persön- lich eingesammelt. Daraus, daß er sich hier nicht, wie er es bei den von Origenes und Euseb bei Rabbinen und getauften Juden eingezogenen Er- kundigungen tut, selbst als den Entdecker aufspielt, kann man schließen, daß die Gefahr, überführt zu werden, nahe lag, die vermittelnde Quelle also jünger, nicht umfangreich und ziemlich bekannt war.

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 65

der Erklärer des Jesaja sich mit den Tradenten des NE näher bekannt gemacht und Mitteilungen über sie veröffentlicht hat. Auf ihn werden wir auch die übrigen, auf das beste einem alt- testamentlichen Exegeten anstehenden Nachrichten zurückführen dürfen, die sich bei Epiphanius haer. 29 von anderen haltlosen Combinationen des Häresiologen selber abheben: die Nazoräer sind im cölesyrischen Beröa ansässige, nach dem mosaischen Ge- setz lebende Christen jüdischen Volkstums, die in der hebräischen Sprache gut bewandert sind und das AT sowohl wie das Mat- thäus-Evangelium noch im hebräischen Urtext lesen. Nimmt man hinzu, daß Epiphanius den Bericht seines Garanten für den Zu- stand der eigenen Gegenwart maßgebend sein läßt eti CcoCerat hebt er Nr. 13 vom NE hervor , so ergibt sich folgendes: ein vor Epiphanius, jedoch in seinem Zeitalter unter anderem als Ausleger des Jesaja tätiger Kirchenscbriftsteller hat bei den Na- zaräern zu Beröa die aramäische Matthäusbearbeitung vorgefunden und sie als das »hebräische« Original der Tradition anerkannt. Noch mehr, er muß durch häufigere Anführungen dem Verfasser des Panarions auch die Grundlage für die Aussage geliefert haben, daß die Nazoräer nicht etwa bloß wie die zuvor haer. 28 be- schriebenen Kerinthianer nur einige, ihren Tendenzen gerade zusagende Stücke aus dem Matthäus-Evangelium gebrauchen1, sondern es in vollständiger Gestalt2 besitzen und anerkennen.

1) Epiphanius haer. 2s 5: -/oäJrzca (sc. ol KrjQiv&iavoL yän x<~> xaza Jlax&aZov evayyeXUp dno fisQOvq xal oi/l ö?.oj. Als solche kerinthianischen Beweisstellen nennt der Häresiologe darauf Matth. I1-17 1025 (26 18); näheres hierüber siehe im fünften Abschnitt.

2) Mehr besagt der Ausdruck ■n.X^Qtaxazov in Nr. 13 nicht. Vorge- bildet ist er von Irenäus adv. haer. III 11 ? (MG 7 884), wo es von den Valentinianern im Gegensatz zu Marcions Verstümmelung des Luk. heißt: »eo quod est secundum Joannem plenissime utentes«. Epiphanius vrill also nicht etwa den nazoräischen Matthäus als einen im Stoff bereicherten wieder von dem echten, unberührten Original unterscheiden. Eine noto- rische Fortbildung der Urschrift hätte er unweigerlich als eine frevelhafte häretische Verfälschung in der Art von Nr. IG gebrandmarkt, aber nicht mit den Worten tiolq ' avzolq yaQ oa(pü>q zovzo ezi ow^szcu emporgehoben. Daß das NE neben Abstrichen auch allerlei Zusätze aufwies, konnte es keinesfalls um den Ruf der Originalität bringen, da sich ja die Urtexte des AT ebenso zur recipierten Übersetzung verhielten. Man darf nun ein- mal nicht vergessen, daß die Alten unter einer Version nicht wortgetreue Übertragung, sondern eine neue exöooiq des Inhaltes der Grundschrift ver-

T. u. U. '11: Schmidtke. 5

66 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Zu einem gleichen Rückschluß nötigt der Befund bei Hiero- nymus. Obschon bisher erst nur wenige der Beweisgründe an- gedeutet sind, so dürfte es doch schon jetzt durchaus klar ge- worden sein, daß das NE und das HE ganz verschiedene Größen darstellen, von Hieronymus also aus irgendwelchen Antrieben fälschlich verselbigt worden sind. Wenn der lateinische Vater nun die »häufigen« HE-Citate des Origenes in das aramäische NE versetzt (Nr. 23), insbesondere das HE -Fragment Nr. 4 mit allem Drum und Dran in Nr. 22 nachschreibt, diese Beute später nochmals in Nr. 34 36 vorweist und dabei zu erklären imstande ist, es handele sich um die für ihn copierte, von den Na- zaräern benützte Schrift, so erhellt zunächst, daß er nur ganz oberflächlich mit den Einzelheiten des NE bekannt gewesen sein kann. Wir werden späterhin aber auch noch den Beweis führen, daß nicht nur seine Behauptungen, das NE sei von ihm in das Griechische und das Lateinische übersetzt worden, sondern sogar die Nachricht Nr. 24, er habe sich von den Nazaräern Beröas eine Abschrift des NE verschaffen können, in das Gebiet der von Hieronymus so gern erzählten Märchen gehört, daß er entgegen der allgemeinen Ansicht, er müsse als Hauptkenner der Nazaräer gelten, überhaupt niemals mit diesen Judenchristen in irgend- welche persönliche Berührung gekommen ist. An sich könnte er nun seine NE -Zitate ja dem Exemplare entnommen haben, das er in der Cäsariensis gesehen hatte (Nr. 24 38). Allein, Hieronymus war bekanntlich als Literarhistoriker und Exeget nur Compilator und geradezu darauf eingeschworeu. unter Aus- schaltung der eigenen Initiative lediglich die Arbeiten anderer auszuschreiben1. Das gilt ganz besonders auch hinsichtlich der

standen haben, wobei der Übersetzer nach eigenem Entschluß kürzen und umgestalten durfte, so daß Differenzen zwischen dem hebräischen und dem griechischen Matth. selbstverständlich waren.

1) Für die schriftstellerischen Praktiken des Hieronymus ist zu ver- weisen auf von Sychowski, Hieronymus als Literarhistoriker 1894 (Kirchen- geschichtliche Studien, herausgeg. von Knöpfler, Schrörs und Sdralek II 2), Bernoulli, Der Schriftstellerkatalog des Hieronymus 1895, und die treffliche große Biographie von Grützmacher, Hieronymus, 3 Bände, 1001 1906 1908. Ein lehrreiches Beispiel für den Mangel an Ernst und Wahrheits- liebe, mit dem Hieronymus wissenschaftliche Probleme zu erledigen pflegte, ist noch besprochen von Schade, Hieronymus und Psalm 13 (Biblische Zeitschrift, herausgeg. von Göttsberger und Sickenberger VII [1909 8. 129

Die aramäische Alatthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 67

Quellenauszüge, die sich in seinen Werken finden. Daher hat schon Harnack, Literaturgeschichte I S. 8, auch ohne die Be- sitzauzeige Nr. 24 in Frage zu ziehen, mit vollstem Recht die Vermutung geäußert, Hieronymus habe die uns angehenden Citate bereits vorgefunden. Es ist vollends nicht anzunehmen, daß Hieronymus die Copie in Cäsarea, die er überdies bei seinen ganz ungenügenden Kenntnissen im Syrischen nur mit fremder Hilfe hätte genauer studieren können, bei dem Besuche der Biblio- thek an einzelnen Stellen ausgezogen und die Excerpte für dir zur Mitteilung geeigneten Gelegenheiten zwischen seinem ersten und letzten Citat liegen 28 Jahre aufgehoben haben sollte. Will man seine Eigenart nicht geflissentlich übersehen, so muß vorausgesetzt werden, daß er, Ausnahmen vorbehalten, auch die den Text des NE betreffenden Angaben aus einer vermittelnden Hand bezogen hat. Unbedenklich dürfen wir diese jenem Ge- lehrten zuschreiben, auf den sich auch Epiphanius Nr. 13 stützt, dem beide Väter die Kenntnis der nazaräischen Auslegungen zu Jesnja verdanken, auf den Hieronymus hauptsächlich hinzielt, wenn er Nr. 27 und 38 berichtet, daß »plerique« das NE als das authenticum Matthaei benennen1, und auf dessen Autorität und Antrieb hin er es wagt, wiederholt selber das syrische NE ganz rund als das »hebräische« Original (z. B. Nr. 24 31) und nicht bloß als eine syrische Ausgabe, sei es auf Grund des he- bräischen Urtextes oder der griechischen Version, einzuführen.

bis 133!. Ohne genaue Kenntnis des Charakters und der literarischen Planieren des Hieronymus ist die Verwertung seiner Zeugnisse einfach un- möglich. Er war einer der schamlosesten und hinterlistigsten literarischen Schwindler und Freibeuter, die es je gegeben hat. Es durfte schließlich kein Buch vorhanden sein, das er nicht gelesen, begutachtet und exzer- piert, kein bedeutsamer Gedanke, den er nicht hervorgebracht, keine außer- gewöhnliche Erkundigung, die er nicht eingezogen hatte. Er schrieb sich sogar die Kenntnis von Schriften zu, die niemals existiert haben.

In der Chronologie der Schriften des Hieronymus folge ich den Be- rechnungen Grützmachers.

1) Das häufiger zur Erklärung dieser höchst wichtigen Aussage, die unmöglich dem HE bei den griechischen Vätern gelten kann, herange- zogene Zeugnis des Irenäus Nr. 2 muß schon deshalb ganz außer Rech- nung bleiben, weil in ihm gar nicht die Rede vom hebräischen Ori- ginal des Matth.-Evangeliums ist. Dagegen hat Hieronymus neben seinem Hauptbürgen wohl auch noch Epiphanius Nr. 13 und Euseb Nr. 11 f im Auge.

5*

68 A. Schniidtke, Judenchristliche Evangelien.

Endlich gelangt die Abhängigkeit von einem Manne, der die matthäische Urschrift bei den Nazaräern in Beröa vorgefunden hatte, auch darin zum Ausdruck, daß Hieronymus, nach dessen falscher Voraussetzung der aramäische Matthäus doch auch von Klemens, Origenes (vgl. Nr. 23) und dem Euseb der Kirchen- geschichte benützt war, welche aber sämtlich nichts von einer speciellen Zugehörigkeit dieser Schrift zu den Nazaräern ver- meldeten, sie dennoch vor allem als diejenige Matthäus - Form empfindet, deren sich noch bis zur Gegenwart die Nazaräer be- dienen1, und daß er endlich die Copie, nach der er zu citieren vorgibt, nicht in Cäsarea, sondern bei den Nazaräern im cöle- syrischen Beröa entstanden sein läßt2.

Noch eine dritte Spur führt uns zu dem selben Vorgänger zurück. Gewisse Erwägungen haben uns oben S. 31 zu der Ver- mutung veranlaßt, daß der S. 22 f zum Teil wiederhergestellte textkritische Apparat der spätestens gegen 500 entstandenen Evangelienausgabe Zion, in dem die Lesarten des 'lovöa'ixov im Vordergrunde stehen, einem verschollenen Commentar zu Mat- thäus entnommen worden ist. Die vom Herausgeber von Z ge- prägte Bezeichnung xb lovöa'ixov ist als Abkürzung von xb 'lovöcüxbv tvayytliov xaxa Max&atov gemeint und will gleich den Formeln Nr. 10 xb Svgtaxov sc. evayytliov, Nr. 11 xb 'EßgaixolQ yaQaxriiQOtv tvayyüaov, Nr. 12 xb jkxq lovöaioiq ev'EßQäi'öi öiaXtxxco svayytlior, Nr. 21 Hebraicum evangelium das ursprüngliche Hebraicum evangelium secundum Matthaeum (Nr. 31) anführen, das bekannter weise für die Juden in ihrer Heimatsprache geschrieben war3. Und sicher wird es niemand für möglich halten, daß der Scholiast eine Matth.- Ausgabe, die ihm als bestimmt oder vielleicht von den Judenchristen verderbt

1) Nur einmal bat Hieronymus Nr. 27 ganz beiläufig als die Benutzer im Anschluß an Euseb Nr. 8 und Epipbanius Nr. 14 aucb die Ebionäer ge- nannt, die er mit Recht hier wie auch sonst als eine von den Nazaräern völlig verschiedene Erscheinung betrachtet hat.

2) Wie so häufig, verwechselt sich Hieronymus in dieser Behauptung ganz mit dem Autor, den er ausschreibt.

3) Zum Ausdruck 'loidcü'xöv vgl. auch nochmals die Bezeichnungen der hebräischen Grundtexte des AT, z. B. 'Eßpaizör, Origenes de hist. Sns. 3 (MG 11 53) iv zolq Tj/nezi-Qotq avziyQc.tpoic, (LXX) ij h> totQ Ttagä 'lovdalmq, Euseb h. e. VI 16 1 cd tkxqo. zoiq 'lovöaioiq ipegöfiEVai tcqwzo- zvnoi avzoig lEßQalan> orotyeüug ygatfcti.

Die aramäische Malthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 69

beschrieben war. oder gar ein akanonisehes Evangelienbuch wie das HE, das schon Epiphanius Nr. 14 ff als eine schamlose Fäl- schung entlarvt hatte, zusammen mit anderen griechischen Hand- schriften zur Vergleichung mit dem landläufigen Matth. -Text habe bringen wollen, und zwar, was große Beachtung verdient, zumeist auf dem so empfindlichen Gebiete der Herrnreden. Ganz fraglos sollte das 'lovöalxov, wie in hexaplarischen Hand- schriften das Eßgcüxov, den Urtext danebenhalten, dessen Vari- anten in dem atl. Codex Ambros. A 147 infr. gelegentlich auch als »ex Hebraeo sive Judaeo« hinzugefügt worden sind1. Wir sehen also zuerst, daß die Vorlage, von der der excerpierende Scholiast abhängig war, sich mit der des Epiphanius und Hierony- mus in der Einschätzung des aramäischen Matth. als des hebrä- ischen Urtextes deckte. Dazu kommt folgendes. Übereinstim- mend hebt der Randapparat Nr. 50 und Hieronymus Nr. 39 eine NE-Variante zu Matth. 18 22 heraus. Da die Abweichungen des NE, wie die uns zu Gebote stehenden Proben erraten lassen, nach vielen Hunderten, vielleicht sogar nach einigen Tausenden gezählt haben werden, so kann diese Gemeinsamkeit in der Aus- wahl eines überdies höchst heiklen Citates nicht auf Zufall be- ruhen. Vollends muß die Congruenz des Wortlautes in der griechischen und lateinischen Wiedergabe zu dem Schlüsse nötigen, daß beide auf einen und denselben Übersetzer des aramäischen Textes zurückgehen2.

Doch dieses ist nicht die einzige Berührung zwischen den von Hieronymus und dem Scholiasten benützten Vorlagen. Aus Nr. 49 der Marginalliste ersieht man, daß der Ausleger, der diese NE-Lesart herbeigezogen hatte, an dem Bericht Matth. 16 17 »Sohn des Jonas« Anstoß genommen und dafür »Sohn des Johannes* vorgeschlagen hat. Hieraus läßt sich zurückschließen, daß er Joh. 143 21 isff vloq Icoavvov zu lesen gewohnt war, diese Über-

1) Auch die Vorlage von e 370 371 kann die NE-Lesung Nr. 51 nur deshalb in den Text gestellt haben (siehe oben S. 21 , weil sie das 'Iovdai- xöv für das matthäische Original hielt. Übrigens sind in diesen beiden Bruderabschriften, die ich leider nur sprungweise verglichen habe, vielleicht auch noch andere Yoi'daif^öv-Lesarten in den Text übergegangen.

2) Vgl. Zahn, GK II S. 648 Anm. 1. Der Scholiast wußte, daß der Satz Nr. 50 im NE auf die Worte et3öoi.iT]xovxä.xii hnxa folgte; er kannte also auch das ganze Fragment Nr. 39.

70 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

lieferung für die richtige gehalten und, wie es die Exegeten bei derartigen Widersprüchen zu tun pflegten, die Entstehung des kirchlichen Textes von Matth. 16 17 zu erklären versucht hat. Eine solche Erörterung teilt nun Hieronymus im Matth. -Cornmentar zur Stelle hinter der von ihm bevorzugten Deutung des Namens Barjona auf Sohn der Taube, d. h. des Geistes, aus einer seiner Quellen mit: »alii simpliciter accipiunt, quod Simon, id est Petrus, sit filius Joannis, juxta alterius loci interrogationem : Simon Joannis diligis meV . . et volunt scriptorum vitio depravatum, ut pro bar Joanna, hoc est filius Joannis, bar Jona scriptum sit, una detracta syllaba« (ML 26 121). Wir hören hier einen Er- klärer des Matthäusevangeliums der Plural alii ist nur Manier , der ebenso wie der in den Z-Scholien excerpierte hebräisch bzw. syrisch verstand, gleich ihm bei Job., nicht die nach Matth. 16 17 bewirkte vulgäre Correctur 2'inmv 6 vioq 'icovä, sondern noch vloq 'icoavvov las und diesen Vaternamen des Petrus auch Matth. 16 17 als ursprünglichen Text eingesetzt wissen wollte. Noch mehr, er bestimmte das originale Wortbild von Matth. 16 17 nicht aus dem Griechischen, auch nicht nach dem hebräischen AT als Jehochanan oder Jochanan, sondern griff auf dieselbe typisch aramäisch abgeschliffene, verschärfte Form Jo(ch)anna zu- rück, die, wie aus dem NE-Fragment Nr. 57 »Simon, fili Joannae« 1 zu folgern ist, auch Matth. 16 17 im NE stand. Der Gemeinsam- keiten sind so viele und bezeichnende, daß man die Identität der Vorlagen des Hieronymus und des Scholiasten nicht abweisen kann, wenn auch der Lateiner, wohl um die ihm beliebte geistige Deutung nicht zu sehr in den Schatten zu stellen, das Zeugnis des NE nicht mit übernommen hat. Diese mancherlei Berührungen zwischen dem Randapparat und dem zuweilen als »plerique« (Nr. 27 38) oder »alii« eingeführten Vorgänger des Hieronymus sind es, die uns zugleich veranlassen, in den Z-Scholien end- giltig Auszüge aus einem Commentare zu Matthäus zu sehen, dessen Verfasser mithin das NE in reichlichem Maße als den matthä- ischen Urtext verwertet hatte.

2. Wer war aber jener dem NE derart zugewandte Autor, auf den Epiphanius, Hieronymus und die Scholiensammlung in

1) Es ist doch das nächstliegende, die überlieferte Form Joanne in Nr. 57 als Verschreibung von Joannae und nicht von Joannis zu be- trachten.

Die aramäische Mattlniusbearbeitung cler Nazaräer im Urteil etc. 71

gleicher Weise zurückdeuten? Einige Züge seines Bildes tauchen vor uns auf. Er lebte noch im Zeitalter des Epiphanius und hat von Hieronymus benützte Auslegungen zu Matthäus, doch wegen Nr. 21 auch zum Epheserb riefe und wegen Nr. 33 und der na- zaräischen Ausdeutungen auch zu Jesaja verfaßt. Er war der hebräischen und aramäischen Sprache mächtig, besaß harmo- nistisches und textkritisches Interesse und hielt sich, wie die Vor- geschichte von Nr. 49 und seine Einwendungen gegen den vul- gären Wortlaut von Matth. 5aa 6 i:» 16 2f (siehe oben S.22f) zeigen, an die alexandrinische Textüberlieferung. Die nähere Bekannt- schaft mit den Nazaräern im cöiesyrischen Beröa, die Beachtung ferner, welche die textkritischen Anmerkungen seines Matth.- Coinmentares bei dem im Patriarchat Antiochien tätigen Heraus- geber der alten Evangelienausgabe Zion gefunden haben, weisen am ehesten auf Syrien als sein Aufenthaltsgebiet hin. Endlich läßt sich aus dem Untergange der Werke, die den aufgezählten Nachscbreibern noch vorlagen, der Schluß zieben, daß ihr Ver- fasser der Heterodoxie verfallen und auf die Ketzerliste ge- kommen war.

Auf keinen anderen treffen alle diese Merkmale mit gleicher Geschlossenheit zu wie auf Apollinaris von Laodicea, einen »der gescheitesten, einflußreichsten und fruchtbarsten Kirehenschrift- steller des 4. Jahrhunderts« l. Dieser hat, um das wichtigste gleich an die Spitze zu stellen, Auslegewerke zu Matthäus, Epheser und Jesaja verfaßt, und alle drei sind von Hieronymus in seinen nämlichen Commentaren ausgebeutet worden. Wegen der ketze- rischen Stellung ihres Urhebers hat man sie untergehen lassen. Auch Epiphanius hat nicht Anstoß daran genommen, von dem Laodicener zulernen; er rühmte ihn haer. 772 wegen seines reichen Wissens und nannte ihn trotz der Heterodoxie au rjkulv äyajcrjzog. Wie Philostorgius bei Suidas2 bezeugt, gehörte Apollinaris zu den wenigen Vätern, die über hebräische Sprachkenntnisse ver- fügten. Durch deren Aneignung allein ist schon bewiesen, daß er textkritisches Interesse besaß und die Originalschriften schätzte. Doch ging er mit diesen nicht durch dick und dünn, als ob sie

1) Jülicher in der Real - Encyklopädie der klassischen Altertums- wissenschaft 12 S. 2842.

2) Ed. Bernhardy I Sp. 616.

72 A. Schmidtke, Juden christliche Evangelien.

jeder Verderbnis entzogen gewesen sein müßten, sondern ent- schied in seinen Comnientaren unter Herbeiziehung aller Über- setzungen von Fall zu Fall, wobei auch den letzteren häufiger das entscheidende Wort gegeben wurde l. Daß er das selbe Inter- esse auch dem Texte der von ihm ausgelegten Schriften des NT gegenüber betätigt hat, ist vorauszusetzen. Die Textkritik mußte ihm insbesondere ein gutes Hilfsmittel bieten, um die Spötteleien des Porphyrius über die widerspruchsvollen und fehlerhaften Be- richte der Evangelisten zurückzuweisen. Apollinaris hatte ferner Veranlassung, sich in seinem Matth. - Commentare darüber zu äußern, warum er, wie sich aus den erhaltenen Resten seiner Schriftstellerei mit Sicherheit entnehmen läßt, an dem gewiß von seinem Vater aus Alexandrien mitgebrachten älteren alexandri- nischen Texttyp festhielt und weder die lukianische Ausgabe noch die jüngere ägyptische Vulgata des Hesychius recipierte: höchst wahrscheinlich ist er es, von dem die berühmte, nach mehrfachen Anzeichen keinesfalls vom Lateiner begründete Ab- lehnung der »Codices a Luciano et Hesychio nuncupati« bei Hieronymus stammt2. Es fehlt auch nicht an einem anderen Beispiele dafür, daß man in der Heimat der Z-Ausgabe speciell

1) Auf dieses Verfahren des Apollinaris beziehen sich die verärgerten und verständnislosen Äußerungen bei Hieronymus contr. Ruf. II 34 (ML 23477), comrn. in Ecclesiasten XII (ML 23 H67f), praef. in Esr. (ML 28 1474). Es führt zu Mißverständnissen, wenn Grützmacher, Hieronymus I S. 151 wieder von einer Recension des griechischen AT durch Apollinaris spricht.

2) Hieronymus, praef. in IV evv. »praetermitto eos Codices, quo* a Luciano et Hesychio nuncupatos paucorum hominum asserit perversa con- tentio; quibus utique nee in veteri instrumento post LXX interpretes einen- dare quid lieuit, nee in novo profuit emendasse, cum multarum gentium Unguis scriptura ante translata doceat falsa esse quae addita sunt« (ML 29 55t1). Für die Ungiltigkeit der von Lukian und Hesychius beibehaltenen Zu- sätze der LXX hätte Hieronymus von sich aus niemals das Zeugnis der »multarum gentium unguis scriptura ante translata «, sondern nur die He- braica veritas geltend gemacht. Der Verfasser des Verdictes hat höchst- wahrscheinlich neben Aquila und Symmachus vor allem die syrischen Bibelversionen im Auge. Evangelische Zusätze bei Lukian sind Lesarten wie Matth. 5 22 sixff, 6 13 die Doxologie, 16 2f der Einschub; gegen sie richten sich die vom Scholiasten übernommenen Bemerkungen Nr. 41 4s und die Notiz zu Matth. 6 13 oben S. 22. Als Beispiel der evangelischen Zusätze bei Hesychius ist besonders die Einschaltung von Joh. 19 34 hinter Matth. 27 49 zu nennen.

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 7;;

die Stellungnahme des Apollin&ris zu strittigen evangelischen Textabschnitten beachtet hat. Der aus Syrien herkommende Z- Codex nämlich, der zur Mustervorlage für die Ausgabe lr er- hoben wurde, enthielt nach dem Zeugnis der lr - Vertreter eil 1020 1083 IIb 2045 und der von diesen ihre Beigaben ent- lehnenden Commentar- Dubletten A l;;l l38 ul (siehe oben S. 4 und 12f) neben Joh. 7 53 8 11 folgende Anmerkung: va coßsXiöfisva i'r Tiotr arriygcKfou ov y.tlrca ovös (sc. kv xolg avTiyocKpoiq) AjcoXivoqIov, kv de zoic änyaiou ola xelrcu. (iVTj(iovevovoiv vijg xeQixo&fjq ravTi]q xai ul ajiööroloi xapzeg, ev alg t^tfrevTo oicraStOd' eiq oixoöou^v tfjq bcxlrjolaq. Ohne nötigenden (irund hat man in dem hier genannten Manne den Koinobiarehen Abbas Apollinarios vermutet, der als Copist für den Codex Marchalianus die eusebianischen Texte geliefert hat und auch in den Hexaplanotizen des Nobilius zu Psal. 22 15 erwähnt ist. Er- innert man sich, daß der Johannes - Commentar des Apollinaris von Laodicea von den Auslegern stark ausgeschrieben wurde, also sehr bekannt war, daß ferner auch Hieronymus, einem vor- gefundenen Sprachgebrauch folgend, mit dem knappen Ausdruck »exemplaria Adamantii« diejenige Textform bezeichnete, die Origenes in seinem Commentare zur Stelle vertreten, mithin in seinen Handschriften vorgefunden hatte *, daß endlich auch andere Scholien zur selben johanneischen Perikope sich auf deren Fort-

1) Hieronymus comm. in Gal. zu 3i: »sed hoc, quia in exemplaribu- Adamantii non habetur, omisimus ■■■ (ML 20 373). Diese Notiz deckt sich in der Bedeutung durchaus mit der Äußerung comm. in Gal. zu 5 24: »Ori- genes hunc locum ita legit < iML 20 449). Aber ebenso gewiß liegt Hiero- nymus comm. in Matth. zu 24 r6: »in quibusdam Latinis codicibus addi- tum est neque filius, cum in Graecis et maxime Adamantii et Pierii exem- plaribua hoc non habeatur adscriptum« (ML26188) nicht, wie man allge- mein versteht, eine directe Berufung auf von den genannten Männern re- censierte Exemplare vor, sondern nur eine Feststellung des textlichen Tat- bestandes im Matth.-Commentar des Origenes und in einem der Matth. 24 .'6 gelegentlich behandelnden Tractate des Pierius, aus denen Hieronymus auch son~t Mitteilungen macht. Es ist auch nicht zulässig, daß man die Angabe bei Hieronymus praef. in Paralip. » mediae inter has provinciae Palaestinos Codices legunt, quos ab Origene elaboratos Eusebius et Pam- philus vulgaverunt« (ML 28 1393) immer wieder gegen den ganz klaren Sinn der Stelle, wo nur von Bearbeitungen der Septuaginta die Rede ist, auch auf eine Recension der Evangelien oder des ganzen NT durch Ori- genes, bzw. Euseb und Pamphilus bezieht.

74 A. Schruidtke, Judenckristliche Evangelien.

fall bei patristischen Exegeten berufen l, so ist es doch das ge- wiesene, die von den tlvci avxiyQacpa unterschiedene bestimmte Größe za avriyQacpa Ajto/uvaQiov auf die Handschriften zu be- ziehen, die der bekannte Joh.-Ausleger Apollinaris von Laodicea in seinem Commentare zugrunde gelegt und befolgt hatte. Schließ- lich ist noch darauf hinzuweisen, daß Apollinaris ein offenes Auge für die mannigfaltigen Erscheinungen in der Christenheit besaß und während seiner Lehrtätigkeit zu Antiochien leicht Ge- legenheit hatte, mit den Nazaräern in Verbindung zu treten, da sie nur knapp zwei Tagereisen entfernt in dem sehr belebten Verkehrsknotenpunkt Beröa an dem großen Handelswege wohnten, der vom Hafen Seleucia Pieria über die Hauptstadt in das Hinter- land führte, und da sie gewiß häufiger auch selber in Antiochien geschäftlich anwesend waren.

3. Schon nach diesen Darlegungen dürfte es erlaubt sein, Apollinaris als den in seiner Existenz ja ganz unbestreit- baren Vermittler zu bezeichnen, von dem Epiphanius, Hierony- mus und der Randapparat gemeinsam abhängig sind. Von einem wirklich festen Ergebnis werden wir aber erst dann reden können, wenn unsere Rechnung die Gegenprobe besteht, zu der folgende Überlegung den Weg zeigt und auffordert. Hieronymus hatte die Gepflogenheit, in seinen Commentaren die Ausführungen seiner Vorlagen, fast stets ohne Quellenangabe, in getreuer Copie me- chanisch aneinander zu reihen, so daß häufig ganz andersartige Textverständnisse entweder ganz unausgeglichen oder unter offen- barer Verkennung ihrer Voraussetzungen und Spitzen zusammen- gebracht sind. Diese gedankenlose Compositionsweise ermöglicht es in vielen Fällen, nicht nur die Berücksichtigung verschiedener Exegeten festzustellen, sondern auch die einzelnen Quellen an ihrer Methode, ihrem Stil und der besonderen Interessenrichtung

1) Vgl. z. B. das betreuende Scholion der Hr Ausgabe bei von Soden S. 10G5. Wenn die oben mitgeteilte Notiz von lr nur das Verhalten des Apollinaris berücksichtigt, so ist das entweder aus der besonderen Hock- sckätzung dieses Exegeten oder aus dem koken Alter des Vermerkes nock vor Ckrysostomus und Kyrill von Alexandrien zu erklären, keines- wegs aber als Gegenargument gegen die von uns vertretene Deutung gel- tend zu macken. Der verlockenden Versuckung, die avziygiMpa 'Anouvagiov mit der Evangelienausgabe Z zusammen zu bringen, stellt sieb der Text- befund in den Sckriften des Apollinaris entgegen.

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 75

wiederzuerkennen. Zuweilen führte der Kirchenvater seine Ge- währsleute aber doch wenigstens mit Kennzeichnungen ihrer speciellen Auslegungsweise ein, die bei ihm dann schließlich zu testen Formeln für die selben häufiger ausgeschriebenen Exegeten von hervorstechender Eigenart wurden. Ist der Schlüssel einmal uvfunden, dann läßt sich eine derartige Formel beinahe eben so sicher lesen wie eine deutliche Nennung des Namens. So zeich- nete Hieronymus die nüchterne, historische Erklärung des Apolli- naris durch das Stichwort simplex oder durch verwandte Be- griffe aus; und wenn beispielsweise im Commentar zum Epheser- briefe Wendungen wie alii vero simpliciter arbitrantur (zu Eph. 1 1), alius vero ... ad ea tantum refert (Eph. 1 23), quidam putant sie aeeipiendum hoc esse simpliciter (Eph. 4 2g) auftauchen, so handelt es sich ständig um die Auslegungen des Laodiceners l. Wenn nun Hieronymus seine NE-Citate wirklich diesem Schriftsteller entnommen hat, so ist zu erwarten, daß die mit den NE- \ arianten zusammenhängenden Erörterungen sich als fremdes Gut erkennen und auch mindestens in einigen Fällen sich mehr oder weniger sicher auf den Laodicener zurückführen lassen, sei es durch Abzug der außer Apollinaris als Vorlagen benützten Autoren, sei es auf Grund jener Einführungsformel oder mit Hilfe noch anderer Momente.

a) Wir beginnen die Nachprüfungen in dieser Richtung" gleich mit dem ältesten Citat Nr. 21, das in dem um 386 bis 387 in höchster Eilfertigkeit compilierten Epheser - Commentar enthalten ist. Im Prolog zählt Hieronymus als seine Vorlagen die Auslegungsschriften des Origenes, Apollinaris und Didymus auf. Wir haben von unserem Florilegienschreiber also eine meist gedankenlose Zusammenstellung aus diesen drei Quellen zu erwarten. Zahn, GK II S. 427 Anm. 2 hat veranschaulicht, wie stark und mechanisch Hieronymus das Werk des Origenes ausgebeutet hat. Daß Apollinaris nicht minder kräftig aus- geschrieben ist, ergibt sich aus den vielen Stücken, die deutlich dessen nüchterne Auslegeart an sich tragen und zum Teil durch die für ihn stehende Formel eingeleitet sind.

Die Erklärung von Eph. 5 3-4 (ML 26 551 ff), innerhalb deren das Citat Nr. 21 erscheint, stellt in der Hauptsache eine Copie

1) Vgl. Grützmacher, Hieronymus IT S. 40.

76 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

nach Origenes dar 1. Danach enthält der Text eine Mahnung an die Christen, sich von Ünsittlichkeit (alöXQOzqg), albernem Lehr- geschwätz ((icoQokoyia) und törichter Possenreißerei (svzQctJts- Xid) fernzuhalten und sich dagegen eines liebenswürdigen und anmutigen Benehmens (evxccgiozia = tv^agizia) zu befleißigen. Das Logion Nr. 21 steht nun in innerem Zusammenhang mit einer fremden Ausführung, die Hieronymus in diesem Auszuge an den Begriff scurrilitas (evzQajteXia) anheftet, um ihn näher zu erklären. Sie lautet: »scurrilitas vero . . consulto appetit quae- dam vel urbana verba, vel rustica, vel turpia, vel faceta, quam nos jocularitatem alio verbo possumus appellare, ut risum moveat audientibus«. Hierauf folgt dann der das Citat Nr. 21 enthaltende Satz, in dem als christliches Ideal ein Leben voll Trauer und Tränen hingestellt wird, in das nur ganz ausnahms- weise, nämlich in dem Nr. 21 bezeichneten Falle, die Freude und Lustbarkeit hineingehört2. Diese Dissonanz kann Hieronymus nicht von sich aus in die umgekehrt auf liebenswürdiges Be- nehmen dringenden Ausführungen des Origenes hineingetragen haben; die Wendung erscheint zu unvermittelt, zu eigenartig und nicht vereinbar mit dem Behagen, mit dem der Lateiner des Alexandriners Forderung nach Grazie und Salz in der Bede wiedergibt. Ganz offenbar liegt hier eine Einschaltung aus einer der beiden anderen Quellen vor, die mit der näheren Erklärung der scurrilitas anhebt und mit dem NE - Citat ihren Abschluß findet.

Betrachtet man die eingeschaltete Definition der scurrilitas aber näher, so macht man die überraschende Beobachtung, daß in den Worten »vel urbana verba (vel rustica), vel turpia, vel faceta« nicht mehr und nicht weniger als eine vollständig neue, knappe Auslegung des ganzen Textabschnittes {irjös. ovo[iaClto&o) hv vfilv . . . aloxQorrjg /} ficogoXoyia ?] tvzgajisUa, a ovx avtjxsv vorliegt. Die verba urbana, vel turpia, vel faceta entsprechen genau dem ovof/aCeiv evzQCjtEXiav ?] aioxQonjra ?] fuoQoXoylav als Salonwitze, grobe Zoten und harmloseres albernes Gescherze.

1) Vgl. Cramer, Catenae in s. Pauli epp. ad Galatas etc. (1842) S. 190f. Bei Cramer ist S. 101 Z. 1 eh/_aQioxiaq in eb%aQixiaq zu ver- bessern.

2) »Verum et haec a sanctis viris penitus propellenda, quibus magis convenit flere atque lugere, ut in Hebraico quoque evangelio legimus etc.c

Die aramäische Matthaasbearbeitang der Nazaräer im Urteil etc. 77

Sie werden sodann unter dem von Hieronymus mit jocularitas übersetzten Begriff öidyvaig zusammengefaßt; und es wird weiter erklärt, daß. statt dieser auf jene drei Arten sich aussprechenden heiteren Stimmung zu folgen, die Christon eher Ursache haben, zu weinen und zu klagen (Jak. 49). Nach dem Herrnworte Nr. 21, 80 wird der Gedanke darauf abgeschlossen, ist nur dann eiumal ein begründeter Anlaß zur Fröhlichkeit für sie vorhanden, wenn sie ihren Bruder in der Liebe gesehen haben, d. h. wenn der Bruder, der sich in Lieblosigkeit abgewandt hatte, sich ihnen wieder iu Liebe zugesellt.

Es ist ganz klar: die in der fremden Auslegung vorgenom- mene Subsumierung von ovoiiaZeiv aioyQortjxa ij [icoQoioyiav ij evzQcuesXlav unter den Oberbegriff öidyvoig = jocularitas und die enge Verwandtschaft des Begriffes jocularitas mit scurrilitas hat in Hieronymus die falsche Vorstellung hervorgerufen, die Vor- lage beschäftige sich ausschließlich mit der scurrilitas. Er hat daraufhin das in Wirklichkeit zu dem ganzen Textabschnitt Eph. 5 :;f ftrjös avrjxev gehörende Scholion als eine Erörterung allein zur scurrilitas in die Ausführungen des Origenes hinein- geschoben. Das Bindeglied liegt in den Worten » quam nos jocularitatem alio verbo possumus appellare « vor unseren Augen. Der Ausdruck nos possumus verdeckt die Abhängigkeit von der copierten neuen Vorlage; wer den Hieronymus leidlich kennt, fühlt das sofort. Aber auch die Zutat von »vel rustica« ent- spricht ganz der Gewohnheit des Kirchenvaters, den Wortlaut seiner Quellen mit allerlei Verschnörkelungen und wohlfeilen Einschüben zu verunzieren. Die Zugabe ist durch das vorher- gehende urbana verba (aörsla, der feine Witz) ausgelöst wor- den; was Hieronymus ergänzen zu müssen meinte, hatte die Vor- lage bereits unter cdoyQa (turpia) mit einbegriffen.

Eben das selbe Scholion, mit dem das Citat Xr. 21 aufs engste zusammenhängt, ist nun auch von Chrysostomus in der 17. Homilie zum Epheserbriefe (MG 62 ii5ff) reproduciert worden. Der Prediger liebte es, zwischen die Schriftcitierung und die An- wendung eine kurze Exegese einzuschalten. Daß er sich hierzu des öfteren bei den Meistern der Auslegung Rat erholte, ist von vornherein wahrscheinlich und von ihm selber durch Berufungen auf andere Ausdeutungen bezeugt. Die Bestimmung der ver- schiedenen Begriffe in Eph. 5 3f hatte sogar einem Origenes

78 A. Schinidtke, Judenchristliche Evangelien.

Schwierigkeiten bereitet; es ist daher sehr erklärlich, wenn der für dialektische Unterscheidungen wenig begabte Homilet sich ihr Verständnis aus einem Commentar verschaffte. Daß dieser aber mit der zweiten Quelle des Hieronymus identisch gewesen ist, ergibt sich aus folgendem. Auch nach Chrysostomus 1. c. col. 118 enthält der Text die Mahnung ov diayvoecog 6 Jtagwv xaigoc, aXla Jievfrovq. d-Xlipsmv xal oövQfiätv, und die drei als öiayyöiQ zusammengefaßten Sünden von Eph. 5 * werden in wört- licher Übereinstimmung, sogar in der selben vom hl. Text ab- weichenden Reihenfolge wie in der Vorlage des Lateiners er- klärt:

Chrysostomus

y.i) euiyg aörüu,

(irjö alöxQa, fiT]6s xai^yg1.

Hieronymus urbana verba, vel turpia, vel faceta.

Jedoch auch die übrigen Einzelzüge der Einschaltung bei Hieronymus finden sich fast alle bei dem griechischen Prediger wieder; vgl. »verum et haec a sanctis viris penitus propell enda, quibus magis convenit fiere atque lugere« und näXXov 6h X6co/iei> oüiolov eivcu xbv ayiov . . . jtsvß-ovvva, d-Qf]vovvxa, re&Xifi- jitvov (col. 119); wie bei Hieronymus, so ist auch bei Chryso- stomus die Abkehr von den genannten Untugenden als ein Fort- stoßen derselben bezeichnet, vgl. col. 119 xaöav EVTQajteXlcv sgdßaZsv, col. 120 i^ogiöare. Nur hat der Prediger, wie bei ihm nicht anders zu erwarten ist 2, das NE-Citat ausgelassen, da-

1) Die Ausgaben bieten allerdings n^ä^q anstelle des von mir ein- gesetzten Tiai&jq. Allein die Lesart npäqyq ist schon deshalb unhaltbar, weil man dovela, den feinen und anständigen Witz, nicht ngtirzeiv kann, und auch aloy^QÜ. im Zusammenhang deutlichst nur die Zungensünde der Zote betreffen soll; vgl. auch 1. c. col. HS alo/Qor Qtjfia tu>/ elnetv, aXXä fxrjös citi).&q qj&tycao&cu. Entscheidend ist, daß der Homilet in der An- wendung von Eph. 5 4 den apostolischen Ausdruck jj.wQo).aylav övo/uaCstv ständig durch 7iait,etv wiedergibt; vgl. col. HS nai^oitsv, dyantjzot, oi' Je ye?.äq xal nai^eiq, col. 119 nat^eiq xal TQv<päq xal aozela ktyetq xal yäkcura xiviiq. Der Ersatz des ungewöhnlicheren nal§yq die übliche Form war naio/jq durch n^ä^q lag für unaufmerksame Kopisten hinter der Wen- dung (iij einqq . . fxi]Se sehr nahe.

2) Wer den kirchlichen Matth. - Text nicht angetastet wissen wollte man denke an die aus Ruhebedürfnis entstandenen, zuletzt siegreichen Versuche, sogar den hebräischen Hss des AT den Vorzug der größeren Ursprünglichkeit zu nehmen , der konnte den Freunden des NE gegen-

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 79

für aber eine größere Reihe von Schriftstellen eingesetzt, die das Leben der Heiligen im Sinne des Seholions veranschaulichen.

Über den Exegeten, dem sowohl Hieronymus wie Chrysosto- mus hier folgten ], kann kein Zweifel bestehen. Von den drei Vorlagen, die der Lateiner zusammengearbeitet hat, scheidet Ori- genes mit seiner uns erhaltenen, ganz anders gerichteten Er- klärung aus. Sodann ist nicht anzunehmen, daß Didymus, auf den überdies keine weitere Spur innerhalb unseres Interessen- gebietes deutet, die exegetische Autorität des Antiocheners Chry- sostomus gewesen sei. So bleibt nur Apollinaris von Laodicea übrig, auf den uns bereits die allgemeinen Erwägungen gewiesen halten und noch andere sichere Anzeichen weisen werden. Er muß es dann auch gewesen sein, dem Hieronymus das von dem knappen, echt antiochenischen Scholion nicht zu trennende Citat aus dem hebräischen Evangelium, d. h. aus dem hebräischen Ori- ginal des Matthäus (vgl. Nr. 31), entlehnt hat2.

b) Wir wenden uns zu den Citaten, die Hieronymus im Matth. - Commeutar bietet. Dieses Buch ist im Jahre 398 in einem Zeitraum von zwei Wochen als Reisegeschenk für den Bischof Eusebius von Cremona zusammengeschrieben worden. Der Verfasser beteuert zwar im Prologe, er habe vor sehr vielen Jahren eine größere Anzahl von lateinischen und griechischen Auslegungsschriften zu Matthäus gelesen, bei der Abfassung

über vor allem geltend machen, daß doch Origenes, der große Kenner der hebräischen Urtexte, das NE vollständig beiseite gelassen, mithin die Ursprünglichkeit desselben verneint habe. Das NE ließ sich auch noch betrachten 1. als eine von den nazaräischen Judenchristen verderbte Form des hebräischen Urtextes, 2. als eine syrische Übersetzung des hebräischen Matth., 3. als eine syrische Ausgabe auf Grund der kirchlichen Version. In allen diesen Fällen erschien es unangemessen, die Gläubigen mit den Sonderzügen des NE zu behelligen. Die Ignorierung der NE -Lesarten durch Chrysostomus war für die späteren griechischen Ausleger vorbildlich.

1) Ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Hieronymus und Chrysosto- mus ist ausgeschlossen. Noch sechs Jahre später hatte der Lateiner von dem letzteren laut de vir. ill. 129 nur das Buch über das Priestertum gelesen.

2) Daß der Spruch Nr. 21 dem NE und nicht dem HE angehört, be- weist 1. das Schweigen des Origenes, 2. die Abhängigkeit von Apollinari^. 3. die von Hieronymus der Vorlage nachgeschriebene Quellenangabe, 4. die in der Wendung »videritis in caritate« zutage tretende semitische Conception.

g() A. Schmidtke. Judenchristliche Evangelien.

selber aber aus Zeitmangel keine von ihnen zu Rate gezogen. Diese Angabe ist jedoch eine Täuschung, die darauf ausgeht, wenigstens die brauchbaren Stücke des sehr schwachen Werkes als eine im Vergleich zu der kurzen Herstellungszeit immerhin achtunggebietende Eigenleistung erscheinen zu lassen. Im reichsten Maße ist Origenes, oft bis auf* das Wort, ausgeplündert1; auch dort, wo die Abhängigkeit nicht sofort ins Auge fällt, hat die Lektüre des Alexandriners fortlaufend die Richtungslinien und die Anknüpfungspunkte bestimmt. Unter den Auslegungen zu Matthäus, die der Verfasser gelesen hat, ist im Vorwort nun auch die des Apollinaris von Laodicea genannt. Daß Hieronymus die bei anderen Arbeiten so oft herangezogenen Erklärungen dieses Exegeten auch jetzt nicht ganz beiseite gelassen haben wird, ist um so eher vorauszusetzen, als Euseb von Cremona dem Prolog zufolge besonderes Gewicht auf eine historische Aus- legung gelegt hatte.

Von den fünf Anführungen im Matth. - Commentar, die in unserem Material als Nr. 26 30 einander folgen, kommen noch Nr. 29 und Nr. 30 (= Nr. 32) als eigene Erfindungen des Hiero- nymus in Fortfall2. Es bleiben also nur die drei Citate Nr. 26 (= Nr. 31) 27 28 übrig, ein bischen wenig für den leidenschaft- lichen Vorkämpfer der hebräischen Texte, der das ipsum Hebrai- cum des Matthäus besessen und in das Lateinische und Griechische übersetzt haben will. Hinzu nehmen wir aber noch Nr. 49 mit der diese Lesart voraussetzenden fremden Ausführung bei Hiero- nymus zu Matth. 16 17.

et) Als die Quelle der ersten Abweichung, »mahar« in der vierten Bitte, ist Nr. 26 das evangelium quod appellatur seeun- dum Hebraeos, in Nr. 31 dagegen das nach der Meinung unseres Exegeten damit identische Hebraicum evangelium seeundum Matthaeum genannt. Fragt man, aus welcher von beiden Schriften denn nun die Lesart Nr. 26 stamme, so kann die Entscheidung nur auf das NE fallen. Für dieses zeugt die semitische Form11

1) Vgl. Zahn, Forschungen II S. 275-281.

2) Siehe unten Abschnitt VI, zweite Unterabteilung.

3) Die von der aramäischen verschiedene hebräische Vocalisierunir ist wohl erst durch Hieronymus eingesetzt worden. Außerdem muß im NE nicht IWa, sondern das durch die Partikel genetivisch angelehnte Ad- verb ~n^l gestanden haben. Der besondere Grund, weshalb Hierony-

Die aramäische Matthäosbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. g[

und der Umstand, daß die Variante überhaupt erst durch «ine fehlerhafte Übersetzung von tjtiovöioq zustande gekommen ist. Die Erörterung über den panis supersubstantialis, in der die An- gabe Nr. 26 steht (ML 26 i*f), schreibt nun in der Hauptsache nur die über zehn Jahre ältere Abhandlung über xsQiovöioq in des Hieronyrnus Commentar zu Titus 2u (ML 26 692 f) aus, die wiederum nur einen Auszug aus Origenes de oratione 27 darstellt. Der Matth.-Commentar weist der genannten Vorlage in Tituni gegenüber drei Abänderungen auf: eine Auslassung in der Mitte, davor den Einschub von Nr. 26, endlich einen neuen Schlußsatz. Der letztere lautet: »alii simpliciter putant secun- durji apostoli sermonem dicentis : habentes victum et vestitum his contenti simus, de praesenti tantum cibo sanctos curam agere. unde et in posterioribus sit praeceptum: nolite cogitare de crastino«. Dieses Referat ist augenscheinlich nicht aus dem Ge- dächtnis, sondern auf Grund eines zu Matth. 6 u soeben auf- geschlagenen Auslegungswerkes gegeben, aus dem Hieronyrnus die früheren Ausführungen um etwas bereichern will. Man merkt sodann, daß das Scholion den Accent auf die Abwehr einer Be- hauptung legen will, nach welcher es sich in der vierten Bitte um die Nahrung der Zukunft handele. Ihr gegenüber wird auch I Tim. 6s und Matth. 634 geltend gemacht, wonach es verboten ist, um das morgige Brot zu sorgen. Der Zielrichtung dieses Gedankens entsprechend muß in der Vorlage davor eine von Hieronyrnus hier nicht erwähnte Instanz angeführt gewesen sein, die für das Verständnis »morgiges Brot« eintrat. Dieser Be- dingung genügt nun die NE-Lesart mahar. Da Hieronyrnus die alte Vorlage in Titum außer jener um ihren Angriffspunkt ver- kürzten Argumentation nur noch durch die Mitteilung der Vari- ante Nr. 26 vermehrt und nachweislich zur Stelle ein von dem des Origenes verschiedenes Auslegungswerk eingesehen hat, so bietet sich ungezwungen die Schlußfolgerung dar, daß er die NE-Lesart zusammen mit der sie ablehnenden Erklärung dem zu Rate gezogenen Commentator entnommen hat.

Mit aller Sicherheit läßt sich nun der Exeget, den Hiero- nyrnus unter der Formel »alii simpliciter putant« einführt, als

mus Nr. 26 abweichend von der Vorlage die Quellenschrift als evangelium quod appellatur secundum Hebraeos und nicht als das Hebraicum evange- lium (Nr. 31) bezeichnet hat, wird im 6. Abschnitt ersichtlich werden. T. u. ü. '11: Schmidtke. 6

82 A. Schruidtke, Judenchristliche Evangelien.

Apollinaris wiedererkennen l. Die antiochenische Herkunft der Deutung von agzog o tjciovöioq auf den nur unmittelbar erforder- lichen Lebensunterhalt wird auch durch Chrysostomus hom. XIX in Matth. (MG 57 280) agroc 6 E<pr][iEQOQ, TQoeptj r?jg avayxalaq bezeugt. Somit hat der Laodicener auch die Variante Nr. 26 dem Lateiner vermittelt, der sie dann, wie so manches der ein- mal aufgegriffenen Citate, bei geeigneter Gelegenheit Nr. 31 wie- der vorbrachte. Hier haben wir nun einen Fall, daß Apollinaris die Lesart des hebräischen Matthäus aus inneren Gründen nicht als die noch ursprüngliche annehmen wollte; in gleicher Weise hatte er sich jedoch, wie oben S. 71 f erwähnt, auch die Ent- scheidung bei den Urtexten des AT vorbehalten. Weil nun aber Hieronymus an die Betrachtungsweise gewöhnt war, daß Apollinaris immer die einfache Erklärung vertrete, die geistige Ausdeutung dagegen zurückweise, so hat er dieses Schema blindlings auch auf die vorliegende Stelle übertragen und ohne weiteres voraus- gesetzt, der von jenem verworfenen NE -Variante »morgig« müsse eine pneumatische Bedeutung innewohnen. Auf diese AVeise ist das ohne diese Vorgeschichte ganz unverständliche ge- schehen, daß Hieronymus die in der Vorlage abgelehnte NE- Lesung sofort mystisch interpretierte: »ut sit sensus, panem nostrum crastinum, id est futurum « 2. Und deshalb hat er die NE- Lesart panis crastinus weiter auch aus der Verbindung mit der Alt- weisung durch Apollinaris, bei dem er irrtümlich das Haupt- gewicht auf das Brot als irdisches Nahrungsmittel und nicht auf »gegenwärtig« gelegt sah, gelöst und sie passender in den ersten Teil der Erörterung versetzt, wo die geistlichen Ausdeutungen vorgetragen sind.

ß) Wir geben weiter zu Matth. 16 17, wo Hieronymus zwar nicht die NE- Variante selber, aber doch eine fremde Ausführung vorlegt, welche ursprünglich mit jener verbunden gewesen sein muß 3. Der citierte Exeget wollte anstatt Bar Jona vielmehr bar Joanna, genau die Lesart des NE (vgl. Nr. 49 und 57) , als ur- sprünglich eingesetzt wissen. Wie die Erklärung »bar Joanna.

1) Vgl. oben S. 75.

2) Im Titus-Commentar hatte Hieronymus umgekehrt den Ausdruck crastinus Matth. 684 auf die diesseitigen Bedürfnisse, zu denen das Brot gehöre, bezogen.

3) Siehe oben S. 69 t.

Die aramäische Matthliusbearbeitung der Nazaräer iru Urteil etc. g;j

hoc est filius Joannis« ersehen läßt, ist er unter den wenigen Vätern zu suchen, welche über hebräische und aramäische Sprach- kenntnisse verfügt haben. Daß es sich von den im Prolog des Matth.-Commentares aufgezählten Auslegern wiederum um Apolli- naris handelt, erhellt auch hier aus der für diesen typischen Ein- führungsformel: alii simpliciter accipiunt. Während die Vorlage die Lesung des NE gewiß auch als bar Joanna angegeben hatte, nahm der Excerptor Nr. 49 nur die im Scholion daneben dar- gebotene Übersetzung vlog 'icoavvov herüber.

Niemand wird behaupten wollen, daß hier überall nur Zu- fälligkeiten vorliegen. Die allgemeineren Erwägungen stimmen auf das glücklichste mit den speciellen Beobachtungen zusammen, um Apollinaris als die Quelle erscheinen zu lassen. Sollten sich auch bei den noch übrig bleibenden Varianten gewisse Spuren zeigen, die auf einen fremden Exegeten als Vermittler deuten, so werden die bisherigen Ergebnisse mit in Rechnung gestellt werden dürfen, um ihn sicher zu identificieren.

7) Wie die einleitende Bemerkung »in diversis diversa legi et debeo singulorum opiniones ponere« (ML26iso) bezeugt, hat Hieronymus, um die Person des Matth. 23 35 genannten Zacharias bestimmen zu können, sich gleichfalls an andere Ausleger ge- wandt. Aber trotz dieser vielversprechenden Ankündigung hat er in Wirklichkeit nur zwei Commentare befragt. Die beiden ersten Deutungen, die er mitteilt, sind in der selben Reihenfolge dem Origenes (MGl3i63i) nachgeschrieben. Mit diesem lehnt der Lateiner die Beziehung auf den Zwölfpropheten ab. Während Origenes sich aber nun nach einer außerkanonischen Tradition für den Vater des Täufers entscheidet, stößt Hieronymus in seiner geradezu krankhaften Abneigung gegen apokryphe Schriften auch diese Erklärung mit heftiger Gesticulation von sich. Da er den Lesern aber doch eine annehmbare Lösung vorsetzen muß, sieht er sich genötigt, wiederum die Nebenquelle zu Rate zu ziehen. Über deren Stellungnahme berichtet er folgendermaßen. Nach anderen handele es sich um den Zacharias, dessen Ermordung II Chron. 24 berichtet ist. Wenn der Vater desselben jedoch Matth. 23 35 im Gegensatz zu II Chron. 2422 Barachias und nicht Jojada genannt werde, so sei das nicht fehlerhaft. Denn der Vater dieses Zacharias trug zwei Namen; Barachias hieß er als Gesegneter des Herrn und Jojada wegen seiner Gerechtigkeit.

6*

S4 A. Schmidtke. Judenchristliche Evangelien.

In dem (hebräischen Matth. -) Evangelium, das die Nazarener gebrauchen, finden wir »Sohn des Jojada« geschrieben (Nr. 28).

Zunächst ist festzustellen, daß die NE -Variante ebenso wie in den früheren Fällen wieder zugleich mit einem Bericht über eine andere Auslegung erscheint, welcher wegen der vielen bestimmten Daten nicht auf Grund einer alten Erinnerung er- stattet sein kann, und daß die fremde Erörterung auf das engste mit der Lesart des NE zusammenhängt. Sodann läßt sich er- sehen, daß das außer Origenes herangezogene exegetische Werk ein griechisches war und von einem des Hebräischen kundigen Verfasser herrührte. Dieser ist, wohl der Weisung des NE fol- gend, von der Identität des Matth. 23 angedeuteten Ereignisses mit dem Totschlag in II Chron. 24 ausgegangen. Der Vater des hier Getöteten, der Priester 'lo^öae, war in der Septuaginta II Reg. 11 9 aber als 'hoöah 6 ovvsroc bezeichnet. Der fremde Exeget hat diesen Ausdruck 6 övvzxoc, in Erinnerung an die Form 2~\V als Übersetzung von *lcoöai verstanden: Jodae, d. h. zu griechisch o ^vvszoc. Nun war aber auch II Chron. 26 5 LXX von einem Zacharias mit folgenden Worten die Rede: Iv xalc. r^ägcaq Zaya- Qtov rov Cvviovrog Iv tpoßq) xvqiov. Der Ausleger hat das Beiwort rov Ovviovrog als Patronymikon des Zacharias begriffen, sodann den JSvvicov mit dem 2vver6c, wie nach seiner Voraus- setzung der Vater des II Chron. 24 Ermordeten zu griechisch hieß, verselbigt und so auch die Identität des II Chron. 24 er- wähnten Zacharias mit dem II Chron. 26 genannten Manne gleichen Namens erschlossen. Diese Person war aber Jes. 8 2 als ZuyaQiac, vlog Baoayiov eingeführt-. Daraus ergab sich dann die obige Lösung: der Vater des hingemetzelten Zacharias trug sowohl den Namen Barachias, d. i. Gesegneter des Herrn, wie auch den Namen 'Icoöat, den letzteren wegen seiner ovveoic. Dieses Wort OvvEOig, das nach Zonaras Lex. Sp. 1636 xqiöic 6q&?'j bedeutet, hat Hieronymus jedoch auf Anreiz des Contextes (sanguis justus, Abel justus) und in Erinnerung an den so häufigen Beinamen Justus falsch durch justitia anstatt durch Judicium übersetzt.

Ferner hat die von Hieronymus zu Matth. 23 35 copierte fremde Quelle auch wieder dem Chrysostomus vorgelegen. Die- ser fährt hom. 74 in Matth. (MG 58 68i) nach Aufzählung an- derer Deutversuche des Zacharias also fort: 01 öe %xeqov nva öiojvvfiov hgta, 6v xcd (sc. viov rov) Icoöat <pi]Giv ?j yQag>rj.

Die aramäische Matthauebearbeitung der Nazaräer im urteil etc. 85

Chrysostomus kennt demnach eine Auslegung, nach der es sich Matth. 23 um den Jes. 82 erwähnten ^Priester Zaxaglag vtoq BaQaxiov handelt, der aher einerlei Person sei mit Zacharias, Sohn des Jodae, von dessen Tötung II Chron. 24 erzählt wird. Die Selhigkeit seiner Vorlage mit der des Lateiners liegt auf der Hand. In diesem Zusammenhange ist auch auf folgende Ausführung einzugehen, die in dem Matth.-Commeutare des Pe- trus von Laodicea steht: Za^/agiav de zov Icoöah X&yei, öicovv- (iog jag t'jv. evglöxofiev de xal'A^agiav ev xoig JtagaXeuiofievoig legtet (povev&evra fierat-v rov vaov xal xov d-voiaört/giov vjco '/mag ßaöiXecog, ov xal ' [coötjxog Zayagiav xaltl s&XXrpiCflOV t6 ovopa (ed. Heinrici S. 267). Nach Zahn GK II S. 695 mag der Anfang dieses Scholions auf die griechische Version des HE durch Hieronymus zurückgehen. Er ist aber doch nur eine Copie nach Chrysostomus. Und zwar unterscheidet Petrus den Fall des ersten Satzes von dem darauf von ihm selber zur Sprache gebrachten Fall II Chron. 24; er hat mithin in der knappen Formulierung des Chrysostomus das Wort Icodae irr- tümlich aecusativisch genommen und verstanden, ein sonst als Jodae bezeichneter Mann werde Matth. 23 35 unter seinem zweiten Namen Zacharias erwähnt. Wir werden jedoch nicht irre gehen, wenn wir den griechischen Gewährsmann des Hieronymus und Chrysostomus, der da hebräisch verstand und die NE -Variante Nr. 28 in seine Auslegung einbezogen hatte, wieder in Apolli- naris sehen.

d) Mit dem Fragment Nr. 27 verbindet Hieronymus die Nachricht, er habe die citierte Schrift »neulich« so hieß es Nr. 23 schon sechs Jahre früher aus dem Hebräischen in das Griechische übersetzt. Diese Versicherung ist, wie schon er- wähnt, unter allen Umständen unwahr. Im Hinblick auf die schriftstellerischen Manieren des Kirchenvaters kann sie deshalb nur als Eingeständnis aufgefaßt werden, daß er das betreffende Stück schon im griechischen Wortlaut vorgefunden habe. Aber auch die im Zusammenhang sonst gar nicht motivierte Angabe » quod vocatur a plerisque Matthaei authenticum « ist nur als eine bei Hieronymus durch zahlreiche Analogien belegbare Be- richterstattung über die Einschätzungsweise verständlich, deren sich die Quellenschrift in der Vorlage erfreute, in welcher das Citat anzutreffen war. Damit ist zugleich die Zugehörigkeit des

m; A. Scbmidtke, Judenchristliche Evangelien.

Bruchstückes zum NE und die Unabhängigkeit von Origenes er- härtet. Als Vermittler kommt in erster Linie der außer Origenes sporadisch berücksichtigte Commentar des Apollinaris in Be- tracht. Es läßt sich aber auch noch ein gewisser Zusammenhang zwischen dem Fragment und der Auslegung des Laodiceners fest- stellen. In der von Cr am er herausgegebenen Catene zu Mat- thäus ist S. 91 folgender Satz zu der Perikope Matth. 12 9-13 er- halten: 'AjioXivaQiov. y.ai ov avd-Qcojts, kav eyjjg y^tga gijQav, äxovöag jiaQa rov ocoz?]Qog' Ly.xuvov xi]V yzloa. öov sjiX tgyoi- dya&olg, svsQyovvtoq rov 'iqoov ajio'/.axaGxa&JjGET cu ryi//- cog 1) alli}. Dieser Ermahnung zufolge muß Apollinaris erklärt haben, der Mann mit der geschwundenen Hand sei deshalb ge- heilt worden, weil er die Genesung zu einem löblichen Zwecke begehrt habe. Der Herr heilt solche Kranke, von denen er weiß, daß sie gesunden wollen, um gute Werke auszuführen, zu denen er also sprechen kann : exzetvov r?]v yüQa oov sjcl sgyoic ayad-olq. Für dieses im kanonischen Text auf keine Weise be- gründete Verständnis bildet die apokryphe Erzählung Nr. 27, der Kranke habe um Wiederherstellung der Gesundheit gebeten, um ehrlich arbeiten zu können und nicht schimpflich betteln zu müssen, geradezu die nötige Voraussetzung.

c) Wir kommen zu Nr. 33 , dem NE-Citat im Jesaja-Com- mentar, der in den Jahren 408 410 entstanden ist. Auch für dieses Werk hat dem Hieronymus die Auslegungschrift des Laodiceners vorgelegen l. Das Citat ist wiederum ganz fest ver- schlungen mit einer Ausdeutung von Jes. 11 2 (ML24us), die hier folgende zwei Momente geweissagt findet. In Jesus hat erstens die ganze Fülle der Göttlichkeit körperlich Wohnung genommen, nicht etwa nur Teile von ihr wie in den anderen Heiligen: nach dem Texte des NE soll auf ihn vielmehr der

1) Hieronymus prolog. in comm. in Jes.: »Apollinaris autem more suo sie exponit ornnia, ut universa transcurrat et punetis quibusdam at- que intervallis, itno compendiis grandis viae spatia praetervolet, ut non tarn commentarios quam indices capitulorum nos legere credamus« (ML 24 21 f). Mit dieser Kennzeichnung will der Lateiner die Möglichkeit ausschalten, als könne er dem Apollinaris etwas von Bedeutung nachgeschrieben haben. Sie ist natürlich stark übertrieben und karikiert die Art des Laodiceners, die Absichten des Textes ohne erbauliche Suada in knappe, «charf durch- dachte Scholien zusammenzufassen.

Die aramäische Matthausbearbeitung der Nazaräer im urteil etc. 87

ganze Quell des hl. Geistes herabkomruen. Anderseits hat der hl. Geist in Jesus aber auch Ruhe gesucht zu ewiger Bevvohnung; nicht also um nach dem Einzug wieder fortzufliegen und wieder auf ihn herniederzusteigen, sondern, wie auch Joh. Is2f aus- sagt, um beständig in ihm zu verbleiben. Die beiden Gedanken weiden sodann nochmals durch das diesen doppelten Tatbestand gleichfalls betonende vollständige Citat Nr. 33 belegt. Dieses Scholion nun ist darum als Abschrift aus einer fremden Vorlage zu erkennen, weil es eine Corrumpierung eines fremden Ge- dankens enthält. Unverkennbar sollen nämlich die Worte »non ut avolaret et rursum ad eum descenderet, sed . . . jugiter permaneret« eine bestimmte Irrlehre treffen, die aber nicht faß- bar wird. Das weist darauf hin, daß Hieronymus hier wieder einmal aus Mißverständnis die Pointe der Vorlage verdorben hat. Und zwar hat er ganz augenscheinlich unter der Einwirkung von Jes. 11 2 und der citierten Texte Nr. 33 und Joh. 1 32 einen ursprünglichen Wortlaut ütaliv avaßcuvsiv, dessen Spitze er nicht verstand, willkürlich in die Wendung »rursum ad eum descendere« verkehrt. Wie sich der erste Satz der mitgeteilten Ausdeutung gegen die Lehre Pauls von Samosata richtet, nach dem die Einwohnung der Weisheit in Christus ihre Parallelen in der Einwohnung in den Propheten und vielen anderen Personen hatte, so war der zweite Satz ursprünglich als eine Bestreitung der sabellianischen Energienlehre gemeint. Hieronymus spielt also auch hier nur den Copisten; das Citat Nr. 33 ist völlig mit der übernommenen Auslegung verflochten; eine der Vorlagen des Jes.-Commentares enthielt Mitteilungen über die nazaräische Exegese einiger Jesaja - Stellen * ; die Auslegungsschrift des Apollinaris, der nachgewiesenermaßen das NE verwendet hat, lag dem Lateiner vor; der Schluß, daß der Laodicener auch Nr. 33 vermittelt hat, ist nicht zu vermeiden. Beiläufig sei noch angemerkt, daß die einzelnen Formeln des Scholions wie necpia- cmam per partes (ovöaficög ajib fiegovc), jugiter (övvajtrcöc), Heilige für Gottesmänner aller Art sich auch bei Apollinaris häufig finden, und daß dieser in der Schrift 1) xara (isqoq xiüziq 13 folgeude Parallele zu dem zweiten polemischen Satze bietet: a.7o<pevyo[i£v toi> 2aßeZXiov liyovxa . . . vibv de xbv loyov ev

1) Siehe oben S. 64.

88 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

rm jtatQi {itvovra xal xara xcuqov t/jc d/j^iovQyiag cpaivö- fisvov, tJttiTa utza xi]v aütavxcov Jtti/Qcooiv xcöv jiQayjiarcoi' sig d-EOV avaTQtxovrax.

d) Daß Nr. 39, die späteste Anführung bei Hieronynius, aus der gleichen vermittelnden Quelle wie Nr. 50 der Scholiensamni- lung bezogen sein müsse, ist bereits oben S. 69 dargelegt wor- den. Der Kirchenvater hat das Citat ebensowenig aus der Ur- kunde selber ausgezogen wie den an Nr. 39 angeschlossenen Aus- spruch Barn. 5 9, als dessen Urheber er falsch ratend den Ignatius bestimmt (ML 23 59s). Durch die Aufnahme in den Randapparat ist zugleich verbürgt, daß das Fragment dem NE und nicht, wa.> nach dem Lateiner allein nicht zu entscheiden wäre, dem HE entstammt. Auf den Standpunkt seiner Vorlage reagiert Hiero- nymus in der Einführung Nr. 38 wieder mit der Angabe, es handele sieb um das hebräisch geschriebene, bis zur Gegenwart noch von den Nazarenern gebrauchte Evangelium, das nach der Ansicht der »plerique« das Werk des Matthäus selber sei. Die vorangegangenen Beobachtungen berechtigen uns vollauf, den Apollinaris als den gemeinsamen Vermittler von Nr. 39 und 50 anzunehmen. Für ihn war das Wort Nr. 50 aueb von höchster Bedeutung, da es unzweideutig dahin entschied, daß der Besitz des heiligen Geistes einen Menschen nicht der Macht der Sünde entziehe. Wenn der Herr selber es feststellte, daß sogar in den geistgesalbten Propheten noch Xoyog aftaQriag gefunden wurde, so war des Laodiceners Hauptargument unwiderleglich: aövvaxov iöxiv ev Xoytöfiolg av&Qcomvoig af/agriav [vr\ stpai. Schwerlich hätte ein anderer Schriftsteller aus der Fülle der Eigenheiten des NE gerade diesen, so leicht Ärgernis gebenden Spruch herausgesucht und der Beachtung empfohlen.

4. Unsere Berechnung hat die Gegenprobe siegreich be- standen. Mag auch dieser oder jener einzelne Zug nicht richtig gedeutet oder in seinem Gewicht überschätzt worden sein, es bleibt genug des Sicheren und sehr Wahrscheinlichen zurück, das zusammen den Indicienbeweis, Apollinaris sei die Quelle für die Späteren gewesen, als geglückt erscheinen lassen muß. Ein anderer Schriftsteller kommt ja überhaupt nicht in Frage. Der Laodicener hat also, wie die von ihm abhängigen Autoren über-

1) Lietzmann, Apollinaris von Laodicea I S. I71f.

Die aramäische Matfh&n&bearbeitung der Nazaräer im urteil etc. 89

einstimmend zu erkennen geben, die aramäische Matthäus-Aus- gabe der Nazaräer als das »hebräische« Original, von dem die älteren Väter berichteten, anerkannt und tüchtig ausgenützt. Es ist nun nochmals darauf hinzuweisen, daß eine Urkunde, die von Capacitäten wie Euseb und Apollinaris als der matthäische Urtext eingeschätzt und für textkritische Kleinigkeiten wie Nr. 40 ff verwertet wurden ist, nicht das xa& EßQaiovq evayyiXiov gewesen sein kann, das Väter wie Klemens, Origenes, der Ver- fasser der stichometrischen Liste Nr. 6, die Kanonisten Nr. 7 und Euseb selber Nr. 7 10 durchaus als ein ganz selbständiges Schriftwerk behandelt haben, und das insbesondere Origenes, der doch die verschiedenen kxöooeiq des AT regelmäßig zu Rate zog, in seinem so häufig textkritischen Fragen zugewendeten großen Erklärungswerk zu Matthäus auch nicht ein einziges Mal irgend- wie berücksichtigt hat. Schon die Varianten Nr. 40— 52 und die Art ihrer Verwendung zeigen unwiderleglich, daß das NE so beschaffen war, daß es den Vätern entweder nur als matthä- isches Original oder als syrische Übersetzung, sei es nach der hebräischen Urschrift, sei es nach der griechischen Version, nicht aber als ein selbständiges Evangelienwerk erscheinen konnte. Auch Hieronymus hat, wie im sechsten Abschnitt eingehend zu zeigen ist, niemals daran gedacht, das NE unter Umständen als ein apokryphes fünftes Evangelium zu empfinden. Worüber er sich nicht klar werden konnte, war vielmehr nur, ob das NE denn nun wirklich, wie Euseb Nr. 11 f, Apollinaris und Epipha- nius behaupteten, das authenticum Matthaei (Nr. 27) selber oder, wie ihm Väter wie Origenes zu urteilen schienen, bloß »secun- dum Hebraeos editum« (Nr. 22) war, d.h. eine syrische, mög- licherweise von den Aposteln (Nr. 38) veranstaltete Edition des Matthäus - Evangeliums auf Grund der Hebraei Codices, eine selbständige Parallele also zu dem griechischen Matthäus, die neben dem letzteren doch immerhin ebensoviel Beachtung ver- diente wie die Versionen des Aquila, Symmachus. Theodotion oder sein eigenes lateinisches vetus testamentum juxta Hebraeos neben der kirchlicherseits recipierten Septuaginta.

Die Stellungnahme des Apollinaris nun ist zur Genüge durch das Vorbild des Eusebius Nr. 11 12 erklärt. Wie bereits oben S. 72 Anm. 2 erwähnt, hat er das NE in Fällen wie Nr. 41 48 zur Bestreitung der von Lukian aufgenommenen Zusätze in das

90 A. Sclirnidtke, Judenchristliche Evangelien.

Feld geiührt. Für die Auswahl der Citate Nr. 33 und Nr. 39 = 50 war seine eigentümliche Lehrtendenz maßgebend, für die Be- kanntgebung von Nr. 21 42 der tiefe Ernst dieser Sprüche. An- gaben wie Nr. 28 46 49 mögen durch die Polemik gegen Por- phyrius veranlaßt worden sein. Eine Abwehr gegen diesen Gegner stellt wohl auch der Vermerk oben S. 22 dar, in etlichen Handschriften finde sich die Berufung auf Hos. 11 i erst hinter Matth. 2 2i. Die Stelle Matth. 2 ließ sich nämlich von einem Übelwollenden dahin deuten, Joseph habe den ägyptischen Auf- enthalt in Scene gesetzt (xcä ijv txsi . . . Iva jr//;0<x>##), um die prophetische Stelle auf seinen Sohn Jesus anwendbar zu machen. Diese Verdächtigung fiel jedoch zu Boden, wenn das Citat nach dem Zeugnis anderer Handschriften überhaupt erst an das Ende der Erzählung als eine abschließende Reflexion des Evangelisten gehörte. Abschriften mit einer solchen Umstellung sind nicht bekannt geworden. Dieser Umstand genügt natürlich nicht, um die Nachricht in Frage zu ziehen. Vielleicht liegt ihr aber doch nur ein irriger Rückschluß zugruude aus Euseb demonstr. ev. IX 4 2: sjidjiEQ xcä o Maxdaloq xtdeucu xi]v jTQO(pt]xslav, ojcrjvixa «c Älyvjixov öiaxofiiGfrrji-ai xbv I?jöovv xaxet&sv hjtavsXdüv ejcl xr/v yr\v xov 'IöqclijI körjlov. Aus dieser An- führung konnte leicht gefolgert werden, daß die von Euseb ge- lesenen Handschriften das Citat erst hinter Matth. 2 21 xcä uorj)Ahr slq yr/v 'logayl enthielten.

Im allgemeinen hat Apollinaris das NE jedoch zur Hebung der selben Schwierigkeiten herangezogen, die schon dem nazarä- ischen Bearbeiter zu schaffen gemacht hatten, die sich überhaupt leicht jedem Erklärer aufdrängten und deshalb zum Teil in der exegetischen Literatur häufiger behandelt sind. Beachtung ver- dient noch die peinliche Treue, mit der Nr. 43 der aramäische Comparativ durch ipQOVifiOi vjisq ocpEiq übersetzt und Nr. 52 die semitische Umschreibung »bewaffnete Männer« für das griechische Grundwort Matth. 28 12 oxgaxicöxcu beibehalten worden ist,

5. Es erscheint ratsam, im Anschluß an die auf Apollinaris bezüglichen Nachweise nun noch mitzuteilen, was über die Ver- mittelung und Zugehörigkeit des Fragmentes Nr. 57 zu sagen ist.

Bei der Auslegung der Perikope vom reichen Jüngling äußert sich Origenes in der griechischen Überlieferung des Matthäus- Commentares XV 14 (MG 13 12x0 ff) folgendermaßen. Die Worte

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc, 9]

Matth. 19 L9 ayarnjösig tov jclrjoior oov tag oeavrov passen nicht in den Zusammenhang. Diese Schwierigkeil läßt sich durch die Annahme beseitigen, das störende Satzglied sei unecht und erst nachträglich eingeschoben. Für diese Lösung spricht, daß das beanstandete Gebot in den parallelen Berichten bei Mark, und Luk. fehlt und, wie gesagt, sich mit dem Context nicht verträgt. Da dieEvangelienhandschriften bekanntlich aus den verschiedensten Gründen alle möglichen Abänderungen erlitten haben und des- halb stark differieren, so hat die vorgetragene Vermutung ja auch nichts Frevelhaftes. Bei dem Text des AT, wo sich der aus gleichen Ursachen entstandene Schaden mit Hilfe des Ur- textes und der übrigen Versionen wieder gutmachen ließ, war, so fährt Origenes fort, unsere Verhaltungsweise nun die, daß wir die im hebräischen nicht enthaltenen und darum als unecht ver- dächtigen Mehrbestandteile der Septuaginta nicht etwa gestrichen, sondern nur durch Obelisierung hinsichtlich dieser ihrer Bezeu- gungsart gekennzeichnet haben. Ebenso haben wir solche Stücke, die in den Septuaginta - Handschriften fehlen, im 'Eßoalxov je- doch und in den anderen Übersetzungen übereinstimmend vor- handen sind, durchaus nicht den Lesern aufgezwungen; wir haben sie nur mitgeteilt und durch Asterisken veranschaulicht, welche Instanzen für sie sprechen. »So kann, wer will, diese Stücke preisgeben; wer jedoch an einem solchen Verfahren (die obelisierten Plusstellen der LXX als spätere Zusätze auszuscheiden) Anstoß nimmt, der mag sie nach Belieben annehmen oder nicht.« Nun folgt sofort die Anwendung auf Matth. 19 19: o xoivvv &tlcov fi/j JiaQiooUp&ai tvxav&a x?jv ayajrtjOsic xbv rr/.tjölov Oov a>g Oeavxbv tvxohjv, all' afoj&cöc, vjtb xov xvgiov tuexa xaq jiooxegaq sigr/od-cu xoxs, igü 6x1 xxX., eine Aus- führung, die zweifellos nur so verstanden werden sollte: »Das geschilderte, beim AT beobachtete Princip soll nun auch im vorliegenden Fall Matth. 19 19 gelten. Es soll einem jeden frei- gestellt sein, die fragliche Satzpartikel zu verwerfen oder als historisch und ursprünglich zu betrachten. Wer dementsprechend also unsere Gründe gegen die Echtheit der Stelle nicht als stich- haltig anerkennt, dem wollen wir keineswegs widersprechen, sondern ihm einen Weg zeigen, wie er auch unter Beibehaltung des betreffenden Satzgliedes durch Auslegung der Schwierigkeit Herr werden kann.«

92 A. Schmidtke, Judenchristliche Evangelien.

In der lateinischen Bearbeitung des Commentares ist der oben gesperrte Satz durch »judicent autem qui possunt, utruni vera sint quae tractamus an falsa« umschrieben, also irriger- weise nicht auf des Origenes Ausgabe des AT, sondern auf die vorgetragenen Argumente gegen Matth. 19 19 bezogen. Infolge dieses Mißverständnisses hatte der Lateiner nun aber den Angel- punkt der ganzen Erörterung verloren. Diese schien sich ihm nunmehr in folgende Sätze zu zerlegen: »die Worte ayanr^nz xtX. sind als Einschiebsel verdächtig, die evangelischen Hand- schriften sind stark verderbt, den Text des AT konnten wir in Ordnung bringen, den Lesern steht es frei, die Bedenken gegen Matth. 19 19 anzuerkennen oder nicht«. Da klaffte nun allerdings eine unerträgliche Lücke vor dem letzten Gliede der Aussagenreihe, die der Bearbeiter wohl dem Schreiber seines Codex zur Last legte und wie folgt im Sinne des Origenes aus- füllen zu müssen meinte: »in exemplaribus autem novi testa- menti hoc ipsum me posse facere sine periculo non putavi. tan- tum suspiciones exponere me debere et rationes causasque su- spicionum non esse irrationabile existimavi, sicut in hoc loco, quod dicitur diliges proximum tuum sicut teipsum, quoniam apud Marcum et Lucam positum non est«. Durch diese Ergänzung ist aber der Sinn der Vorlage ins gerade Gegenteil verwandelt wor- den. Hatte Origenes sich dahin ausgesprochen, er wolle Matth. 19 19 gegenüber ganz ebenso verfahren wie bei den verdächtigen Zu- sätzen der LXX, so ließ ihn der Übersetzer umgekehrt sagen, was er beim AT getan, das habe er bei dem NT, also auch zu Matth. 19, nicht leisten können und wollen. Dabei fiel der Be- arbeiter auch noch aus dem Stil, indem er in der Einschaltung den Origenes in der ersten Person Singularis sich äußern ließ, während dieser in der selben Verhandlung die erste Person der Mehrzahl angewandt hatte.

Was sonst die Einzelheiten des Einschubes angeht, so sind dessen Anfangs worte der vorhergehenden Angabe des Origenes xtjv fiev ovv hv tolq avnyQacpoiQ trjg jcalcuäq öia&rjxtjg öiacpcovlar d-eov ölÖovxoq svQOfitv iaaao&cu entsprechend gewählt. Der Aus- druck »hoc ipsum me posse facere« zeigt, daß der Lateiner die das AT betreffenden Nachrichten mißverständlich auf eine regelrechte Recension gedeutet hat; denn eine ebensolche Vergleichung mit Urtext und Parallelversionen, wie beim AT, war ja bei dem NT

Die aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 93

unmöglich. Das Motiv der Unterlassung »me posse facere sine periculo non putavi« ist erraten nach Hieronymus praefatio in Ew. ad Daniasuni »periculosa praesumptio«. An diesen Prolog wurde der Bearbeiter um so eher erinnert, als Hieronymus dort die Bemerkung des Origenes über die verschiedenen Anlässe zur Textcorrümpierung nachgeschrieben hatte l. Der Rest der Ein- schaltung besteht aus einer freien und erweiternden Wiederholung des ganzen Absatzes.

Nichts ist gewisser, als daß die Äußerung über die Enthalt- samkeit des Origenes bezüglich des ntl. Textes nur ein durch grobe Mißverständnisse erzwungenes Fabricat des lateinischen Bearbeiters darstellt. Hiermit versinkt aber der einzige beachtens- werte Beweisgrund, auf den sich die herrschende Meinung stützen kann, dem Lateiner habe eine zweite, erweiterte Ausgabe des Commentares durch Origenes vorgelegen. Mithin ist man auch keinesfalls befugt, das in der griechischen Überlieferung fehlende Citat Nr. 57, das in der lateinischen Ausgabe an den Ersatz für den oben gesperrten Satz angeschlossen ist, auf Origenes zurück- zuführen. Auch Nr. 57 gehört mit Bestimmtheit zu den Zu- sätzen des Bearbeiters, der, wie Chapman, Journal of Theological Studies 1902 S. 436 441 nachgewiesen hat, ebenso in die Er- klärung von Matth. 26 off ein pseudoklementinisches Citat aus dem Opus imperfectum in Matthaeum eingeschwärzt hat 2. Dieses Er- gebnis ist für uns von der höchsten Wichtigkeit. Denn das Fragment Nr. 57, in dem es heißt »dixit Simoni discipulo suo sedenti apud se: Simon, fili Joannae«, gehört fraglos zu dem selben Schriftwerk, aus dem die Citate Nr. 39 »dixit illi Simon discipulus eius« und Nr. 49 *vlh 'icoavvov« stammen. Die Quelle von Nr. 39 = 50 und Nr. 49 ist aber sicher das NE, während Nr. 57 aus dem »evangelium, quod dicitur secundum Hebraeos« angeführt sein will. Wenn nun Nr. 57 auf Origenes zurück-

1) Origenes bat auf eine Recensierung des neutestl. Textes nicht aus Angst verzichtet er erklärte es ja sogar für keineswegs verwerflich, auch ohne handschriftliche Zeugen Stellen wie Matth. 19 19 als interpoliert zu bezeichnen , sondern weil er die Aufgabe bei dem Mangel an sicheren, allgemein anerkannten Maßstäben einfach für unlösbar hielt. Aus dieser Skepsis erklärt sich auch seine Sorglosigkeit im Citieren.

2) Oder sollte der Matth. - Commentar des Apollinaris für beide die Quelle gebildet haben?

94 A.. Schnridtke, Judenchristliche Evangelien.

ginge, so wären wir genötigt, zwischen dem NE und dem HE ein Abhängigkeitsverhältnis anzunehmen, wodurch die ganze Frage wieder heillos verwischt würde. Nunmehr haben wir aber ledig- lich festzustellen, daß der lateinische Bearbeiter unter dem Ein- fluß der falschen Identifizierung des NE mit dem HE durch Hieronymus (vgl. z. B. Nr. 38) ein Fragment aus dem hebräischen Matthäus der Nazaräer irrtümlich unter dem ihm wissenschaft- licher und zurückhaltender erscheinenden Titel evangelium quod- dam, quod dicitur secundum Hebraeos eingefügt hat, da es die von Origenes für den Fall der Echtheit von Matth. 19 19 gegebene Auslegung gut illustrierte. Die umständliche Bezeichnung lehnt sich an Hieronymus Nr. 23 26 29 »evangelium, quod appellatur (s. scribitur) secundum Hebraeos« an. In der Klausel »si tarnen placet alicui suscipere illud, non ad auctoritatem, sed ad mani- festationem propositae quaestionis« gibt die erste Wendung die bei Hieronymus ständige Einführungsformel von apokryphen Ci- taten wieder, das übrige ist in der Hauptsache Nachahmung der Schlußbemerkung hinter der Citatenkette Nr. 38 39 Barn. 5:<: »quibus testimoniis, si non uteris ad auctoritatem, utere saltem etc.« (ML 23 598) 1; den Ausdruck proposita quaestio endlich gab Origenes gleich zu Beginn der Darlegungen mit jrgbg t?jv üiqo- xsif/svrjv Cf]T7]6iv zur Hand.

Insofern nun nicht anzunehmen ist, daß der zwischen dem fünften und neunten Jahrhundert tätige lateinische Übersetzer des Origenes in der Lage war, das Citat Nr. 57 aus dem aramä- ischen Matthäus selber zu schöpfen, so weist auch er auf einen Schriftsteller zurück, bei dem Citate aus dem NE zu finden waren. Wir werden das Richtige treffen, wenn wir den Matthäus- Commentar des Apollinaris als die Quelle des Lateiners betrachten. Wie Apollinaris den ursprünglichen Wortlaut von Matth. 16 1? nach dem NE als bar Joanna bestimmt hatte (siehe oben S. 70 und 82 f), so hat auch der Vermittler von Nr. 57 die Form vih 'imavvä festgehalten, die dann von dem Lateiner zu »tili Joannae« abgebogen wurde.

1) Zahn GK II S. 644 Anni. 1 betrachtet wenigstens die Worte »non ad auctoritatem quaestionis« in Nr. 57 als eine Zutat des Lateiners und erinnert an die Charakteristik der libri ecclesiastici im Unterschied von den canonici bei Rutin expos. in symb. 38 »non tarnen proferri ad auctori- tatem ex bis fidei confirmandam«.

Dir aramäische Matthäusbearbeitung der Nazaräer im Urteil etc. 95

V. Epiphanius.

1. Aus der Art, wie Apollinaria das NE benannte und ver- wertete, ersah Epiphanius, daß die Nazoräer im Unterschied von den im Pauarion eben vorher geschilderten Kerinthianern das erste Evangelium als ganzes Buch, also xb xara Maz&alov tvayytXiov Ji/.fjQi'orarov, benützten ', und zwar nicht in der griechischen oder in einer anderen Version, sondern noch im hebräischen Urtexte selber. An der entsprechenden Mitteilung Nr. 13 wurde nichts geändert, falls jene Leute, die nach haer. 30 2 anfänglich in Beziehungen mit dem ebionäischen Sectenstifter ge- standen hatten, etwa gleich den Ebionäern Nr. 15 die Genealogien abgestrichen haben sollten. Hörten doch auch die griechischen Handschriften nicht auf, jedes Evangelium xZrjQSÖTazov zu ent- halten, wenn sie als echt geltende Textabschnitte wie Matth. 16 af Mark. 16 9-20 Luk. 22 af 23 3-ia u. a. m. 2 vermissen ließen.

Epiphanius wußte nichts davon, daß es Schriftsteller gäbe, welche die Authenticität des nazoräischen Matthäus anzweifelten und zwischen diesem und dem Original sogar einen solch starken Abstand feststellten, daß sie das NE nicht einmal als einen gut- oder böswillig interpolierten Matth. -Text, sondern als ein selb- ständiges Evangelienwerk unter dem Titel -/.ad* 'EJgaiovc svayysXiov einführten. Mit Freuden würde er jedwedes Bedenken gegen die Originalität aufgegriffen und die Abweichungen